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Agrippina die Jüngere und ihre Zeit

Die Reise der Eltern in den Orient und der Tod des Vaters

Spätestens im April 17 n. Chr. befand sich Germanicus mit seiner Gattin und den drei Kindern Caligula, Drusilla und Agrippina der Jüngeren auf dem Heimweg nach Rom, wo ihm von dem Senat wegen seiner militärischen Erfolge in Germanien ein großer Triumph gewährt werden sollte. Welche Route er über die Alpen gewählt hatte, ist leider nicht überliefert worden. Auf alle Fälle benötigte man zu dieser Jahreszeit mehr als zwei Wochen, um von Germanien aus das politische, wirtschaftliche und kulturelle Zentrum des römischen Reiches zu erreichen.

Der römische Geschichtsschreiber Ammian († 395 n. Chr.) schildert z.B., wie im Frühling auf der steil abfallenden, durch Schmelzwasser überschwemmten und schlüpfrigen Straße des Mont Genèvre Menschen, Tiere und Fuhrwerke ausglitten und stürzten. Zudem bestand Germanicus´ Troß noch aus unzähligen, zu Fuß marschierenden, germanischen Kriegsgefangenen, aus den in den germanischen Wäldern eingefangenen Tieren wie den Wildkatzen, den Luchsen, Wölfen und Bären und aus den reichlichen Beutestücken, die in den verschiedenen blutigen Gefechten erworben bzw. geraubt wurden. Dies alles sollte neben den zwei wieder erworbenen Legionsadlern des ehemaligen Befehlshabers P. Quinctilius Varus und der Gattin und dem in der Gefangenschaft geborenen Sohn des Arminius, Thumelicus, stolz im großen Triumph vorgeführt werden. Wenn Germanicus schon nicht den gefährlichsten Gegner der Römer, Arminius, selbst vorzeigen konnte, so doch zumindest dessen Familie. Thumelicus sollte sein Leben später in Ravenna als Gladiator fristen. Bereits vor dem Jahre 47 n. Chr. wird er bei diesem gefährlichen Gewerbe gestorben sein.

Wie üblich wurde Germanicus von seinen Landsleuten herzlich willkommen geheißen. Sämtliche zwölf Prätorianerkohorten – obwohl nur zwei dazu den Befehl erhalten hatten – rückten zu seinem Empfang aus. Und nicht nur sie gingen dem Held entgegen. Laut Sueton strömte ihm „das ganze römische Volk ..., ohne Unterschied des Geschlechts, Alters und Standes ... bis zum zwanzigsten Meilenstein (circa 30 km vor Rom)" entgegen (in: Sueton: Caligula, 4).

Agrippina die Jüngere zählte gerade ein halbes Jahr, als sie mit ihren Eltern und Geschwistern die Hauptstadt des römischen Reiches, über das ihre mächtige Familie herrschte, betrat. Ein Gebiet, das laut Flavius Josephus „im Osten den Euphrat, im Westen den Ozean, im Süden die fruchtbaren Gefilde Libyens, im Norden die Donau und den Rhein zu Grenzen" hatte (in: Flavius Josephus: Geschichte des Judäischen Krieges, Leipzig 1990, S. 243), das eine Fläche von circa 3 500 000 km2 umfaßte, aus bereits 29 verschiedenen Provinzen bestand und in dem 60 - 80 Millionen Menschen – fast ein Drittel der gesamten damaligen Weltbevölkerung – lebten, wurde von Agrippinas Verwandten regiert, und zwar von der größten Stadt des Imperiums aus, nämlich von Rom.

Diese Stadt mit ihren fast eine Million Einwohnern wurde noch zu Lebzeiten des Augustus in seinem Auftrag verschönert. An vielen Stellen hatte man baufällige Häuser abgerissen und durch marmorne Prachtbauten ersetzt. Aber diese Maßnahmen bewirkten wenig. Auch um 17 n. Chr. bestimmte ein Gewirr von engen Straßen und gewundenen, dunklen Gäßchen, die mit bis zu sechsstöckigen, oft kurz vor ihrem Zusammenbruch stehenden, viel zu teuren Mietshäusern beidseitig belegt waren, das Bild von Rom. Zumindest in den ärmeren Vierteln wie z.B. in der Suburba, die zwischen den Hügeln Viminal und Esquilin lag, hatte sich nicht viel geändert. In diesen heruntergekommenen Mietskasernen lebte die Hauptmasse der Bevölkerung Roms, die ihren Lebensunterhalt durch handwerkliche Arbeit, Dienstleistungen oder Tätigkeiten im Kleinhandel verdiente. Verfügten die Besitzer der unteren Etagen zuweilen noch über einen Anschluß an das Wasser- und Kloakennetz, lebten die Bewohner der oberen, beengten, äußerst ärmlich eingerichteten Etagen wegen der recht leichten Holzbauweise ständig mit der Einsturz- und Feuergefahr. Für die Mieter dieser Stockwerke standen jedoch in jeder Straße zumindest ebenfalls Brunnen und öffentliche Toiletten mit ihren 10 - 40 Gemeinschaftssitzen (ohne Trennwände) zur Verfügung.

Der Dichter Juvenal, der in solch einem Viertel lebte, hat uns sehr anschaulich dargestellt, was es bedeutete, hier wohnen zu müssen: „Kein Mensch fürchtet jemals Hauseinsturz im kühlen Praeneste oder in Volsinii auf seinen Waldeshängen noch im bescheidenen Gabii oder in Tibur, hoch über dem Abhang. Wir aber wohnen in einer Stadt, die zum großen Teil auf schwachen Stützbalken ruht, denn so hemmt der Hausverwalter den Zusammenbruch, und wenn er alte klaffende Risse ausgebessert hat, heißt er uns ruhig schlafen, während beständig Einsturz droht. Dort sollte man wohnen, wo es keine Brände gibt, wo man sich nachts nicht fürchten muß. Schon ruft Ucalegon nach Wasser, schon schleppt er sein bißchen Kram heraus, im dritten Stockwerk qualmt´s schon, du aber weißt es nicht. Denn wenn am Fuße der Treppe das Durcheinander beginnt, wird als letzter der Feuer fangen, den nur die Dachziegel vor dem Regen schützen, dort wo die sanften Tauben ihre Eier legen." (in: Juvenal: Satiren, Stuttgart 1994, 3. Satire, S. 34).

In den reicheren Vierteln z.B. auf dem Esquilin und dem Caelius traf man dagegen auf die luxuriösen Villen der Senatoren und Ritter, die von riesigen, bissigen Kettenhunden bewacht wurden. Außerdem befanden sich hier die zahlreichen marmornen Tempel, die Theaterbauten und die jedem Römer und jeder Römerin zugänglichen, umfangreichen Parkanlagen. Auf dem Palatinhügel lagen schließlich die Häuser der kaiserlichen Familie. Das neue Zuhause der kleinen Agrippina befand sich z.B. im Süd-Westen, direkt gegenüber dem Forum, dem Versammlungsort und Marktplatz, an dem sich die wichtigsten Straßen von Norden nach Süden und von Westen nach Osten kreuzten. Auch der Tempel der Vesta, der Stadtgöttin, war hier vor langer Zeit errichtet worden.

Agrippina wird hier in dem üblichen Luxus einer sehr wohlhabenden Familie aufgewachsen sein. Die Paläste stattete man wie die Villen der reichen Senatoren mit den unterschiedlichsten Marmorsorten, wie z.B. dem bläulichen Bardiglio, dem gelben Alabaster, dem grünlichen Cipollino, dem Pavonazzetto mit seiner charakterischen schwarz-weiß-blauen Maserung etc., verschwenderisch aus. Die Wände und Decken versah man, wenn sie nicht gleich ganz vergoldet waren, mit kostbaren Malereien, deren Motive der Natur, dem Alltag, der römischen Geschichte und der griechischen oder römischen Mythologie entnommen worden waren. Die Fußböden legte man zudem mit buntem Mosaik aus. Kostbare mit Schildpatt eingelegte Möbel, Tische mit Füßen aus Elfenbein, luxuriöse Sofas, zusammenklappbare Stühle mit gedrechselten oder gekrümmten Beinen, gemütliche Korbsessel und Trittbänkchen, Truhen und Holzschränke mit Flügeltüren und Fächern, Anrichten mit Schublade und Doppelflügel, wertvolle Gemälde, Skulpturen aus Bronze, Elfenbein, Gold und Edelsteinen, Bildnisbüsten berühmter Vorfahren, Feldherren, Dichter, Redner und Philosophen, an Ketten aufgehängte Öllämpchen, Bronzekandelaber, bronzene Dreifüße, die als Ständer für Räucherfässer dienten, und große, teure Vasen aus korinthischer Bronze, Murrha und Bergkristall füllten neben dem Lararium, dem Heiligtum der Haus- und Familiengötter, und dem heiligen Herd der Göttin Vesta die Räume. Selbstverständlich verfügte die kaiserliche Familie in ihren Palästen noch über private Bade- und Toiletteneinrichtungen (mit Marmorsitzen), natürlich mit eigenem Wasser- und Kloakenanschluß, über eine Fußbodenheizung und über eine reich ausgestattete Bibliothek.

In den Gärten der Innenhöfe, zu deren Inventar Statuen, Bassins, Marmorvasen, Brunnen, Fischteiche, Grotten, Wasserspiele und -becken gehörten, pflanzte man neben Buchsbaum, Kiefer, Zypresse, Steineiche, Kastanie, Platane, Myrte, Lorbeer, Akanthus, Efeu, Rosmarin und Immergrün auch die Rose, den Oleander, das Veilchen und die Hyazinthe an. Das Immergrün wurde dabei zuweilen von geschickten Gärtnern in geometrische Formen und Figuren von Tieren, Göttern, ja, ganzen Gruppenszenen oder in den Namen des Villenbesitzers geschnitten. Unter schützenden Glasdecken reiften hier auch im Winter die Trauben, Birnen, Feigen, Granatäpfel, die Kirschen aus Kleinasien, die Äpfel aus Persien, die Pflaumen aus Armenien, und die eben erst aus Kleinasien eingeführten Aprikosen, Pfirsiche und Pistazien und die Melonen, die ursprünglich nur in den Oasen am Oxus und Jaxartes wuchsen. Nur die Zitronenbäume von den Hesperiden (den Kanarischen Inseln) gingen leider mit aller Regelmäßigkeit trotz großer Pflege ein. Manchmal waren auch Volieren in den Gärten errichtet worden, in denen man die unterschiedlichsten Vögel unterbrachte.

Langes Verweilen oder Ausruhen nach der beschwerlichen Reise gab es jedoch für die kleine Agrippina in dem neuen Palast und seinen Gärten nicht, denn am 26.5.17 n. Chr. stand ihre erste Begegnung mit der Bevölkerung Roms anläßlich des großen Triumphes des Germanicus bevor. An diesem für ihren Vater so bedeutenden Tag saß sie mit ihren vier Geschwistern, der zweijährigen Drusilla, dem fast fünfjährigen Caligula, dem achtjährigen Drusus und dem 11-jährigen Nero neben den Eltern im vierspännigen Wagen, der den Sieger über Germanien mit seiner Familie vom Forum zum Kapitol bringen sollte. Als Triumphator trug Germanicus an diesem Tag das Purpurgewand des Jupiters. Ein Lorbeerkranz schmückte seinen Kopf, und in den Händen hielt er ein Szepter.

Die Plätze, an denen der Triumphwagen am frühen Morgen vorbeizuziehen pflegte, waren bereits wie üblich am Abend zuvor von den neugierigen Zuschauern und ihren Familien belegt worden. Unzählige Künstler waren bereits wochenlang damit beschäftigt gewesen, die Natur des besiegten Landes und den Ablauf der Feldzüge, ihre blutigen Schlachten, die Gefangennahme bedeutender Gegner etc. für die Zuschauer auf riesigen Bildern oder in Form von übergroßen Plastiken darzustellen.

Die Straßen wurden mit Krokuswein besprengt, und das Volk warf dem Sieger und seiner Familie bei ihrer Vorbeifahrt Singvögel, Kranzbänder und Unmengen an Konfekt zu. Ja, seit dem Triumphzug des Augustus nach der Schlacht bei Actium im Jahre 30 v. Chr. hatte Rom keine solche Begeisterung gesehen. Vor und hinter dem Triumphwagen marschierten die Soldaten, gefolgt von den germanischen Gefangenen, den unzähligen Karren, beladen mit den kostbaren Beutestücken, den wilden Tieren aus dem besiegten Lande und den übergroßen Bildern und Plastiken, die einerseits Auskunft über die ausgestandenen Gefahren, andererseits Berge, Landschaften oder Flüsse wie den Rhein und die Elbe verkörperten. Auch die Gattin und der mittlerweile zweijährige Sohn des Arminius, Thusnelda und Thumelicus, wurden in einem besonderen Wagen mitgeführt.

Der große Umzug endete schließlich vor dem Tempel des Jupiter auf dem Kapitol, in dem dem höchsten Gott des römischen Reiches ein Dankopfer dargebracht wurde. Darauf folgte dann ein großes Festmahl, an dem außer der Familie und den Verwandten des Germanicus auch hohe Senatoren teilnahmen. Das Volk erhielt anläßlich des großen Tages zudem noch ein Geschenk: 300 Sesterze (ungefähr 300 DM) für jede männliche erwachsene Person. Ob Germanicus wie Tiberius, der im Jahre 12 n. Chr. wegen seiner Siege über die Pannonier einen großen Triumph gefeiert hatte, dem Volk außerdem noch ein Frühstück auf 1000 Tischen bot, ist nicht überliefert worden, aber zu vermuten. Im Laufe des Jahres errichtete man Germanicus zu Ehren noch einen großen steinernen Bogen, der für immer an diesen großen Triumph erinnern sollte.

Was die Germanen in Germanien betraf, da hatte Tiberius vollkommen Recht behalten. Kurz nachdem Germanicus nach Rom aufgebrochen war, kam es zum Krieg zwischen den Cheruskern und den Markomanen. Letztere konnten von Arminius und seinen Männern in zwei Schlachten besiegt werden. Arminius selbst fiel im Jahre 19 n. Chr. schließlich einem Mordanschlag, aus reiner Eifersucht von seinen eigenen Verwandten begangen, zum Opfer. Nach seinem Tod zerfiel sogleich der Zusammenschluß der germanischen Stämme, und das Problem „Germanien" hatte sich damit für Rom von ganz allein erledigt.

Claudius
Abb. 5: Claudius

Germanicus, der angebliche Sieger über die Germanen, blieb mit seiner Frau Agrippina der Älteren nur noch bis zum Herbst des Jahres 17 n. Chr. in Rom und begab sich dann mit ihr, die wieder schwanger war, seinem mittlerweile fünfjährigen Sohn Caligula und einem großen Gefolge in den Osten. Eigentlich verschob man wegen der zu dieser Jahreszeit auf dem Mittelmeer vorherrschenden, schweren Stürme die Seefahrten in der Regel in das Frühjahr. Germanicus jedoch schien es sehr eilig zu haben, Rom wieder zu verlassen. Hier hätte er sich schließlich dem pater familias, Kaiser Tiberius, zu sehr unterordnen müssen.

Von Tiberius und dem Senat waren ihm das „imperium proconsulare maius" über Syria, Judaea und die angrenzenden Provinzen erteilt worden, d.h. die Befehls- und Amtsgewalt über alle Provinzstatthalter, die mit der militärischen Sicherung, Verwaltung und Rechtsprechung in diesen Provinzen beauftragt worden waren. Damit hatten sich sowohl die Statthalter der kaiserlichen als auch der senatorischen Provinzen in dieser Region, seinen Anweisungen und Befehlen ohne Kommentar zu fügen.

Agrippina die Jüngere blieb derweil mit ihren übrigen Geschwistern bei ihrer Großmutter, Antonia Minor, zurück. Ihren ersten Geburtstag am 6.11.17 n. Chr. feierte sie im Kreise ihrer Geschwister Drusilla, Drusus und Nero und der übrigen Verwandten. Wie üblich wird auch sie an diesem Tag reichlich beschenkt worden sein. Farbige Bälle, Kugeln, Puppen aus Terrakotta oder Elfenbein mit z.T. beweglichen Gliedern waren charakterische Geschenke, mit denen man kleine Mädchen der wohlhabenden Schicht bedachte.

Ihre Eltern wird sie nicht im geringsten vermißt haben. Den fehlenden Vater ersetzte sehr gut ihr Onkel Claudius, der seine Nichte Agrippina noch später, als er sie geehelicht hatte, als seine Tochter und sein Pflegekind bezeichnete, „das er von ihrer Geburt an auf den Armen getragen und aufgezogen habe". (in: Sueton: Claudius 39). Außer ihm und der Großmutter Antonia Minor gehörten zum engeren Familienkreis der kleinen Agrippina von nun an noch die Urgroßmutter Livia und der Adoptivgroßvater Tiberius.

Antonia Minor
Abb. 6: Antonia Minor

Ihr Onkel Claudius (Abb. 5), der jüngere Bruder des Germanicus, zählte nicht gerade zu den Vorzeigepersonen des kaiserlichen Hauses, da er nicht nur als häßlich beschrieben wurde, sondern in Folge einer schweren Kinderkrankheit - vermutlich der Masern - schwerhörig und z.T. gelähmt war. Er zog aufgrund dieser Erkrankung das rechte Bein nach. Zudem „stotterte er und zitterte beständig mit dem Kopf, was sich bei der geringsten Tätigkeit noch steigerte." (in: Sueton: Claudius, 30). Tiberius hielt ihn - unbegründeterweise - sogar für geistesschwach, und Augustus hatte stets Angst, daß Claudius, falls er in der Öffentlichkeit auftreten sollte, die gesamte Familie lächerlich machen würde. Selbst seine Mutter, Antonia Minor, ging nicht besonders feinfühlig mit ihm um. Sie „pflegte ihn »eine Mißgeburt von einem Menschen« zu nennen und von ihm zu sagen, »die Natur hätte ihn nur skizziert, nicht vollendet«, und wenn sie jemandem den Vorwurf der Dummheit machen wollte, so sagte sie gewöhnlich, er sei einfältiger als ihr Sohn Claudius." (in: Sueton: Claudius, 3).

Agrippinas Großmutter, Antonia Minor (Abb. 6), selbst wurde als eine sehr schöne Frau beschrieben, die ehrgeizig, selbstbewußt, intelligent, mutig und zuweilen sehr hartherzig sein konnte. Selbst ihren Kindern gegenüber kannte sie keine Barmherzigkeit.

Livia
Abb. 7: Livia

Livia (Abb. 7), die Urgroßmutter der kleinen Agrippina, lebte in einem an Antonia Minors Palast anschließenden Gebäudekomplex und konnte deshalb ihre Urenkel jederzeit besuchen. Sie wurde ebenfalls als eine auffallend gutaussehende Frau mit großen Augen, spitzer Nase, vorstehendem Kinn und kleinem Mund mit schmalen Lippen beschrieben und galt als eine der drei schönsten Frauen ihrer Zeit. Nach dem Tode ihres Gatten Augustus, der sie in seinem Testament adoptiert hatte und damit zur Julierin machte, erhielt sie vom Senat den Titel Augusta zuerkannt. Sie galt als willensstark, selbstbewußt, beherrscht, sehr ehrgeizig, stolz, charmant und intelligent. Laut Sueton war sie zudem eine unkomplizierte Ehefrau, die peinlich genau auf ihren guten Ruf bedacht war. Gelegentliche Ausschweifungen ihres Gatten nahm sie ruhig hin. Zudem glaubten schon ihre Zeitgenossen, daß sie maßgeblich an der Wandlung ihres Gatten Augustus - von seiner ehemaligen Brutalität zur späteren Güte - beteiligt war. Als seine Ratgeberin war sie stets an seiner Seite zu finden. Ihr Urenkel Caligula bezeichnete sie als „einen Odysseus im römischen Unterrock", da sie, um ihre Ziele durchzusetzen, wie dieser griechische Held listig und verschlagen sein konnte.

Tiberius als Jugendlicher
Abb. 8: Tiberius als Jugendlicher

Tiberius (Abb. 8), ihr ältester Sohn aus ihrer ersten Ehe mit ihrem Cousin Tiberius Claudius Nero, hielt sich von seinen Familienangehörigen sehr gern etwas fern. Die kleine Agrippina wird mit ihm persönlich wenig zu tun gehabt haben. Seit dem Tod des Augustus war sein Verhältnis zu seiner Mutter sehr abgekühlt, so daß er Begegnungen mit ihr vermied. Er hatte wie sie die großen Augen und den kleinen Mund, die typischen Kennzeichen der Claudier, geerbt, und war überdurchschnittlich groß und stark. „Brust und Schultern waren breit und auch die übrigen Glieder bis zu den Füßen hinab ebenmäßig und wohlproportioniert. Seine linke Hand war beweglicher und kräftiger und deren Gelenke so stark, daß er einen frischen und gesunden Apfel mit dem Finger durchbohren und den Kopf eines Knaben oder sogar eines jungen Mannes durch Schnellen mit den Fingern verletzen konnte. Seine Hautfarbe war weiß, das Haupthaar am Hinterkopf tiefer herabwallend, so daß es auch den Nacken noch bedeckte, wie es in seiner Familie üblich war. Sein Gesicht war edel, jedoch traten darin häufig plötzliche Schwellungen auf... Er schritt einher mit steifem, nach hinten gebogenen Nacken und fast zusammengezogener Miene; meist war er schweigsam, auch mit seiner nächsten Umgebung sprach er kein Wort oder nur ganz selten und dann in einer sehr langsamen Weise und nicht ohne einem gewissen lässigen Gebärdespiel der Finger." (in: Sueton: Tiberius, 68). In unzähligen Kämpfen hatte er sich zudem den Ruf eines ausgezeichneten Offiziers erworben. Im Gegensatz zu Tacitus, der Tiberius in seinen Werken als hinterhältiges, machtgieriges Lustmonster verewigte, gab es immerhin zu Lebzeiten dieses Kaisers Autoren wie Velleius Paterculus, die ihn sehr verehrten und bewunderten. Leider jedoch glaubte die Nachwelt mehr den Angaben des Tacitus, so daß uns viele Jahrhunderte lang ein völlig falsches Bild von diesem menschenscheuen Herrscher überliefert wurde.

Tatsache ist, daß Tiberius ein erfahrener Militär mit Weitblick war, der für eine defensive Politik eintrat. Persönlich war er bedürfnislos, gerecht, republikanisch-aristokratisch denkend und sehr großzügig in Notsituationen wie z.B. 27 und 36 n. Chr. bei Großbränden in Rom und 36 n. Chr. bei einer Tiberüberschwemmung. Dabei war sein Leben alles andere als einfach verlaufen. Er war noch nicht vier Jahre alt, als die Ehe seiner Eltern von Augustus geschieden wurde. Ja, Augustus konnte noch nicht einmal die Geburt von Livias zweitem Kind abwarten, sondern ehelichte sie im hochschwangeren Zustand. Tiberius lebte nach der Scheidung seiner Eltern im Jahre 39 v. Chr. mit seinem vier Jahre jüngeren Bruder Drusus bei seinem Vater Tiberius Claudius Nero. Als dieser im Jahre 33 v. Chr. starb, kehrte er zusammen mit seinem Bruder zur Mutter und dem kaiserlichen Stiefvater zurück. Aber im Gegensatz zu Drusus, der von Augustus akzeptiert und geschätzt wurde, blieb sein eigenes Verhältnis zum Stiefvater sehr kühl. Erst nachdem sämtliche Wunschkandidaten des Augustus, die er gern als seine Nachfolger gesehen hätte, wie sein Neffe M. Claudius Marcellus, sein Freund und Schwiegersohn Marcus Agrippa und seine beiden Enkelsöhne, Gaius Caesar und Lucius Caesar, gestorben waren, ja, als fast keiner mehr zur Verfügung stand, konnte sich der alte Kaiser dazu durchringen, Tiberius zu adoptieren und zu seinem Nachfolger zu designieren.

Die einzige, glückliche Zeit in dem Leben des Tiberius war seine kurze Ehe mit Vipsania Agrippina († 20 n. Chr.), einer Tochter des Marcus Agrippa aus dessen erster Ehe mit Caecilia Attica. Sie währte nur vier Jahre von 16 - 12 v. Chr. Dann gab Augustus den Befehl, daß Tiberius sich von seiner gerade zum zweiten Male schwangeren Gattin scheiden lassen müsse, um dessen einzige Tochter, die bereits zweimal verwitwete Julia, zu ehelichen. Eigentlich hätte Tiberius zu dieser Zeit diesem Gebot nicht gehorchen müssen, da er durch den Tod seines Vaters sein eigener pater familias war. Aber er gab den Wünschen des Kaisers nach und heiratete dessen Tochter. Die Ehe zwischen Julia und Tiberius, aus der ein Sohn hervorging, der bereits als kleines Kind verstarb, verlief nur in den ersten Jahren gut. Schließlich kam es zwischen den charakterlich so unterschiedlichen Ehepartnern zu einem solch schweren Zerwürfnis, daß Tiberius beim Kaiser um seine Beurlaubung aus Rom bat und für einige Jahre auf Rhodos lebte. Nach seiner Scheidung von Julia heiratete er nie wieder. Auch sein Verhältnis zu den Senatoren, deren Mitarbeit in politischen Angelegenheiten er fördern wollte, trübte sich im Laufe seiner Herrschaftsjahre immer mehr, da die Senatoren Tiberius´ Intentionen, ihnen wieder mehr Mitspracherechte zu geben, völlig falsch interpretierten. Sie glaubten, daß der Kaiser es mit ihnen nicht ehrlich meinte, sondern sie nur auf die Probe stellen wollte. So ist es kein Wunder, daß Tiberius sich im Laufe seines Lebens immer mehr zu einem Misanthropen entwickelte, der sein Glück und seine Zufriedenheit nur noch in der Abgeschiedenheit Roms beim Studium der Philosophie zu finden glaubte. An einer Auseinandersetzung mit dem ehrgeizigen Germanicus und seiner Frau lag ihm nicht im geringsten. So war auch er froh, daß die beiden nicht einmal ein halbes Jahr in Rom weilten.

Germanicus, Agrippina die Ältere und ihr Sohn Caligula hatten sich - wie bereits erwähnt - noch im Herbst 17 n. Chr. auf ihre gemächliche Reise in den Osten gemacht, die zuerst einmal nach Dalmatien (Kroatien, Herzegowina und Serbien) führte. Dort besuchten sie Drusus, den Sohn des Tiberius und damit Adoptivbruder des Germanicus, der zu dieser Zeit hier das Oberkommando führte. Er war im Jahre 4 n. Chr. mit Livilla, der einzigen das Kindesalter überlebenden Schwester des Germanicus, verheiratet worden. Die beiden Adoptivbrüder schienen sich angeblich sehr gut verstanden zu haben. Weiter ging die Reise auf dem adriatischen und dem ionischen Meer entlang der illyrischen Küste. Wegen des stürmischen Wetters wurde die Seefahrt jedoch alles andere als ein Vergnügen. Die Flotte wurde sogar so sehr beschädigt, daß die Fahrt wegen Reparaturarbeiten unterbrochen werden mußte. Diese Zeit nutzte Germanicus aus, um sich in Griechenland etwas umzuschauen.

Die Römer waren ein sehr reisefreudiges Volk. Im Sommer, wenn die Schulen während der Ferien gegen Ende Juli bis Mitte Oktober geschlossen wurden, begaben sich die wohlhabenderen Bürger stets an den Golf von Neapel - der damaligen Cote d´Azur - oder unternahmen auch größere Kultur-Reisen in die Provinzen Epirus, Achaea und Macedonia (Griechenland), in die Provinzen Asia (Türkei), Syria und Judaea (Syrien, Libanon, Israel und Jordanien) oder in die Provinz Aegyptus (Ägypten). Abenteuerreisen in barbarische Länder waren dagegen nicht im geringsten gefragt.

Griechenland war natürlich ein sehr begehrtes Reiseziel. Kulturhungrige Römer konnten in einem Apollotempel am Markte zu Sikyon entweder das Schwert oder den Schild des Agamemnon oder den Mantel und den Harnisch des Odysseus, das Gewebe der Penelope, das Gewand eines ihrer zahlreichen Freier, die Ruderstangen und das Steuer der Argonauten, den Kessel, in dem man die alten Glieder des zerstückelten Pelias aufgekocht hatte, oder einen Hautfetzen des Marsyas bestaunen. Zu Panopeus in Phocis bekam man sogar Überbleibsel des Lehms zu Gesicht, aus dem Prometheus die ersten Menschen geformt hatte. Und der Lehm soll laut der dort gewesenen Römer tatsächlich nach Menschenhaut gerochen haben.

Wer sich dagegen den düsteren Schauplatz ansehen wollte, an dem Andromeda durch Perseus von einem menschenfressenden Seeungeheuer gerettet worden war, der mußte sich nach Joppe in Judaea begeben. Noch zu Josephus´ Zeiten zeigte man dort die Spuren ihrer Fesseln. Auch der Asphaltsee (das Tote Meer) zog viele römische Touristen an.

Nicht nur die Plätze der griechischen Mythologie waren sehr besucht, auch die Schlachtfelder und Lagerstätten aus den Perserkriegen, die Ebene von Marathon, die Thermopylen, und natürlich Sparta waren touristische Höhepunkte. Im letzteren Ort wurde für die Touristen immer noch die berühmt-berüchtigte „Schwarze Suppe", in viel Blut gekochtes Schweinefleisch, gewürzt mit Essig und Salz, zum Probieren angeboten. Fehlen durfte zudem nicht die Besichtigung der Kampfplätze aus der jüngsten römischen Geschichte wie die Bucht von Actium. Letztere Stätte suchte auch Germanicus auf, während seine Leute die Flotte wieder instand setzten. Führten hier doch sein Großvater Marcus Antonius und sein Großonkel, Kaiser Augustus, ihre letzte Entscheidungsschlacht gegeneinander.

Die Weiterreise im Jahre 18 n.Chr. unterbrach Germanicus dann noch einmal für einen Kurzurlaub in Athen und für einige Tage auf Euböa und auf Lesbos. Auf der letzteren Insel brachte Agrippina zwischen dem 6. und 12. Februar 18 n. Chr. ihr neuntes und letztes Kind, ihre Tochter Julia Livilla, kurz Livilla genannt, zur Welt. Die Reise führte dann noch an historisch interessanten Plätzen in der Provinz Asia, z.B. Byzanz und Troja, vorbei, bis endlich die Provinz Syria erreicht wurde, dessen neuer Statthalter, Gnaeus Calpurnius Piso, der seinen Vorgänger, Creticus Silanus, im Jahre 17 n. Chr. abgelöst hatte, über Germanicus´ Ankunft wenig erfreut war. Schon bald kam es zwischen diesem leicht aufbrausenden, selbstbewußten und stolzen Mann und Germanicus bezüglich der Verwaltung der Provinz Syria zu Streitigkeiten, denn der neue Statthalter war nicht bereit, sich den Befehlen des Germanicus zu fügen. Zwischen den Frauen, Agrippina der Älteren und Pisos Gattin Munatia Plancina, die aus einem hohen und sehr reichen Adel stammte, gab es zudem ebenfalls ständige Reibereien, denn auch bei ihnen war es „Haß auf den ersten Blick". Beide Frauen schienen sich zudem sehr ähnlich zu sein, denn beide wurden als arrogant, sehr mutig und selbstbewußt beschrieben. Von Munatia Plancina berichtet man zudem, daß sie an den militärischen Übungen der Reiter und der Infanterie teilgenommen hatte.

Germanicus wandte sich trotz des Streites mit Piso sogleich nach seiner Ankunft seinen politischen Aufgaben im Osten zu, indem er zunächst das armenische Problem löste. Den vakanten, armenischen Thron besetzte er mit Zenon, einem Sohn des Königs von Pontus, der in einer prächtigen, viele Besucher aufweisenden Krönungsversammlung in Artaxata als neuer König mit dem Namen Artaxias vom römischen Reich in Stellvertretung durch Germanicus bestätigt wurde. Den zweiten Teil seiner Mission, nämlich die Überführung von Kommagene und Kappadokien in den Provinzialstatus, ließ Germanicus derweil durch Legaten vollziehen.

Als er nach Erledigung dieser Aufgaben im Herbst 18 n. Chr. wieder nach Syrien zurückgekehrt war, spitzten sich die beiderseitigen Spannungen zwischen Piso und ihm noch weiter zu. Um dieser unangenehmen Atmosphäre zu entgehen, entschloß Germanicus sich im Jahre 19 n. Chr. zu einer Reise nach Ägypten. Dabei sollte ihn nur seine Gattin begleiten. Die Kinder, Caligula und Livilla, blieben in Antiochia zurück. Die Reise nach Ägypten unternahm Germanicus jedoch, ohne vorher seinen Adoptivvater Tiberius um die Erlaubnis zu bitten, diese Provinz betreten zu dürfen. Seit Augustus bestand bezüglich Ägyptens, das er als sein Privateigentum betrachtet hatte, für jeden Senator und Ritter mit Senatorenrang - auch für jede andere hochgestellte Persönlichkeit - die Verpflichtung, sich zuerst das Einverständnis des Kaisers zu besorgen, bevor sie dieses Land betraten. Als Kornkammer Roms konnte schließlich jeder Usurpator bei der Besetzung Ägyptens durch eine Hungersnot in Rom und Italien den rechtmäßigen Herrscher in eine sehr mißliche Lage bringen. Germanicus dagegen betrat das Land nicht nur verbotenerweise, sondern nützte die z.Z. vorhandene Notsituation dort aus, um sich in Alexandria als freigebiger Machthaber zu zeigen, indem er die kaiserlichen Getreidespeicher öffnen ließ und die Senkung des Getreidepreises anordnete.

Danach begab Germanicus sich mit seiner Gattin auf eine erneute Kulturreise, die ihn von Canopus aus, dem berühmten Lust - und Badeort an der Ostküste von Alexandria, den Nil aufwärts unter anderem zu den Pyramiden bei Gizeh, den gewaltigen Ruinen des alten Theben, der steinernen Kolossalstatue des Memnon und nach Elephantine und Syene führte, den beiden Grenzorten des römischen Reiches, die zur Zeit der Sommersonnenwende zu den berühmtesten Naturschauspielplätzen der damaligen Zeit zählten. „Um die Mittagsstunde war dann dort völlige Schattenlosigkeit, und alles Aufrechtstehende leuchtete in vollem Sonnenglanz, Tempel, Obelisken und Menschen; in Syene aber war ein heiliger Brunnen, auf dessen Grunde man am selben Tage und zur selben Stunde das Bild der Sonne sah, das die ganze Wasserfläche genau bis zum Rande füllte. Auch die (kleinen) Katarakte des Nils oberhalb Syene wurden viel besucht. Der Strom stürzt hier bei hohem Wasserstande über eine Reihe von Klippeninseln in der Mitte seines Bettes, während er zu beiden Seiten ruhig fließt. Kamen Statthalter und andre vornehme Personen, den Wasserfall zu sehen, so fuhren die Schiffer, um ihnen ein Schauspiel zu geben, am westlichen Ufer bis über die Klippenreihe stromaufwärts und ließen sich dann von dem Wasserfall hinabschleudern, ohne Schaden zu nehmen." ( in: Ludwig Friedlaender: Sittengeschichte Roms, Stuttgart o.J., S. 385).

Der ganze Sommer war verstrichen, als Germanicus sich schließlich mit Agrippina der Älteren wieder auf den Weg nach Syrien begab. Dort hatte Piso inzwischen dessen Abwesenheit benutzt, um ein Teil von Germanicus´ Maßnahmen, die dieser ein Jahr zuvor verwaltungs- und militärmäßig in der Provinz Syria erlassen hatte, zu widerrufen. Auch die Anhänger des kaiserlichen Adoptivsohnes hatte er ihrer Posten bereits wieder enthoben. Natürlich ließ sich Germanicus diesen Ungehorsam und diese Anmaßung seines Untergebenen, des syrischen Provinzstatthalters, nicht gefallen. Es kam zum schon längst erwarteten, großen Streit zwischen diesen beiden Männern. Piso entschloß sich nach dieser scharfen Auseinandersetzung, die Provinz zu verlassen. Aber er verzögerte bei der Insel Cos seine Weiterfahrt, als er erfuhr, daß Germanicus in Epidaphne schwer erkrankt war.

Germanicus selbst glaubte, er sei auf Befehl des Piso und seiner Gattin vergiftet worden. Tacitus berichtet hierzu folgendes: „Die furchtbaren Leiden, die Germanicus auszustehen hatte, wurden noch gesteigert durch seine Überzeugung, er habe von Piso Gift bekommen. Und wirklich fand man im Fußboden und in den Wänden Leichenteile, die ausgegraben waren; ferner Bleitäfelchen, auf denen Zauberformeln und Verwünschungen gegen den mit Namen genannten Germanicus eingeritzt waren, außerdem die Asche halbverbrannter und halbverwester Gebeine und andere Zaubermittel, womit man meint, Seelen den Mächten der Unterwelt weihen zu können. Zugleich wurden Gesandte Pisos beschuldigt, als suchten sie nur etwas über eine Verschlimmerung der Krankheit in Erfahrung zu bringen." (in: Tacitus, Ann., Zweites Buch, 69).

Ob Germanicus nun tatsächlich das Opfer einer Vergiftung geworden war oder sich nur eine schwere Krankheit zugezogen hatte, konnte nie geklärt werden. Das Ende war für ihn in jedem Fall der Tod. Im Alter von nur 33 Jahren starb er am 10.10.19 n. Chr. Die Trauer um ihn beschreibt Sueton mit folgenden Worten: „An seinem Sterbetag schleuderte man Steine gegen die Tempel, stürzte Altäre um, manche warfen ihre Hausgötter auf die Straße und setzten die von ihren Ehefrauen geborenen Kinder aus. Ja, es heißt, daß selbst fremde Völker, die untereinander oder mit uns Krieg führten, wie bei einer allgemeinen Trauer um einen der Ihrigen, Waffenruhe vereinbarten. Manche Könige kleinerer Länder hätten als Zeichen höchster Trauer sich den Bart abnehmen und ihren Frauen die Haare abschneiden lassen und sogar der Großkönig (Partherkönig Artabanus III.) habe deswegen auf die Jagd und die gemeinsamen Mahlzeiten mit seinen Magnaten verzichtet, was bei den Parthern so viel bedeutet wie bei uns das Schließen der Gerichtshöfe. Als in Rom auf die erste Kunde von Germanicus´ Erkrankung die bestürzte und zutiefst betrübte Einwohnerschaft auf weitere Nachrichten wartete und als sich plötzlich gegen Abend - man weiß nicht durch wen - das Gerücht verbreitete, er sei genesen, da stürzte sofort alles mit Fackeln und Opfertieren zum Kapitol, und die Leute drückten beinahe die Tempeltüren ein, denn sie konnten den Drang, ihre Gelübde zu erfüllen, nicht zurückhalten. Tiberius wurde durch das Jubelgeschrei der einander Glückwünschenden aus dem Schlaf gerissen und überall hörte man sie immer wieder singen: Heil dir, Rom! Heil dir Vaterland! Heil unserem Germanicus! Als aber nun schließlich doch bekannt wurde, daß sich das Schicksal an ihm erfüllt hatte, da konnte durch keine Trostworte, durch keine Edikte der öffentlichen Trauer Einhalt geboten werden, und sie dauerte sogar während der Festtage (des Saturnalienfestes vom 17.-23.12.) im Dezember an." (in: Sueton: Caligula, 5 und 6).

Für den Autoren Tacitus war mit dem Hinscheiden des Germanicus auch das vorläufige Todesurteil über die Republik ausgesprochen worden: „Es entspreche somit wahrhaftig den Tatsachen, was die älteren Leute bezüglich des Drusus (des Vaters von Germanicus) gesagt hätten: Es mißfalle den Herrschern der leutselige Sinn ihrer Söhne. Einzig und allein deshalb seien sie (Drusus und Germanicus) in der Blüte ihrer Jahre dem Leben entrissen worden, weil sie beabsichtigt hätten, dem römischen Volke die Freiheit zu schenken und die politische Freiheit aller wiederherzustellen." (in: Tacitus: Ann., Zweites Buch, 82).

Sein Leichnam wurde in Antiochia in einer laut Tacitus schlichten Totenfeier ohne die in Rom übliche Prozession der Ahnenbilder und ohne feierliches Gepränge verbrannt. Agrippina die Ältere ließ die Asche schließlich für die Rückreise nach Rom in eine Urne füllen. Und obwohl die Jahreszeit wegen der gefährlichen Herbststürme für eine Seefahrt völlig ungeeignet war, beschloß sie mit ihren Kindern, der einjährigen Livilla und dem siebenjährigen Caligula, Syrien zu verlassen. Die Fahrt wurde erst auf der Insel Corcyra in der Provinz Macedonia für einige Tage unterbrochen. Von hier aus entsandte Agrippina die Ältere Kuriere, die ihre Verwandtschaft, die besten Freunde ihres toten Gatten und natürlich das römische Volk von ihrer baldigen Ankunft in Italien informieren sollten. Wenn die Angaben von Flavius Josephus stimmen, daß die Post von Antiochia nach Rom in der Winterzeit bis zu drei Monaten unterwegs sein konnte, war Agrippina letztendlich vielleicht sogar schneller in Italien, als wenn sie Briefe aufgegeben hätte.

Als sie schließlich im Hafen von Brundisium das Schiff mit der Totenurne im Arm und ihren Kindern verließ, war sie von einer Unmenge Schaulustiger umringt. Alt und jung, von nah und fern - selbst eine sehr große Anzahl von alten Soldaten, die unter Germanicus gedient hatten - wollten ihrem toten Helden die letzte Ehre erweisen. Nicht nur der Hafen quoll über vor Neugierigen. Auch auf den Mauern und auf den Dächern von Privathäusern saßen bzw. standen die Zuschauer.

Tiberius selbst hatte seiner Adoptiv-Schwiegertochter zwei Prätorianerkohorten (2 000 Soldaten) entgegengesandt, die sie und die Kinder sicher nach Rom begleiten sollten. Der Heimmarsch verwandelte sich für Agrippina die Ältere zu ihrem eigenen Triumphzug. Dabei wurde die Asche ihres verstorbenen Gatten auf den Schultern von Militärtribunen und Zenturionen getragen. Sämtliche Landstädte in Kalabrien, Apulien und Kampanien, durch die der Trauerzug der Agrippina hindurch führte, zeigten ihren tiefen Schmerz anläßlich des Verlustes eines so freigebigen, mutigen und liebenswerten Herrn. Das gewöhnliche Volk hüllte sich in seine schwarze Kleidung, und die Ritter legten zur Ehre des Toten ihre Feiertagsgewandung an. Außerdem ließen die Einwohner - wie bei großen Leichenbegängnissen üblich - gewaltige Mengen an Weihrauch und kostbaren Stoffen zum Andenken an Germanicus verbrennen.

In Tarracina, ungefähr 95 km von Rom entfernt, stießen Tiberius´ Sohn, Drusus, Germanicus jüngerer Bruder, Claudius, und Agrippinas Kinder, Nero, Drusus, Drusilla und Agrippina die Jüngere, die ihr entgegengereist waren, mit dem Trauerzug zusammen. Welchen Eindruck dieses Schauspiel bei der kleinen, erst dreijährigen Agrippina hinterlassen hatte, wissen wir leider nicht. Die Frau, die da trauerte, war ihr im Grunde des Herzens eigentlich völlig fremd, aber sie wird schon gespürt haben, daß ihr Vater ein ganz besonderer Mann gewesen sein muß.

Auf dem gemeinsamen Weg nach Rom schlossen sich noch die Konsuln des Jahres 19 n. Chr., Marcus Valerius und Gaius Aurelius, und andere Senatoren an. Die Asche des Germanicus wurde schließlich laut Tacitus in einer eher schlichten Zeremonie im Mausoleum des Augustus beigesetzt, das im Jahre 28 v. Chr. vollendet worden war und in dem außer Augustus bisher nur seine beiden Enkel, Gaius Caesar und Lucius Caesar, das Recht erhalten hatten, für immer zu ruhen. In dieser Nacht, in der Germanicus seine letzte Ruhestätte fand, blieb das Marsfeld, auf dem sich neben dem Mausoleum die Leichenverbrennungsstätten und die Grabmäler der Römer befanden, zu seiner Ehre mit unzähligen Fackeln beleuchtet. Drei ganze Tage herrschte die tiefste Trauer in Rom. Die Läden waren geschlossen, die Gerichte unbesetzt, keinerlei Geschäfte wurden gemacht und nur die notwendigsten Arbeiten verrichtet. Fern waren diesem ganzen Spektakel nur drei Personen geblieben: Tiberius, seine Mutter Livia und Antonia Minor, die Mutter des Verstorbenen. Entschuldigte man das Verhalten der letzteren noch mit ihrer tiefen Trauer, gerieten die beiden erstgenannten durch ihr Fernbleiben jedoch in den unsinnigen Verdacht, an der Ermordung des Germanicus mitgewirkt zu haben. Der syrische Statthalter Piso und seine Gattin waren nämlich enge Freunde von Tiberius und Livia gewesen.

Dem allseits beliebten Helden Germanicus wurden jedoch laut Tacitus noch weitere unzählige Ehrenbezeugungen erwiesen: „Sein Name sollte in das Festlied der Salier (uralte Priesterschaft des Gottes Mars) mit aufgenommen werden. Bei den Zusammenkünften der Augustalen (Priesterschaft des nach seinem Tode vergöttlichten Augustus) sollte ein Ehrensessel mit einem Eichenkranz darüber für ihn aufgestellt werden. Bei den zirzensischen Spielen (Gymnastik und Wagenrennen) sollte sein Bild in Elfenbein den Umzug eröffnen. An Stelle des Germanicus sollte als Flamen (Priester) oder Augur nur jemand gewählt werden, der dem julischen Geschlecht angehörte. Dazu kam je ein Triumphbogen in Rom, am Rhein und auf dem Berge Amanus in Syrien, mit einem Verzeichnis seiner Taten und dem Zusatz, er habe den Tod für den Freistaat erlitten; ferner ein Grabmal in Antiochia, wo seine Verbrennung stattgefunden, und ein Katafalk in Epidaphne, wo er sein Leben beschlossen hatte. Die vielen Standbilder und Orte, an denen er verehrt werden sollte, kann schwerlich jemand zählen. Als für ihn ein goldenes Brustbild von außergewöhnlicher Größe in der Galerie berühmter Redner (in der Palatinischen Bibliothek) beantragt wurde, erklärte Tiberius mit Nachdruck, er werde ihm nur das übliche Brustbild in der Größe der anderen weihen. Denn man mache bei den Rednern keinen Unterschied nach ihrer äußeren Stellung; es sei schon genug der Ehre, wenn er (überhaupt) einen Platz unter den klassischen Schriftstellern erhalte. Die Ritter nannten den keilförmig aufsteigenden Teil der Sitzreihen (im Theater), der den jüngeren Rittern vorbehalten war, Germanicusplatz und bestimmten, daß bei dem feierlichen Umzug der Ritterzenturien an den Iden des Juli das Bild des Germanicus vorangetragen werden sollte. Sehr viele dieser Ehrungen haben sich bis auf den heutigen Tag (nach 110 n.Chr.) erhalten; manche wurden von vornherein nicht beachtet, andere gerieten im Verlauf der langen Zeit allmählich in Vergessenheit." (in: Tacitus: Ann., Zweites Buch, 83).

Den einzigen, wirklichen Trost nach dem Tode des Germanicus bot den Trauernden laut Tacitus nur die Witwe des Verstorbenen, Agrippina die Ältere, „die man die Zierde des Vaterlandes, den einzigen echten Sproß des Augustus, ein einzigartiges Musterbeispiel der guten alten Zeit nannte. Den Göttern im Himmel zugewandt, flehte man darum, daß ihr ihre Kinder erhalten bleiben und die Widersacher (Tiberius und Livia) überleben möchten!" (in: Tacitus: Ann., Drittes Buch, 4).

Tiberius, der laut Tacitus der noch nach drei Monaten anhaltenden Trauerbekundungen um Germanicus allmählich müde wurde, erließ schließlich folgendes Dekret: „Viele berühmte Römer seien schon für den Staat gestorben, um keinen aber sei so heiß getrauert worden. Das sei für ihn (Tiberius) wie für die Gesamtheit eine hohe Ehre, wenn man nur auch das rechte Maß dabei zu halten wisse. Denn den ersten Männern im Staat und dem Herrenvolk der Römer stehe nicht an, was sich für unbedeutendere Familien und kleinere Staatsgebilde passe. Dem frischen Schmerz habe die Trauer gebührt und der Trost, den man aus der Trauer schöpfe. Jetzt aber müsse man wieder feste Haltung annehmen, wie einst der verewigte Julius Caesar nach dem Verlust seiner einzigen Tochter (Julia), wie der verewigte Augustus nach dem Verlust seiner Enkel (Gaius Caesar und Lucius Caesar) die Trauer für sich behalten hätten. Es erübrige sich, Beispiele aus noch älterer Zeit anzuführen, die zeigten, wie oft das Römervolk Niederlagen seiner Heere, den Tod von Feldherren, ja sogar die völlige Vernichtung ganzer Adelsgeschlechter mit Fassung ertragen habe. Staatsführer seien sterblich, der Staat aber ewig! Daher solle man wieder dem Alltag nachgehen und - die megalischen Spiele (sieben Tage währendes Fest im April) standen bevor - auch die Freuden des Lebens wieder genießen." (in: Tacitus: Ann., Drittes Buch, 6).

Gegen Gnaeus Calpurnius Piso wurde in Rom im Jahre 20 n. Chr. ein Prozeß wegen angeblicher Vergiftung des Germanicus eröffnet. Obgleich ihm keine Schuld nachgewiesen werden konnte, beging er wegen der weiteren feindlichen Einstellung ihm gegenüber Selbstmord. Seine Gattin, Munatia Plancina, die Tacitus für die Haupttäterin hielt, wurde freigesprochen, nahm sich aber 29 n. Chr., nach anderen Quellen 33 n. Chr. ebenfalls das Leben.


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