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Agrippina die Jüngere und ihre Zeit

Die tragischen Jahre ihrer Familie unter Tiberius

Nach dem Tode des Germanicus gab es nur noch einen potentiellen Nachfolger, der im Falle des Todes von Tiberius dessen hohes Amt übernehmen würde. Dies war Drusus, der einzige leibliche Sohn des Kaisers, der im Dezember 19 n. Chr. endlich selbst Vater zweier Söhne, nämlich des Germanicus Gemellus und des Tiberius Gemellus, geworden war. Da diejenigen Römer, die sich seit Jahren um Germanicus und seine Familie geschart hatten, durch dessen frühen Tod führerlos geworden waren, entspannte sich die gesamte politische Situation in Rom. Denn so harmonisch das Verhältnis zwischen Drusus und seinem Adoptivbruder Germanicus auch beschrieben wurde, war eines sicher: Beim Tode des Tiberius hätte keiner von beiden auf den Anspruch, der zukünftige Kaiser des römischen Reiches zu werden, verzichtet. Die Söhne des Germanicus waren jedoch im Jahre 19 n. Chr. noch viel zu jung, um als ernsthafte Konkurrenten ihres Onkels Drusus bezeichnet werden zu können.

Für Agrippina die Jüngere hatte sich nach der Heimkehr ihrer Mutter wenig geändert. Sie hatte mit ihren Geschwistern nur das Haus ihrer Großmutter zu verlassen. Während ihre beiden ältesten Brüder, Nero Caesar und Drusus Caesar, fortan bei ihrem Onkel Drusus wohnten, zog Agrippina die Jüngere mit ihren übrigen Geschwistern, Livilla, Drusilla und Caligula, in das ehemalige Haus ihrer Eltern um, das direkt neben dem Palast der Großmutter lag. Auch der Palast, in dem Drusus mit seiner Familie und seinen beiden Neffen lebte, war nicht weit von Agrippinas neuem Zuhause entfernt, so daß sich die Geschwister auch weiterhin oft untereinander sehen konnten.

Im Haus ihrer Eltern verbrachte Agrippina die Jüngere den größten Teil ihrer Kindheit, die neben den üblichen Kinderspielen mit einem reichlichen Lernpensum ausgefüllt war. Denn die Bildung im julisch-claudischen Hause spielte eine sehr große Rolle. Nicht nur die Männer hatten eine umfassende und gründliche Ausbildung vorzuweisen, auch die Frauen dieses Geschlechtes, z.B. Livia, Julia die Ältere und Agrippina die Ältere, zeichneten sich durch große Belesenheit, hohe Intelligenz und Wissensdurst aus. Sogar Claudius, den seine eigene Familie für einen Dummkopf und einen Trottel hielt, galt als vielseitig interessierter Philologe und begeisterter Historiker. Immerhin hatte er ein 20-bändiges Werk über die etruskische Geschichte und ein achtbändiges Werk über die karthagische Geschichte auf Griechisch verfaßt. Außerdem erstellte er noch eine acht Bücher umfassende Autobiographie, 41 Bücher über Augustus und eine Verteidigungsschrift für Cicero. Leider sind alle seine Werke verlorengegangen.

Außerdem waren die Julier dafür bekannt, daß sie sich stets bemühten, die Bildung auch der übrigen Bevölkerung zu fördern. Was besonders für die Angehörigen der römischen Unterschicht von großem Vorteil war. Denn ein gewisses Maß an Gelehrtheit ermöglichte auch ihnen den Aufstieg in die höchsten Kreise. Als Beispiel sei Vergil erwähnt, dessen Vater Töpfer oder Tagelöhner war. Mit seinem Werk „Aeneis" wurde dieser zum geschätztesten Dichter des augusteischen Zeitalters. Ein entfernter, längst verstorbener Verwandter der Agrippina der Jüngeren, Gaius Julius Caesar, hatte nach ägyptischem Vorbild beabsichtigt, den Grundstein für die älteste öffentliche Bibliothek Roms zu legen, die jedem Römer zugänglich sein sollte. Nach dessen Ermordung im Jahre 44 v. Chr. setzte sein Freund, der Redner Asinius Pollio, diesen Vorsatz 39 v. Chr. in die Tat um. Augustus, der Großneffe und Adoptivsohn von Gaius Julius Caesar, gründete noch zwei weitere Bibliotheken. Nach diesem kaiserlichen Vorbild nahmen seit dem ersten Jahrhundert n. Chr. auch die privaten Bibliotheken zu. Die Hausbibliothek gehörte bei der gebildeten Schicht somit bald zur Selbstverständlichkeit jeder Villa. Denn der wohlhabende Hausherr gab sich sehr gern gebildet und wissensdurstig, worüber die vollen Bücherregale schließlich deutlich Zeugnis ablegten. Zudem hatte Gaius Julius Caesar den Büchern eine neue, leicht lesbarere Form gegeben. Sie erschienen nicht mehr nur in Form von meterlangen Pergament- oder Papyrusrollen, sondern auch in Bündeln aufeinandergelegter Papyrusblätter, die an einer Seite zusammengeheftet waren. Auch dieses Verfahren hatte er in Alexandria kennengelernt.

Bereits vor der Machtergreifung der Julier hatte sich in Rom zudem ein selbständiges Verlags- und Vertriebswesen entwickelt. Die Verleger waren zugleich Produzenten und gewöhnlich auch Buchhändler. Sie übernahmen die Manuskripte, ließen sie einer großen Zahl von Sklaven diktieren und verkauften die Kopien schließlich in ihren eigenen Buchläden.

Im Gegensatz zu den Kindern der römischen Unter-, Mittel- und z.T. auch der Oberschicht, die die öffentlichen Schulen besuchten, wurde Agrippina die Jüngere mit ihren Geschwistern im kaiserlichen Palast unterrichtet. Kaiser Augustus hatte noch zu seinen Lebzeiten hier für seine Tochter, seine Stiefsöhne, Nichten, Enkelkinder etc. eine eigene Schule errichten lassen, in der auch die Söhne und Töchter befreundeter Senatoren und die Söhne einiger Klientelkönige herzlich willkommen geheißen waren. Diese fremden Kinder, die nicht nur den Unterricht mit den kaiserlichen Sprößlingen teilten, sondern auch deren Spielkameraden waren, spielten im Leben der zukünftigen Kaiser oft eine bedeutende Rolle. Lebenslange Freundschaften, aber auch Feindschaften bildeten sich hier. Außerdem kamen die kaiserlichen Söhne und Töchter in dieser Palastschule durch die Anwesenheit der orientalischen und griechischen Königssöhne mit nicht-römischen Gedankengütern wie die der Vergöttlichung des Königtums oder der Schließung von Geschwisterehen in Berührung. Gedanken, die es Caligula sehr angetan hatten. Antonia Minor wurde hier zusammen mit ihren drei Halbgeschwistern Alexander Helios, Kleopatra Selene und Ptolemaios XVI. Philadelphos, den Kindern der ägyptischen Königin Kleopatra, unterrichtet. Zur Zeit der kleinen Agrippina studierten und spielten ihre Brüder mit den Söhnen des judaeischen Königshauses. Besonders Caligula und Herodes Agrippa († 44 n.Chr.) wurden schließlich so enge Freunde, daß später selbst das judaeische Volk davon profitieren konnte.

Zunächst unterrichtete man die kaiserlichen Kinder und ihre Mitschüler in Schreiben, Rechnen und Lesen. Für das Erlernen des Schreibens erhielten sie die üblichen bronzenen Griffel, mit denen sie auf kleinen, in Tannenholz gerahmte Wachstäfelchen jeden Buchstaben erst einmal einzeln bis zur Beherrschung einzuritzen hatten. Später wurden schließlich Silben und Wörter zusammengesetzt. Das Rechnen wurde mit Hilfe kleiner Spielmarken, Rechenbretter und dem Abzählen an den eigenen Fingern erlernt. Doch blieb das römische Unterrichtsniveau, was dieses Fach betraf, sehr niedrig. Mit dem Lesen und Schreiben war zudem die Rezitation eng verbunden. Die Kinder lernten die kleinen Texte, an denen sie sich im Schreiben und Lesen übten, als Gedächtnisübung auswendig.

Der Unterricht wurde zudem wie in den Senatorenfamilien stets zweisprachig erteilt: in Griechisch und in Latein. Da die Kinder durch ihre griechischen Kinderfrauen schon längst an deren Sprache gewöhnt waren, hatten sie häufiger mit dem Erlernen des Lateinischen als mit dem des Griechischen Schwierigkeiten. Die Vorliebe für das Griechische, das in der Kaiserzeit als Umgangssprache der feineren und gelehrten Welt galt, herrschte auch im kaiserlichen Haus. Tiberius z.B. konnte sich in dieser Sprache gewandt und leicht ausdrücken. Auch von Claudius wissen wir, daß er es liebte, in Griechisch zu schreiben oder Reden zu halten.

Nach dem Erlernen der Elementarfächer hatten sich die kaiserlichen Schüler und Schülerinnen mit der griechischen und lateinischen Grammatik und Literatur zu beschäftigen, in die sie mit Hilfe von angesehenen griechischen oder lateinischen Grammatici oder Philologen eingeübt wurden. Eher nachlässig unterrichtete man sie schließlich noch in der Geographie und Astronomie. Beherrschten sie mit ihren Mitschülern einigermaßen diese Künste, wurden sie letztendlich von einem „rhetor" oder „orator" in der nach der Meinung der Römer edelsten Wissenschaft, nämlich der Rhetorik, unterwiesen. Agrippina die Jüngere konnte sogar auf eine Reihe sehr redebegabter Verwandte zurückblicken wie auf ihren Vorfahren Gaius Julius Caesar, ihren Urgroßvater Augustus - wenn dieser seine Reden auch lieber vom Papyrus ablas - und ihren Vater Germanicus. Laut Cicero besaß Gaius Julius Caesar z.B. „eine gewählte, glänzende, ja selbst erhabene, sozusagen eine adlige Weise des Ausdrucks und Vortrags ..." (in: Sueton: Caesar, 55). In einem Brief an Cornelius Nepos lobte letzterer Caesar sogar folgendermaßen: „Wie? Welchen Redner von allen, die nichts als Redner gewesen sind, willst du diesem vorziehen? Wer ist ihm überlegen an Schärfe oder an Reichtum der Gedanken? Wer an Ausschmückung oder Eleganz des Ausdrucks?" (in: Sueton: Caesar, 55). Auch Agrippinas Bruder Caligula galt mit seiner kräftigen Stimme in der Redekunst laut seiner Zeitgenossen als sehr gewandt und schlagfertig.

Wie die Lehrer der kleinen Agrippina hießen, wissen wir nicht. Zwei zur Zeit des Augustus bekannte Pädagogen werden in den Quellen als Erzieher kaiserlicher Enkelkinder genannt: C. Julius Hyginus und M. Verrius Flaccus. Vielleicht hatten die beiden auch den Unterricht von Augustus´ Urenkel übernommen. C. Julius Hyginus war ein Freigelassener, der der palatinischen Bibliothek vorgestanden hatte und der laut Sueton der Lehrer sehr vieler römischer Schüler und Schülerinnen war. Sein Todesdatum ist nicht bekannt. M. Verrius Flaccus, der Sohn eines Freigelassenen, starb hochbetagt in den Regierungsjahren des Tiberius. Er war der Ideallehrer, den sich jeder Schüler und jede Schülerin wünscht. Durch seine Unterrichtsmethode, die statt der damals praktizierten Prügelstrafe auf Belohnung basierte, wurde er so berühmt, daß Augustus ihn als Lehrer für seine Enkelkinder z.B. Agrippina die Ältere einstellte. Sueton erzählt uns über ihn folgendes: „Er pflegte nämlich, um die Fähigkeit seiner Schüler zu üben, die auf dem gleichen Ausbildungsstand stehenden untereinander wetteifern zu lassen, indem er nicht nur den Stoff vorgab, den sie schriftlich zu bearbeiten hätten, sondern auch einen Preis aussetzte, den der Sieger erhalten sollte; nämlich irgendein schönes altes, ziemlich seltenes Buch. Nachdem ihn deswegen auch Augustus für seinen Enkel als Lehrer ausgesucht hatte, zog er mit seiner ganzen Schule in den kaiserlichen Palast, wohl deshalb, um keinen weiteren Schüler mehr aufzunehmen. Er unterrichtete im Atrium des catilinischen Hauses, das damals zum Palast gehörte ..." (in: Sueton: Philologen, 17).

Zusätzlich zu den oben erwähnten Fächern wurde auch noch das Fach „Stenographie" angeboten, in dem man die Tironischen Noten als Kurzschrift auswendig lernte. Kaiser Titus († 81 n. Chr.), der zusammen mit Britannicus, dem späteren Stiefsohn der Agrippina der Jüngeren, unterrichtet wurde, war sogar in der Lage, es mit seinen eigenen Sekretären auf diesem Gebiet an Schnelligkeit aufzunehmen.

Zur Lektüre in den unterschiedlichen Unterrichtsfächern gehörten die Werke von Homer (8. Jh. v. Chr.), Aesop (6. Jh. v. Chr.), Menander († 293/92 v. Chr.), Livius Andronicus, Euphorion aus Chalkis (3. Jh. v. Chr.), Rhianus von Kreta (3. Jh. v. Chr.), Parthenius aus Nikaia (1. Jh. v. Chr.), Ennius († 169 v. Chr.), Terenz († vermutlich 159 v. Chr.), Vergil († 19 v. Chr.), Horaz († 8 v. Chr.), T. Livius († 17 n. Chr.), Cicero († 43 v. Chr.) und Varro († 27 v. Chr.), deren Schriften Agrippina die Jüngere in den großen Bibliotheken ihrer Familie und ihrer Verwandtschaft vorfand.

Ob auch sie und ihre Schwestern Wolle spinnen und Weben lernen mußten, die Hauptbeschäftigungen der Römerinnen zur augusteischen Zeit, wissen wir nicht. Vermutlich werden sie als Mädchen um diese zusätzlichen Unterrichtsfächer nicht herumgekommen sein. Auch das Erlernen eines Musikinstrumentes wie z.B. der Cithara gehörte zum Pflichtprogramm jeder gebildeten Frau.

Ließen es das Studium und die Handarbeiten zu, wird die kleine Agrippina wie alle anderen römischen Mädchen mit ihren Wachs- und Gipspuppen und Puppenstuben gespielt haben. Zu den beliebtesten Beschäftigungen gehörten zudem die Ball-, Würfel-, Brett- und Nüssespiele. Aber auch das Schaukeln, Schwimmen, das Versteck- und das Blindekuh-Spiel, Huckepack und Tauziehen konnten die rare Freizeit ausfüllen.

Ihre beiden ältesten Brüder waren in der Zwischenzeit bereits des öfteren in der Öffentlichkeit aufgetreten. Im Jahr 20 n. Chr. wurde der 14-jährige Nero Caesar in einem feierlichen Zeremoniell für mündig erklärt. Zugleich übertrug man ihm ein Priesteramt und fügte das Versprechen hinzu, daß er das Amt des Quästors bereits mit 19 Jahren - fünf Jahre vor dem gesetzlich dafür vorgeschriebenen Alter - antreten dürfe. Schließlich wurde er in diesem Jahr noch mit Julia, der einzigen Tochter seines Onkels Drusus, vermählt. 23 n. Chr. erhielt auch Agrippinas zweiter Bruder, Drusus Caesar, bei seiner Mündigkeitserklärung dieselben Vergünstigungen gewährt. In beiden Fällen wurde das römische Volk anläßlich dieses Festes mit einem Geschenk, vermutlich einer bestimmten Summe Geldes, bedacht.

Tiberius bat die Senatoren derweil immer noch um ihre ernsthafte Mitarbeit bei der Bewältigung der Regierungsgeschäfte, „da kein Mensch allein in der Lage wäre, der gesamten Aufgabe zu genügen, ohne einen oder auch mehrere Mitarbeiter." (in: Sueton Tiberius, 25). Er wollte im Senat lediglich primus inter pares sein und hatte sich aufrichtig bemüht, diese politische Institution wieder stärker an der Leitung der Politik zu beteiligen. Ja, er war bereit, sich dem Senat sogar unterzuordnen. Wenn dort Entscheidungen entgegen seiner Ansicht getroffen worden waren, erhob er nicht einmal Einspruch. Trotzdem gaben die Senatoren ihre feindliche Gesinnung ihm gegenüber nicht auf. Dabei tat er nichts, was ihre schlechte Meinung über ihn rechtfertigen würde. Er gab sich wie eh und je bescheiden. So berichtet Sueton folgendes über ihn: „Von den zahlreichen und höchsten Ehrungen nahm er nur ganz wenige und bescheidene an. Seinen Geburtstag (am 16.11.), der zeitlich auf die plebeischen Circusspiele fiel, ließ er kaum durch Hinzufügen eines einzigen Zweigespanns ehren. Tempel und Flamines (nur für ihn zuständige Priester) ihm zuzuerkennen, untersagte er; selbst Statuen und Bilder durften nur mit seiner Erlaubnis aufgestellt werden und diese gab er nur unter der Bedingung, daß sie nicht zwischen Götterbildern, sondern nur zwischen den Verzierungen der Tempel gesetzt würden. Ebenso lehnte er den Eid auf seine Amtshandlungen ab und verhinderte, daß der Monat September „Tiberius" und der Monat Oktober „Livius" (nach seiner Mutter Livia) genannt werden sollte. Auch den Vornamen „Imperator" und den Beinamen „Vater des Vaterlandes" sowie die Bürgerkrone in der Vorhalle seines Hauses lehnte er ab. Sogar den Namen „Augustus", den er doch ererbt hatte, fügte er nur in seinen Briefen an Könige und Fürsten bei." (in: Sueton: Tiberius, 26).

Auch bei seinen Familienangehörigen lehnte er jegliche Form von übertriebenen Ehrungen ab, z.B. als im Jahre 25 n. Chr. der Senat seiner Mutter den Titel „mater patriae" - Mutter des Vaterlandes - verleihen wollte. Er ließ ebenfalls nicht zu, daß ihr ein Liktor (Amtsdiener als Begleiter hoher Beamter im alten Rom) als ständiger Begleiter gewährt wurde, denn diese waren seit altersher nur den höchsten Staatsbeamten zugebilligt worden. Außerdem verhinderte er die Weihe eines Altars zur Erinnerung an Livias Adoption durch Augustus.

Im Gegensatz zu den Regierungszeiten seines Vorgängers Augustus und seiner Nachfolger Caligula, Claudius und Nero herrschte unter Tiberius geradezu Redefreiheit: „Aber auch gegen Schmähungen, böse Gerüchte und Spottgedichte gegen sich und die Seinen verhielt er sich sicher und gelassen; dabei gebrauchte er wiederholt die Äußerung: »in einem freien Staat müßten auch Sprache und Meinung frei sein.« Und als einmal der Senat eine gerichtliche Untersuchung solcher Vergehen und Übeltäter dringend verlangte, sagte er: »Wir haben nicht so viel Zeit, daß wir uns in noch mehr Geschäfte verwickeln könnten. - Wenn ihr einmal dieses Fenster geöffnet habt, werdet ihr bald nichts anderes mehr zu tun haben. Alle persönlichen Feindschaften werden unter diesem Vorwand den Weg zu uns finden.«" (in: Sueton: Tiberius, 28).

Tiberius war überdies stets auf das Wohl sämtlicher Untertanen bedacht. „Den Statthaltern, die ihn überreden wollten, die Steuern in den Provinzen zu erhöhen, schrieb er zurück, Aufgabe eines guten Hirten sei, die Schafe zu scheren, aber nicht das Fell abzuziehen." (in: Sueton: Tiberius 32).

Leider hatte dieser Kaiser jedoch nicht nur Probleme mit seinen Senatoren. Auch sein Verhältnis zu seinem einzigen leiblichen Sohn war nicht ohne Spannungen geblieben. Zwar hatte Drusus mittlerweile sein übermäßiges Trinken aufgegeben, aber noch immer ließ er kaum eines der blutigen Gladiatorenspiele aus und verwettete ungeheure Summen beim Wagenrennen. Von Bescheidenheit und Sparsamkeit hielt er zudem im Gegensatz zu seinem Vater nicht viel. In der Öffentlichkeit erschien er stets äußerst luxuriös und auffallend gekleidet. Aber nicht wegen seiner Verschwendungssucht und Prahlerei kam es zwischen Vater und Sohn zu häufigen Streitereien. Der Anlaß war der Prätorianerpräfekt, Lucius Aelius Seianus, den Tiberius sehr schätzte und den Drusus abgrundtief haßte.

Seianus
Abb. 9: Vermutlich Seianus

Lucius Aelius Seianus (geboren um 20 - 16 v. Chr.) (Abb. 9), der Sohn des römischen Ritters Lucius Seius Strabo, hatte schon zu Zeiten des Augustus Verbindungen mit dem Kaiserhaus aufgenommen. Er gehörte als junger Mann dem Freundeskreis des Gaius Caesar, dem Lieblingsenkel des Augustus, an. Laut Tacitus tat er sich durch „kriechende Schmeichelei und Hochmut" hervor. Von seinen Zeitgenossen wurde er außerdem als Heuchler bezeichnet, der den Bescheidenen spielte, dabei jedoch äußerst ehrgeizig und machtgierig wäre. Wie Drusus galt er als verschwenderisch. Aber im Gegensatz zum Kaisersohn zeichnete er sich zudem durch seine Charme, seine Überredungskünste, seinen Fleiß und seinen Arbeitseifer aus. Seine Position als Prätorianerpräfekt verstand er jedenfalls, von ihrer bisherigen mäßigen Bedeutung in einen Machtfaktor ersten Ranges umzuwandeln. Denn im Jahre 20 n. Chr. ließ er die bisher zum größten Teil außerhalb Roms auf verschiedene kleinere Städte verteilten Prätorianerverbände in einem großen Lager an der Porta Viminalis konzentrieren. Damit wurde er der Kommandeur der einzigen größeren, schlagkräftigen Truppeneinheit (9 000 Mann) in Rom und ganz Italien. Diese Prätorianer sollten später noch bei den Thronbesteigungen von Caligula und Claudius eine bedeutende Rolle spielen.

Im Jahr 23 n. Chr., in dem Seianus seine politische Rolle verstärken konnte, wurde Drusus im September schwer krank. Den aufgezeichneten Symptomen nach hatte er galoppierende Schwindsucht. Er wurde nämlich sehr blaß, verlor Gewicht und begann schließlich, Blut zu spucken. Kurz darauf starb er. In Rom, in dem er nicht allzu beliebt war, betrauerte man ihn nicht sehr. Sein Sohn Germanicus Gemellus, der anscheinend an derselben Krankheit gelitten hatte, war ihm in diesem Jahr bereits vorausgegangen. Zurück ließ er deshalb neben seiner Frau Livilla nur noch seine bereits verheiratete Tochter Julia und seinen vierjährigen Sohn Tiberius Gemellus. Das bedeutete nun jedoch, daß bezüglich der Thronfolge auch wieder die drei Söhne der Agrippina der Älteren als potentielle Nachfolger von Tiberius in Frage kamen.

Und diese ehrgeizige Mutter der kleinen Agrippina wurde auch sofort wieder politisch aktiv, um die ehemaligen Anhänger ihres verstorbenen Mannes für ihre Söhne zu gewinnen. War sie doch der festen Meinung, daß sie als Enkelin des Augustus und damit ihre Söhne weitaus mehr Rechte auf den Thron besaßen als der nur adoptierte Tiberius und dessen Nachkommen. Livilla, die Witwe des Drusus, sah durch das politische Vorgehen ihrer Schwägerin natürlich die Position ihres Sohnes gefährdet. Verbündet mit Seianus, den sie schon aus der Zeit ihrer ersten Ehe mit Gaius Caesar kannte, versuchte sie, Agrippina der Älteren Paroli zu bieten. Der Machtkampf um die Nachfolge des immer noch lebenden Tiberius war damit erneut entflammt.

Der sterbende Germanicus hatte laut Tacitus diese Situation vorausgesehen und seine Gattin noch vor seinem Tode beschworen, „doch um seiner willen und um ihrer gemeinsamen Kinder willen ihr leidenschaftliches Wesen ab(zu)legen". (in: Tacitus: Ann., Zweites Buch, 72). Sie sollte sich dem grausamen Schicksalsschlag beugen und auf keinen Fall die Mächtigeren durch ihr ehrgeiziges Streben reizen.

Seianus konnte seine Machtbasis mittlerweile erweitern. Denn auch im Senat befanden sich inzwischen viele seiner Anhänger. Sein politisches Prestige war nämlich durch die Verlobung seiner Tochter Junilla mit einem Sprößling des Kaiserhauses im Jahre 20 n. Chr. erheblich gestiegen. Bei dem Bräutigam handelte es sich um den ältesten Sohn des Claudius, Drusus, der jedoch schon wenige Tage nach der Verlobung beim Spielen an einem Stück Birne erstickt war. Seianus nahm indes auch verbotene Beziehungen zum Kaiserhaus auf, indem er der Geliebte der verwitweten Livilla, der Gattin des verstorbenen Drusus, wurde. Die beiden kannten sich, wie bereits erwähnt, seit vielen Jahren. Es ist nicht auszuschließen, daß sie sich wirklich von Herzen liebten. Jedenfalls ließ Seianus sich gleich nach dem Tod von Drusus von seiner Gemahlin Apicata, mit der er drei Kinder hatte, scheiden. Sein Verhältnis zu Livilla sollte beiden allerdings später noch zum Verhängnis werden. 25 n. Chr. hatte Seianus immerhin den Mut, beim Kaiser in aller Form um ihre Hand anzuhalten. Tiberus schlug dies jedoch in schonendster Weise ab.

Natürlich war Tiberius der Streit innerhalb seiner Familie wegen der Nachfolgefrage sehr unwillkommen. Zu sehr liebte er die Ruhe um sich herum. Jedoch war die ehrgeizige Agrippina die Ältere in ihrer politischen Aktivität nicht mehr zu bremsen. Auch sie konnte mittlerweile viele Senatoren für ihre Sache gewinnen. Denn immer noch war die Sympathie des Volkes für ihre Familie - und natürlich für den verstorbenen Germanicus - sehr groß.

Ihrem Hauptgegner, Seianus, dem Verbündeten ihrer Konkurrentin Livilla und deren Sohn Tiberius Gemellus, war sie als Frau jedoch nicht gewachsen. Da dieser aber auf direktem Wege ebenfalls nicht gegen sie vorgehen konnte, nahm er sich zuerst einmal ihre Freunde vor. Der ehemalige Legat von Ober-Germanien, Gaius Silius, und seine Frau Sosia Galla, die im Jahre 14 n. Chr. mit Agrippina der Älteren in Germanien gelebt hatten und seit dieser Zeit mit ihr fest befreundet waren, wurden 24 n. Chr. des Hochverrates beschuldigt. Man warf ihnen vor, in einer Revolte in Gallien mit dessen Anführer Sacrovir aus reiner Gewinnsucht ein heimliches Bündnis eingegangen zu sein und deshalb den Aufstand nicht nach Rom weitergemeldet zu haben. Dann hätten sie jedoch ihre Meinung geändert und die Revolte niedergeschlagen, um anschließend die gallischen Untertanen auf entwürdigende Art und Weise zu erpressen. Es lägen also Vergehen gegen die "maiestas" (Majestätsbeleidigung) und die "repetundae" (Erpressung in den Provinzen) vor. Der Prozeß lief so aus, daß Gaius Silius für sich keinen anderen Ausweg als den Selbstmord sah. Seine Frau wurde in die Verbannung geschickt.

Seianus nächstes Opfer war im Jahre 26 n. Chr. eine weitere, enge Freundin von Agrippina, ihre Cousine zweiten Grades Claudia Pulchra, die von Domitius Afer wegen Ehebruchs und Giftmordversuchs an Tiberius angeklagt wurde. In diesem Fall sah Agrippina jedoch nicht zu, wie Seianus erneut eine ihr nahestehende Person vernichten wollte. Sie bat Tiberius um Hilfe. Aber die Art und Weise wie sie dabei vorging, zeigte deutlich, daß sie im Gegensatz zu ihrem Mann nicht die geringsten diplomatischen Fähigkeiten besaß. Anstatt Tiberius, der gerade dem Augustus ein Opfer darbrachte, demütig um Unterstützung zu bitten, attackierte sie ihn mit verletztenden Worten, nannte ihn schließlich einen Heuchler, da er hier den Augustus ehren würde und gleichzeitig seine direkten Nachfolger zu vernichten trachte. Solle er doch zugeben, daß nicht Claudia Pulchra unter Anklage stehe, sondern daß sie - als Enkelin des Augustus - selbst gemeint sei. Tiberius gab daraufhin ruhig und gelassen nur folgenden griechischen Spruch zynisch von sich: „Wenn Du nicht herrschest, mein Töchterchen, glaubst Du, daß Dir da unrecht geschieht?" (in: Sueton: Tiberius, 53).

Natürlich half diese aggressive Vorgehensweise der Agrippina weder ihrer Freundin noch ihr selbst. Der Riß zwischen Tiberius und seiner Adoptiv-Schwiegertochter war nur noch größer geworden, und Claudia Pulchra und ihr Liebhaber Furnius wurden wegen Verstoß gegen die "lex Iulia de adulteriis" für schuldig befunden. Welche Strafe sie erhielten, ist jedoch nicht bekannt.

Noch während dieses Prozesses kam es zur erneuten Begegnung zwischen Tiberius und Agrippina, in der sie um die Erlaubnis bat, sich wieder vermählen zu dürfen. Sie würde sich angeblich einsam fühlen und wäre zudem noch nicht zu alt für eine zweite Ehe. Da sie bereits neun Kinder geboren hatte, war sie eigentlich von jeder Vormundschaft befreit und hätte Tiberius nicht um Erlaubnis bitten müssen. Tiberius jedoch, der befürchten mußte, daß sie sich mit dieser Heirat nur eine stärkere Hausmacht schaffen wollte, verweigerte ihr die Genehmigung. Zudem schien es sich bei dem gewünschten Ehegatten um Gaius Asinius Gallus († 33 n. Chr), dem zweiten Gatten seiner geliebten Vipsania Agrippina, gehandelt zu haben. Vielleicht spielten hier also bei der Verweigerung, ihr die Heiratserlaubnis zu geben, nicht nur politische Gründe mit. Gegen das Verbot des Kaisers zu handeln, wagte Agrippina jedoch nicht. Interessanterweise hatte Tacitus diese Information den Memoiren der Agrippina der Jüngeren entnommen. Leider ist dieses Werk, in dem sie „ihr eigenes und die Schicksale der Ihrigen für die Nachwelt aufgezeichnet" hatte, verlorengegangen. (in: Tacitus: Ann., Viertes Buch, 53).

Seianus führte derweil seinen Machtkampf gegen Agrippina weiter. Es war ihm in der Zwischenzeit gelungen, einige ihrer Freunde heimlich auf seine Seite zu ziehen. Diese wurden nun instruiert, Agrippina die Ältere glauben zu lassen, daß Tiberius ihre Vergiftung plane. Als der Kaiser nun kurz darauf seine Adoptiv-Schwiegertochter zu einem gemeinsamen Mahl geladen hatte, verhielt diese sich natürlich sehr seltsam: „Als sie nun einmal ihren Platz neben ihm (Tiberius) bekam, saß sie stumm und starr da - denn sie war keiner Verstellung fähig - und rührte auch keine Speise an, bis das schließlich dem Tiberius auffiel, vielleicht zufälligerweise oder auch deshalb, weil er von der Verdächtigung schon gehört hatte. Um der Sache genauer auf den Grund zu gehen, bot er das eben aufgetragene Obst seiner Schwiegertochter eigenhändig mit empfehlenden Worten an. Dadurch steigerte sich noch Agrippinas Argwohn, und sie gab das Obst an die (bedienenden) Sklaven weiter, ohne es in den Mund genommen zu haben. Dennoch äußerte Tiberius zu ihr selbst kein Wort darüber; aber an seine Mutter wandte er sich mit den Worten: Man brauche sich nicht zu wundern, wenn er strenger gegen die verfahre, die ihn der Giftmischerei bezichtige." (in Tacitus: Ann., Viertes Buch, 54).

Gegen Ende des Jahres 26 n. Chr. hatte Tiberius schließlich genug von diesen ewigen Intrigen, Mißdeutungen und Streitereien innerhalb seiner Familie und auch des Senates und beschloß, sich aus dem ihm feindlich gesinnten Rom auf die schöne Insel Capri zurückzuziehen. Nur mit dem notwendigsten Dienstpersonal versehen, begab er sich mit einigen seiner wenigen Freunde in dieses selbstgewählte Exil. Fortan bestand seine Gesellschaft aus dem Konsular Cocceius Nerva, dessen Enkel gleichen Namens in den Jahren 96-98 n. Chr. ebenfalls römischer Kaiser werden sollte, aus dem Ritter Curtius Atticus und aus mehreren griechischen Literaten sowie dem Astrologen und Philosophen Thrasyllos, den er schon aus der Zeit seines Rückzuges nach Rhodos kannte. Zeitweilig gesellte sich zu diesen noch Seianus. Und Tiberius war nicht der einzige, dem das Leben im hektischen Rom zu viel geworden war. Auch Horaz († 8 v. Chr.), einer der bedeutendsten Dichter des augusteischen Zeitalters und zugleich Freund von Tiberius, verbrachte die meiste Zeit fernab von Rom in der Abgeschiedenheit auf seinem Landgut in den Sabiner Bergen oder in Tibur. Auch Vergil hatte sich aus dem Dunst und Staub, dem Lärm und Getümmel, dem Brausen und Toben der Millionenstadt Rom in die Stille Kampaniens zurückgezogen.

Auf seiner schönen Insel am Golf von Neapel widmete Tiberius sich hauptsächlich der Astrologie, der Mythologie und der Philosophie und vernachlässigte laut Sueton fast völlig die Staatsgeschäfte. So ließ er Spanien und Syrien einige Jahre lang ohne konsularische Legate und unternahm auch nichts, als Armenien von den Parthern, Moesien von den Dakern und Sarmaten überfallen und Gallien von den Germanen heimgesucht wurde. Ebenso schien er den blutigen Kampf seiner Soldaten gegen die Friesen im Jahre 28 n. Chr., in dem über 1000 Römer ihr Leben verloren hatten, einfach zu ignorieren.

Seianus´ Aufstieg dagegen ging weiter. Besonders der tragische Unfall, der sich auf der Reise des Kaisers nach Capri in einem Wirtshaus ereignet hatte, und bei dem viele Diener und Gäste von herabfallenden Felsbrocken erschlagen worden waren, erwies sich für Seianus zum Vorteil. Was sich dort genau ereignet hatte, berichtet Tacitus: „Man speiste in einer Villa namens Spelunca (in der Nähe von Tarracina), die zwischen der Küste von Amunclae und den Bergen von Fundi lag, und zwar in einer natürlichen Grotte. Plötzlich fielen an ihrem Eingang Felsstücke herab und verschütteten einige Diener. Alle erschraken, und die Teilnehmer des Mahles flüchteten; Seianus aber, mit einem Knie, dem Gesicht und den Händen sich über den Kaiser beugend, fing mit seinem Körper das herabfallende Gestein auf und wurde auch von den zu Hilfe eilenden Soldaten in dieser Stellung gefunden. Seitdem war er noch einflußreicher..." (in: Tacitus: Ann., Viertes Buch, 59). So stellte man zu seinen Ehren in Rom inzwischen in den Theatern, auf den Marktplätzen, ja, sogar außerhalb von Italien in den unterschiedlichen Legionslagern Standbilder von ihm auf. Auch wurde sein Geburtstag zum Festtag erklärt, und bei seinen Statuen brachte das Volk bereits Opfer dar. Man hielt es mittlerweile sogar für eine große Ehre, mit den Freigelassenen und Türhütern des Seianus bekannt zu sein.

Dem Kaiser dagegen hatte sein Rückzug aus Rom nichts als bösartige, erlogene, niederträchtige und perverse Gerüchte über ihn eingebracht. Die Lügengeschichten um seine Person herum nahmen von Jahr zu Jahr zu. Vielleicht wußte er, was man über ihn erzählte, vielleicht hatte er auch keine Ahnung. Auf alle Fälle schien er nichts dagegen unternommen zu haben. So erzählt uns Sueton z.B. folgendes Gerücht, das über den Kaiser anscheinend bereits zu seinen Lebzeiten in Rom in Umlauf war: „In seiner Abgeschiedenheit auf Capri aber kam Tiberius auf den Gedanken, sogar sein Sofazimmer als Platz für heimliche Ausschweifungen zu benützen, in dem ganze Scharen von überall zusammengesuchten Mädchen und Lustknaben und Erfinder neuer Methoden widernatürlichen Beischlafs, die er »Spintrier«, das heißt »unzüchtige Männer«, nannte, in Dreierreihe verbunden, miteinander vor seinen Augen Unzucht treiben mußten, um seine nachlassenden Lustgefühle anzuregen. Seine vielerorts eingerichteten Schlafgemächer schmückte er mit gemalten und plastischen Darstellungen aufreizender Bilder und Figuren aus und versah sie mit Schriften der Elephantis (Verfasserin eines verlorenen Werkes mit Ratschlägen über die Stellungen beim Liebesakt, bereichert durch Illustrationen, 2./1. Jh. v. Chr.), damit jeder beim Ausüben der Unzucht ein Muster für die vorgeschriebene Weise haben sollte. Auch in Parkanlagen und Hainen ließ er nach seinen Plänen an vielen Stellen sogenannte Venusplätze anlegen, wo in Grotten und Felshöhlen junge Leute beiderlei Geschlechts als Panisken (junge Männer als Gott Pan auftretend) und Nymphen verkleidet zur Wollust einluden... Aber noch Schlimmeres und Schändlicheres mußte Tiberius sich nachsagen lassen, was man kaum erzählen oder hören, geschweige denn glauben kann; er hat nämlich Knaben in ganz zartem Alter, die er seine Fischchen nannte, angeleitet, ihm beim Baden zwischen den Oberschenkeln zu sein und zu spielen, indem sie ihn durch Lecken mit der Zunge und durch Beißen allmählich befriedigten; ja sogar etwas kräftigere, aber doch noch nicht der Mutterbrust entwöhnte Kleinkinder legte er an sein Glied so wie an eine Brust." (in: Sueton: Tiberius, 43-44). Aufgrund dieser Geschichte erhielt Tiberius beim Volke den Beinamen „Caprineus", was einerseits „Mann von Capri" aber auch „geiler Bock" heißen konnte.

Um die Bedeutung und den Zweck dieser perversen Geschichte verstehen zu können, muß man wissen, daß im alten Rom des ersten Jahrhunderts n. Chr. zumindest für das männliche Geschlecht große sexuelle Freizügigkeit bestand. Wenn ein Junge das 14. Lebensjahr erreicht hatte, stand es ihm frei, „wie ein völlig Erwachsener Huren, Straßenmädchen u.a., die ihren Leib um Lohn feilboten, ohne jede Furcht zu benützen." (in: Theodor Hopfner: Das Sexualleben der Griechen und Römer. Von den Anfängen bis ins 6. Jahrhundert nach Christus, Bd. 1, Prag 1938, S. 229). Um die Jugend, die dieser Freizeitbeschäftigung wohl sehr häufig nachging, nicht vom Lernen abzuhalten, durften die allein in Rom vorhandenen ungefähr 50 Bordelle nicht vor 15 oder 16 Uhr geöffnet werden. Dabei waren die unzähligen zusätzlichen Straßendirnen, die ihre Kunden in den Gewölben des Circus und der Theater und in der Nähe der Thermen ansprachen, noch nicht berücksichtigt worden. Das Angebot an Frauen und Mädchen aber auch an Männern und Knaben jeden Alters und jeder Hautfarbe, die sich der Prostitution hingaben, war sehr groß. Bei den Homosexuellen waren die männlichen Prostituierten aus Ägypten am gefragtesten, deren zynischer Witz und deren Schlagfertigkeit jedoch auch bei einigen ihrer Kunden gefürchtet waren. Und wenn ein Wirt einen Reisenden fragte, ob er ein Zimmer „mit oder ohne" wollte, so bedeutete das nicht „mit oder ohne Bad", sondern „mit oder ohne Mädchen".

Selbst der vielgepriesene Horaz soll sein Liebesleben laut Sueton voll genossen haben: „In seinem Liebesleben sagt man, sei er (Horaz) ziemlich zügellos gewesen, denn in seinem Schlafzimmer soll er Spiegel verteilt haben, in denen sich seine Gespielin mehrmals abbildete, um, wohin er auch blickte, immer den Liebesakt beobachten zu können." (in: Sueton: Horaz). Vom Dichter Vergil war dagegen seine Vorliebe für Knaben allgemein bekannt.

Doch sollte man sich, falls man ein Liebesverhältnis mit einer Frau einging, die keine Prostituierte war, zumindest zuvor vergewissern, daß diese nicht verheiratet ist. Denn der Ehegatte hatte nicht nur das Recht, seine bei einem Ehebruch ertappte Frau zu töten, sondern durfte am Ehebrecher auch beliebige Rache nehmen (Tötung, Entmannung oder Verstümmelung der Nase). Zuweilen soll es sogar vorgekommen sein, daß wütende Ehemänner den ertappten Ehebrechern den stacheligen Kopf der Meeräsche oder einen Rettich in den After trieben oder die Haare am Hinterteil mit glühender Asche abbrannten. „...ja, sogar jenes geschah, daß einem man Hoden und geilen Schwanz mit dem Schwert wie die Halme ab hat gemäht." (in: Horaz: Sermones - Satiren, Stuttgart 1991, S. 17).

Der Geschlechtsverkehr mit einer unverheirateten, aber freien Römerin, wurde mit Geldstrafe oder Verbannung geahndet. Im Jahre 18 v. Chr. erließ Augustus die „lex Julia de adulteriis", die sowohl den Ehebruch, als auch den Geschlechtsverkehr mit der unverheirateten oder verwitweten freien Frau mit Vermögenskonfiskation, körperlicher Züchtigung oder Verbannung bestrafte. Die Ehebrecherin durfte zudem nicht mehr die Stola der ehrbaren Frau tragen.

Die geschiedenen oder verwitweten freien Frauen schienen sich jedoch laut der vorhandenen Quellenmaterialien trotz der augusteischen Gesetze ebenso ungeniert wie die Männer ihrer Lust hingegeben zu haben. So sollen sie sich besonders Eunuchen zu längerem und gefahrlosem (d.h. unfruchtbarem) Liebesgenuß gehalten haben (in: Theodor Hopfner, a.a.O., S. 395). Auch die verheirateten freien Frauen hielten nicht viel von den kaiserlichen Verboten. Martial jedenfalls zählt die sieben Kinder einer gewissen Marcella auf, deren Gesichtszüge nur zu deutlich erkennen ließen, welche Sklaven ihres Hauses deren Väter sind: der maurische Koch, der plattnasige Athlet, der triefäugige Bäcker, der zarte Liebling des Herrn, der spitzköpfige, langohrige Kretin, der schwarzhaarige Flötenbläser und der rothaarige Hofverwalter:

„Von deiner Frau hast du der Kinder sieben,
Was man so Kinder nennt, denn im Gesicht
Steht ihnen allen leserlich geschrieben:
Du bist der Vater dieser Sippschaft nicht.
Wenn deine Gattin dich betrogen hätte
Mit Freunden, Nachbarn, wär´s noch zu verzeih´n.
Doch ist die Brut gezeugt im Lotterbette,
Ist Frucht von heimlich-schmutz´gen Buhlerei´n.
Der Bursche da mit dem gekrausten Haar
Ist von dem maurischen Koch ganz offenbar.
Woher der zweite stammt, erkennt man leicht,
Weil er dem Bäcker, diesem Triefaug´, gleicht.
Die Affennase und die wulst´gen Lippen
Des dritten lassen auf´nen Boxer tippen.
Der hübsche vierte mit der frechen Miene
Ist ganz der widerliche Konkubine.
Der Spitzkopf mit beweglich Eselsohr
Ging aus dem trottelhaften Narr´n hervor,
Den bunten Reigen schließt ein Schwesternpaar
Mit schwarzem und mit feuerrotem Haar.
Auch ihre Väter sind vom Personal:
Der Flötenspieler und der Hausmarschall.
Die Liste wär´ viel länger noch geraten,
Doch etliche Verehrer war´n Kastraten."
(in: Joachim Zahn: Nichts Neues mehr seit Babylon - Kulturgeschichtliches und Technisches aus fünf Jahrtausenden, Hamburg 1979, S. 274-275).

Welche römische Frau konnte sich schließlich auch Ovids folgendem Aufruf entziehen: „Folgt, ihr Sterblichen, dem Beispiel der Göttinnen und verweigert eure Gunst nicht den Männern, die euch begehren." (in: Ovid: Ars amatoria, Drittes Buch, 89-90)

Wenn die Römer und Römerinnen also ein gewissermaßen sexuell freizügiges Leben führten, sind die böswilligen Gerüchte gegenüber Tiberius nur zu begreifen, wenn man davon ausgeht, daß sich im Rom des ersten Jahrhunderts ähnlich wie in unserer Zeit „Sex- und Crime-geschichten" besonders gut verkauften.

So verwendeten die Römer zur Diffamierung von unliebsamen Personen auch die gleichen Methoden wie unsere Zeitgenossen, indem sie ihre Gegner als Wesen mit abnormaler Sexualität darstellten. Gaius Julius Caesar wurden homosexuelle Beziehungen zum König Nikomedes III. Philopator von Bithynien († 74 v. Chr.) nachgesagt. Sein erbitterter Gegner C. Scribonius Curio bezeichnete ihn sogar „den Mann aller Weiber und das Weib aller Männer." (in: Sueton: Caesar, 52). Augustus wurde nicht nur vorgeworfen, er hätte sich sexuell sehr gern mit kleinbrüstigen Syrierinnen eingelassen, die ihm von Livia höchstpersönlich beschafft worden wären, sondern er hätte zudem auch ehrbare Frauen verführt. „M. Antonius hielt ihm neben der übereilten Heirat mit Livia vor, er habe sogar die Gattin eines Konsulars vor den Augen ihres Mannes aus dem Speisesaal ins Schlafgemach geführt und habe sie mit roten Ohren und mit in Unordnung geratener Frisur zur Tischgesellschaft zurückgebracht; Scribonia (seine zweite Gattin) sei deshalb verstoßen worden, weil sie sich zu freimütig über den allzu großen Einfluß einer Nebenbuhlerin beklagt habe; er gab seinen Freunden den Auftrag, verheiratete Frauen und erwachsene junge Mädchen zu entkleiden und in Augenschein zu nehmen, wie wenn sie einen Kauf beim Sklavenhändler Toranius tätigen wollten." (in: Sueton: Augustus, 69).

Hatte man vor, eine Frau besonders auszuzeichnen, betonte man ihren keuschen Lebenswandel, wollte man sie diffamieren, benutzte man dagegen die gleichen Mittel wie bei einem männlichen Gegner. Man warf ihr sexuelle Verdorbenheit, Unzucht, Ehebruch etc. vor. Von Julia der Älteren († 14 n. Chr), der einzigen Tochter des Augustus, hieß es z.B., daß sie nicht nur liederliche Parties am Abend gegeben hätte und auf dem Forum herumkrakeelt und betrunken auf die Rednerbühne gestiegen wäre, sondern daß sie bereits in ihrer zweiten Ehe mit Marcus Agrippa unzählige Liebhaber besessen hätte. Auf die Frage, wie es ihr gelungen sei, von diesen niemals geschwängert zu werden, gestand sie (angeblich), daß sie sich nur, wenn sie von Marcus Agrippa gerade ein Kind erwartet hätte, mit ihren Liebhabern geschlechtlich eingelassen hätte. Als ihr Vater schließlich über das unwürdige Leben seiner Tochter aufgeklärt worden war, verbannte er Julia die Ältere 2 v. Chr. wegen Ehebruchs und sittlicher Verderbnis auf die Insel Pandateria (heute Ventotene), die 50 km westlich von Neapel liegt. Einige ihrer mutmaßlichen Liebhaber wie Sempronius Gracchus, Appius Claudius, Cornelius Scipio, Quintus Crispinus und Jullus Antonius, die alle Angehörige bekannter Familien der römischen Führungsschicht waren, hatte man hinrichten oder verbannen lassen. Vermutlich wurden diese sexuellen Vergehen jedoch nur vorgeschoben. Wahrscheinlich handelte es sich im Falle der Julia der Älteren und ihrer vermeintlichen Liebhaber eher um einen mißlungenen Umsturzversuch, der als sexuelles Delikt verschleiert wurde. Julia durfte sich später mit ihrer Mutter Scribonia auf das Festland nach Rhegium (Reggio di Calabria) begeben. Aber wie zuvor verfügte sie auch weiterhin über kein Eigentum, durfte keinen männlichen Besuch ohne ausdrückliche Genehmigung des Vaters empfangen und war bei ihrer Verpflegung völlig auf dessen guten Willen angewiesen.

Julia die Jüngere († 28 n. Chr.), die mit ihrem Mann L. Aemilius Paullus ein Komplott gegen Augustus vorbereitet hatte und die deshalb lebenslang in die Verbannung - auf die Insel Trimerus (heute Tremiti) - geschickt worden war, ging in die römische Geschichte nicht als politische Verschwörerin sondern als unzüchtige Frau ein, die angeblich Ehebruch mit Decimus Junius Silanus begangen hätte. So wurde auch behauptet, daß sie ihre Lust mit dem kleinsten Mann ihrer Zeit, Canopus, der nur zwei Fuß und eine Handbreite hoch war, befriedigt haben sollte.

Agrippina der Jüngeren werden später ebenfalls sexuelle Vergehen vorgeworfen. Auch in ihrem Fall soll eine Frau, die man für immer diskreditieren will, als sexuelles Monster dargestellt werden. Im Gegensatz zu ihrer Großmutter, Julia der Älteren, der man zumindest nachsagen konnte, daß sie gern flirtete, war Agrippina die Jüngere jedoch eine völlig nüchterne, rationelle Politikerin, die mit Bettgeschichten überhaupt nichts anfangen konnte und wollte. Deshalb klingen sowohl Tacitus´ als auch Suetons Geschichten über ihre unzähligen Liebhaber absolut unglaubwürdig, ja geradezu hilflos, da es diesen Autoren selbst schwer fällt, ihre Behauptung mit Beispielen zu untermauern.

Während sich also im Jahre 27 n. Chr. die „Sex- und Crime-geschichten" des Tiberius entwickelten, ging Seianus weiter gegen die Mutter Agrippinas der Jüngeren und ihren ältesten Bruder, Nero Caesar, vor. Da letzterer wie Agrippina die Ältere seine Ansichten ziemlich grob und ungeschickt in der Öffentlichkeit vortrug und von dem diplomatischen Geschick seines Vaters nichts geerbt zu haben schien, fiel es Seianus nicht schwer, dessen unvorteilhafte Bemerkungen bezüglich Tiberius aufzeichnen zu lassen und dem Kaiser zu hinterbringen.

Im Laufe desselben Jahres ließ Seianus zudem einen weiteren nahen Verwandten von Agrippina verhaften. Es handelte sich um P. Quinctilius Varus, den Sohn der bereits oben erwähnten Claudia Pulchra und des großen Verlierers im Teutoburger Wald, P. Quinctilius Varus. Als Verlobter der neunjährigen Livilla, der jüngsten Schwester der Agrippina der Jüngeren, fühlte sich Agrippina die Ältere natürlich wieder selbst betroffen. Die Anklage, hervorgebracht durch Domitius Afer und Cornelius Dolabella, lautete auf Majestätsbeleidigung. Da Tiberius jedoch nicht in Rom weilte, gelang es Agrippinas Freunden, eine Aufschiebung des Prozesses zu bewirken. Ob es in diesem Fall überhaupt noch zu einer weiteren Verhandlung kam oder wie letztendlich das Urteil ausfiel, ist den Quellen nicht zu entnehmen.

Seianus ließ sich dadurch nicht entmutigen. Weiterhin wurden Agrippina die Ältere, Nero Caesar und deren Freunde von seinen Gefolgsleuten bespitzelt. Der halsstarrige und freimütige Nero Caesar, der nur vom Autor Tacitus noch die zusätzliche Eigenschaft „bescheiden" erhielt, lieferte ihnen viel Aufzeichnungswertes. Jede seiner Tätigkeiten, jedes seiner Gespräche wurde akribisch auf Papyrusblättern festgehalten und an den Kaiser weitergereicht. Der große Coup gelang Seianus endlich gegen Ende des Jahres 27 n. Chr.. Ein ehemaliger sehr enger Freund des Germanicus, der römische Ritter Titus Sabinus, der auch nach dessen Tod zu den regelmäßigen Besuchern der Agrippina und ihrer Familie gehörte, konnte mit Hilfe eines seiner entfernten Verwandten, des Prätorianers Latinius Latiaris, der für Seianus arbeitete, in eine Falle gelockt werden. Er äußerte sich nämlich im Gefühl, einen Gleichgesinnten gefunden zu haben, in dem Haus dieses Verwandten äußerst freimütig über Tiberius. Zu seinem Nachteil befanden sich jedoch drei weitere Gefolgsleute des Seianus im Haus, die - zwischen der Zimmerdecke und der Bedachung des Raumes versteckt - alles Gesagte haargenau mitschrieben. Mit diesem schweren Belastungsmaterial versehen, ließ Seianus Sabinus auf der Stelle verhaften. Was Sabinus nun genau verraten hat, wissen wir nicht. Es muß jedoch etwas sehr Schwerwiegendes gewesen sein, denn er wurde bereits Anfang 28 n. Chr. in einem ordentlichen Gerichtsverfahren des Hochverrates überführt und hingerichtet. Und er hatte - sicherlich ungewollt - Belastungsmaterial zur Verhaftung von Agrippina der Älteren und Nero Caesar geliefert, denn beide gerieten unter Hausarrest. Nero Caesars Aufenthaltsort kennen wir nicht. Agrippina die Ältere befand sich indes in ihrer schönen Villa in Herculaneum unter ständiger Bewachung. Für Agrippina die Jüngere und ihre Geschwister bedeutete dies einen erneuten Umzug. Diesmal zogen sie von ihrem Elternhaus zu ihrer nicht weit entfernt von ihnen lebenden Urgroßmutter Livia, die mittlerweile 85 Jahre zählte.

Über ihre Gefühle und Ängste in dieser kritischen Zeit schrieb Agrippina die Jüngere in ihren Memoiren, die leider verlorengegangen sind. Harmonie herrschte schon lange nicht mehr in ihrem Elternhaus. Denn ihr zweitältester Bruder, Drusus Caesar, dem Tacitus ein „ungestümes Wesen" zuschrieb, arbeitete gegen seine Mutter und seinen ältesten Bruder. Der Grund für diesen wohl auch in der Familie empfundenen Verrat lag in dessen Eifersucht gegenüber seinem ältesten Bruder, der der absolute Liebling der Mutter war. Ja, Drusus Caesar schien tatsächlich mit Seianus zusammengearbeitet und diesem eventuell sogar wichtiges Material geliefert zu haben.

Das Jahr 28 n. Chr. sollte sich schließlich für Agrippina die Jüngere und für ihre Familie zu einem ereignisreichen Jahr entwickeln. Denn ihr Adoptivgroßvater Tiberius hatte unter anderem beschlossen, seine erst 11-jährige Adoptivenkelin Agrippina zu verheiraten. Um zu verstehen, welche Bedeutung dieser entscheidende Beschluß für Agrippina die Jüngere und ihr späteres Leben hatte, müssen wir uns zuvor noch mit der römischen Auffassung über die Ehe, die Scheidung und die Liebe beschäftigen.

Nach dem römischen Recht galt das 11-jährige Mädchen als „viripotens" oder „virum patiens", d.h. sie konnte in diesem Alter schon „einen Mann dulden". Wenn sie mit 11 Jahren zudem bereits ihre Menstruation besaß, das bei dem weiblichen Geschlecht zu dem wichtigsten und zuverlässigsten Kennzeichen seiner erreichten Sexualreife zählte, sprach nichts mehr gegen eine Heirat. In der Regel wurden die Mädchen zwischen dem 13. und 17. Lebensjahr vermählt.

Das weibliche Geschlecht hatte bezüglich der Eheschließung nicht das geringste Mitspracherecht, d.h. es konnte einen vom pater familias ausgesuchten Bräutigam nicht ablehnen. Für das männliche Geschlecht bestand dagegen immer noch die Hoffnung, später als eigene patres familias ihre Bräute selbst wählen zu dürfen. Geschlossen wurden die Ehen aus politischen, wirtschaftlich-materiellen oder gesellschaftlichen Gründen. Der Vertrag wurde zwischen den Vätern der Brautleute oder zwischen dem Vater der Braut und dem Bräutigam, falls dieser durch den Tod seines Vaters bereits selbst pater familias war, ausgehandelt. Die Ehe zwischen Marcus Antonius und Octavia, der Lieblingsschwester von Augustus, die im Jahre 40 v. Chr. geschlossen wurde, war zum Beispiel eine rein politisch motivierte Eheschließung. Als das Bündnis zwischen Augustus und Marcus Antonius im Laufe der nächsten Jahre brach, wurde auch die Ehe 32 v. Chr. wieder aufgelöst.

Manchmal - aber sehr selten - entwickelte sich auch in diesen arrangierten Ehen eine tiefe menschliche Beziehung zwischen den Partnern wie z.B. zwischen Pompeius und Julia, der einzigen Tochter von Gaius Julius Caesar. Die Scheidungsrate war - wie zu erwarten ist - extrem hoch. Bot sich nämlich im Laufe der Zeit dem pater familias eine bessere Gelegenheit, hatten sich die eben Getrauten wieder zu scheiden, um den neuen gewünschten Schwiegersohn oder die neue gewünschte Schwiegertochter zu ehelichen. „Um die verwandtschaftlichen und freundschaftlichen Beziehungen mit Pompeius zu festigen, bot ihm Caesar (nach dem Tod von Julia) die Octavia, eine Enkelin seiner Schwester, die mit Gaius Marcellus verheiratet war, zur Ehe an..." (in: Sueton: Caesar, 27). Ja, selbst der berühmte Cato der Jüngere schämte sich nicht, seine geschiedene Frau Marcia wieder zu sich zu nehmen, nachdem zu ihrem Vermögen noch das des Hortensius hinzugekommen war, den sie in der Zwischenzeit geheiratet und bald darauf durch den Tod verloren hatte.

Schließlich war die Scheidung sehr schnell durchzusetzen. Denn zur Auflösung der Ehe reichte bereits die Willenserklärung eines Partners aus. Der Ehemann besaß das Recht, sich von seiner Gattin zu trennen, wenn diese die eheliche Treue verletzt hatte, keine Kinder gebar, ihm Kinder untergeschoben hatte, seine Schlüssel hatte nachmachen lassen oder wenn diese ohne sein Wissen Wein getrunken hatte. Ja, es gab unzählige Gründe, um sich vom bisherigen Ehepartner scheiden zu lassen. Die schlichte Scheidungsformel lautete: tuas res tibi agito, „nimm deine Sachen mit." Da sich in der Kaiserzeit mittlerweile die manus-freie Ehe durchgesetzt hatte, in der die Frau auch nach ihrer Heirat z.T. in der patria potestas ihres Vaters und somit zumindest im Besitz ihres eigenen Vermögens blieb, bedeutete es für die Väter der geschiedenen Frauen auf jeden Fall kein finanzielles Problem mehr, die Töchter erneut zu vermählen. Seit Augustus konnte zudem sogar ein Teil der Mitgift zurückgefordert werden.

Julia die Ältere, das einzige Kind von Augustus, wurde bereits mit zwei Jahren mit einem Sohn von Marcus Antonius zum erstenmal verlobt. Mit 14 Jahren mußte sie auf Geheiß ihres Vaters ihren 19-jährigen Cousin M. Claudius Marcellus heiraten, der bereits zwei Jahre später starb. Ihr Vater hatte jedoch schon bald den zweiten Ehemann für sie gefunden, seinen treuesten Freund, Marcus Agrippa, der 30 Jahre älter als Julia war und sich für diese Ehe von seiner erst vor kurzem angetrauten zweiten Gattin, Marcella Maior, einer Nichte des Kaisers, trennen mußte. Als Marcus Agrippa nach neunjähriger Ehe starb, wurde Julia schließlich gezwungen, Tiberius zu ehelichen, der selbst sehr glücklich mit seiner Vipsania Agrippina verheiratet war. Auf die Gefühle der Kinder, Verwandten und Freunde nahm Augustus wie wohl fast jeder römische Vater keine Rücksicht.

Auch der Altersunterschied zwischen den Brautleuten spielte keine Rolle. Cicero heiratete z.B. als 60-jähriger im Jahre 46 v. Chr. zum zweitenmal. Seine Braut Publilia, mit deren Mitgift er seine zerrütteten Vermögensverhältnisse wieder in Ordnung bringen wollte, zählte gerade 16 Jahre.

Seit den von Augustus eingeführten Ehegesetzen bestand für die 25- bis 60-jährigen Männer und für die 20- bis 50-jährigen Frauen zudem die sogenannte Ehepflicht. Bei Scheidung und Tod wurde den Männern und Frauen nur eine kurze Übergangszeit (bei Witwen: drei Jahre) zugestanden, dann hatten sie sich wieder zu vermählen. Außerdem war den Angehörigen der senatorischen Familien verboten, Freigelassene oder Schauspieler zu ehelichen. Römische Bürger hatten außerdem keine Ehen mit Dirnen, Ehebrecherinnen oder ähnlich diskreditierten Frauen einzugehen.

Und obwohl sich bei diesen in der Regel geschlossenen Vernunftehen zwischen den Ehepartnern selten etwas wie Liebe entwickelte, hatten auch die Römer und Römerinnen wie wir ein echtes Bedürfnis nach ihr. Ovids († 17/ 18 n. Chr.) Werk: Ars amatoria - Liebeskunst, in dem er Männern und Frauen Tips gab, wo und wie sie das Herz ihrer Geliebten oder ihres Geliebten am besten erobern könnten, blieb jahrhundertelang ein „Kassenknüller".

Auch frühchristliche Vorstellungen von der Liebe vertraten Agrippinas Zeitgenossen wie z.B. Seneca der Jüngere: „Jede Liebe zur Frau eines andern ist schändlich; ungehörig aber ist auch zu große Liebe zu deiner eigenen Frau. Ein Weiser sollte seine Frau verständig lieben, ohne jede Leidenschaftlichkeit. Er soll seine Triebe beherrschen und sich nicht ungestüm zum ehelichen Akt hinreißen lassen. Nichts ist verderbter, als seine Gattin wie eine Ehebrecherin zu lieben. Jene Männer aber, die sagen, sie vereinigten sich mit einer Frau, um dem Staate oder dem Menschengeschlecht zuliebe Kinder zu zeugen, sollten sich wenigstens die Tiere zum Vorbild nehmen und, wenn der Mutterleib ihrer Frau sich wölbt, die Nachkommenschaft nicht vernichten. Sie sollen sich ihren Frauen nicht als Liebhaber, sondern als Ehemänner erweisen." (in: John T. Noonan J.: Empfängnisverhütung - Geschichte ihrer Beurteilung in der katholischen Theologie und im kanonischen Recht, Mainz 1969, S. 51).

Aber Senecas „vernünftige" Liebe war nicht nach dem Geschmack der Römer. Wenn sie liebten, dann mit Leidenschaft. Einige denkwürdige Liebesbeziehungen aus dem ersten Jahrhundert vor und aus dem ersten Jahrhundert nach Christi Geburt sind deshalb auch für die Nachwelt für immer festgehalten worden. Augustus und Livia galten z.B. als Liebespaar, denn zumindest bei ihm war es Liebe auf den ersten Blick. Er konnte nicht einmal die Geburt ihres zweiten Kindes abwarten und heiratete sie am 17.1.38 v. Chr. im siebten Monat ihrer Schwangerschaft. Ob sie sich ebenfalls sofort in ihn verliebt hatte, wissen wir nicht. Da ihr Vater M. Livius Drusus Claudianus jedoch nach der Schlacht von Philippi im Jahre 42 v. Chr. auf die Proskriptionsliste von Marcus Antonius, Lepidus und Octavian, dem späteren Augustus, geraten war und, um diesen nicht in die Hände zu fallen, Selbstmord begangen hatte, ist zu bezweifeln, daß Livia von ihrem zweiten Gatten - zumindest zu Beginn ihrer Ehe - so begeistert war wie er von ihr.

Und Tiberius hatte nie die Liebe zu seiner ersten Gattin, Vipsania Agrippina, aus seinem Herzen verbannen können. Nach der Scheidung war sie sofort mit Gaius Asinius Gallus verheiratet worden, mit dem sie noch fünf weitere Kinder haben sollte. Auch Gaius Julius Caesars erste Ehe mit Cornelia, einer Tochter von Cinna, gehörte zu den wenigen sehr glücklichen Ehen. Trotz Sullas Befehl, sich von ihr scheiden zu lassen, weigerte dieser sich, zu gehorchen. Zur Strafe verlor er sein Priesteramt, die Mitgift seiner Gattin und die Familienerbschaften.

Plinius der Jüngere erzählt zudem folgende herzergreifende Liebesgeschichte: „Bei einer Fahrt über den Comer See hatte ihm ein ältrer Freund eine Villa und in dieser ein über das Wasser vorspringendes Gemach gezeigt, aus dem jene Frau (aus der Stadt Como) mit ihrem Manne sich hinabgestürzt hatte. Dieser litt infolge einer langen Krankheit an fressenden Geschwüren; er zeigte sie seiner Frau und fragte, ob sie das Übel für heilbar halte. Es erschien ihr hoffnungslos, sie ermahnte ihn, sich den Tod zu geben, und war dabei nicht bloß seine Gefährtin, sondern auch seine Führerin und sein Vorbild; sie banden sich aneinander und stürzten sich so in den See." (in: Ludwig Friedlaender, a.a.O., S. 271).

In seinem privaten Leben hatte der oben erwähnte Erzähler der Geschichte, Plinius der Jüngere, selbst in seiner dritten Gattin Calpurnia eine treue und ihm völlig ergebende Lebensgefährtin gefunden. Sie bemühte sich, seine literarischen Interessen zu teilen, nahm großen Anteil an seinen von ihm als Anwalt geführten Prozessen und war bei seinen Vorträgen, zu denen nur Männern der Zutritt erlaubt war, - hinter einem Vorhang verborgen - stets anwesend. Außerdem vertonte sie seine Lyrik.

Die jedoch berühmteste und bekannteste Liebesgeschichte zur Zeit Agrippinas der Jüngeren war indes der Tod von Aulus Caecina Paetus und Arria I. Unter Claudius soll Paetus an einem Aufstand in Illyricum teilgenommen haben und wurde deshalb nach Rom zur Aburteilung gebracht. Seine Frau Arria I. wollte ihn auf seinem Gefangenenschiff begleiten, um ihm in dieser Zeit beizustehen und zu helfen. Als man es ihr abschlug, mietete sie einen Fischerkahn und folgte ihrem Gatten über die hohe See nach Rom. Paetus wurde in dem darauffolgenden Gerichtsverfahren schließlich für schuldig gefunden, erhielt jedoch das Recht, sich selbst umzubringen. Da er zögerte, nahm Arria I. selbst den Dolch, stieß sich ihn in ihre Brust und reichte ihn dann zu gleichem Gebrauch an ihren Ehemann mit dem Satz weiter: „Paete, non dolet - „Es schmerzt nicht, Paetus!"

Manchmal überschritt die Liebe auch die Standesgrenzen. So berichtet Juvenal in seinen Satiren über einen stadtbekannten Skandal, bei dem die Gattin eines Senators ihren Ehemann und ihre Kinder verlassen hatte, nur um mit ihrem Geliebten, einem Gladiatoren, für immer in Pharos zu leben.

Die 11-jährige Agrippina die Jüngere wird nicht mit dem Mann ihrer Träume verheiratet worden sein. Auch bei ihr handelte es sich um eine reine Vernunftehe, vom pater familias, Tiberius, beschlossen. Wir wissen noch nicht einmal, wie oft die kleine Agrippina in der Zwischenzeit verlobt gewesen ist. Denn im Rom des ersten und zweiten Jahrhunderts n. Chr. wurden Verlobungen so häufig geschlossen und wieder aufgelöst, daß Plinius der Jüngere sie unter die tausend Nichtigkeiten zählte, mit denen seine Zeitgenossen die Tage unnütz ausfüllten. Agrippinas Geschwister hatten zumindest eine Reihe von Verlobungen aufzuweisen, bevor sie ihre Ehepartner fanden. Im Jahre 28 n. Chr. waren Nero Caesar und Drusus Caesar bereits vermählt. Nero Caesar war im Jahre 20 n. Chr. mit Julia, der einzigen Enkelin von Tiberius, und Drusus Caesar mit Aemilia Lepida Maior, die dem alten, angesehenen Adel der Aemilier entstammte, verheiratet worden.

Agrippinas Gatte war der ungefähr 30-jährige Gnaeus Domitius Ahenobarbus, der ebenfalls einer sehr alten, angesehenen Familie entstammte und ein Cousin von Germanicus war. Denn seine Mutter, Antonia Maior, war die ältere Schwester von Germanicus´ Mutter, Antonia Minor. Das Geschlecht der Domitier, das ursprünglich plebejisch war, war 30 v. Chr. von Augustus in den patrizischen Stand erhoben worden. Ihren berühmten Beinamen „Ahenobarbus" - Rotbart -, ein typisches Kennzeichen ihrer männlichen Vertreter, trugen sie indes schon seit dem 5. Jahrhundert v. Chr. Angeblich besaßen sie dieses für ihre Familie charakteristische Merkmal seit der Schlacht am See Regillus im Jahre 496 v. Chr., wo der entscheidende Kampf zwischen den Römern und Latinern ausgefochten wurde. Laut einer Legende hieß es, daß die Römer in diesem Kampf zeitweise von Jupiters Söhnen, Kastor und Pollux, militärische Hilfe erhielten. Lucius Domitius zweifelte jedoch an deren Göttlichkeit, bis sie seinen Bart berührten, dessen Farbe sich schlagartig von schwarz in rot verwandelte.

Außerdem galten die Domitier als sehr reich, sehr geizig und sehr grausam. Sie verfügten über riesige Besitzungen in Italien und in der Provinz Africa. Agrippinas um 28 n. Chr. vielleicht schon verstorbener Schwiegervater, Lucius Domitius Ahenobarbus, wurde von Sueton als arrogant, überheblich, verschwenderisch, schroff in seinem Wesen, kaltblütig und rücksichtslos beschrieben. In seiner Jugend liebte er die Kunst des Wagenlenkens, von dem auch sein zukünftiger Enkel, Agrippinas Sohn Nero, ergriffen werden sollte. Die Gladiatorenspiele, die Agrippinas Schwiegervater veranstalten ließ, sollen zudem so brutal gewesen sein, daß sie selbst die an Grausamkeit gewöhnten Römer abschreckten.

Der Gatte der kleinen Agrippina stand ebenfalls bei seinen Zeitgenossen in keinem guten Ruf. Laut seiner eigenen Mutter neigte er zur Trägheit und war gänzlich ohne Ehrgeiz. Deshalb hatte Tiberius ihn wohl auch als Schwiegersohn für eine seiner Enkelinnen ausgesucht. Denn von ehrgeizigen Leuten hatte er in seiner eigenen Familie mittlerweile genug. Im Jahre 32 n. Chr. setzte der Kaiser den Gatten der Agrippina immerhin als Konsul ein. Gnaeus Domitius brachte in seiner Amtszeit zur großen Enttäuschung seiner Mutter jedoch nichts als die Errichtung eines Bades in seinem Hause zustande.

Außerdem betrachteten ihn seine eigenen Zeitgenossen als einen der brutalsten und verworfenesten Menschen ihrer Epoche. Sueton berichtet folgendes über ihn: „Als er damals im Stabe des jungen Gaius Caesar (wohl eher Germanicus) in den Orient unterwegs war, erschlug er einen seiner Freigelassenen, nur weil dieser sich geweigert hatte, so viel zu trinken, wie ihm befohlen worden war. Daraufhin wurde er aus dem Gefolge entlassen, legte sich aber darum keinerlei Mäßigung auf. Gleich auf der Rückreise überfuhr er nämlich in einem Dorf an der Via Appia einen Knaben, indem er in einer plötzlichen Laune mit voller Absicht sein Gespann vorwärtspeitschte. Und in Rom schlug er mitten auf dem Forum einem römischen Ritter ein Auge aus, weil dieser ihm offen Vorhaltungen gemacht hatte. Dazu war er noch ein solcher Betrüger, daß er nicht nur den Bankiers das Geld für die Ankäufe vorenthielt, die sie in seinem Namen getätigt hatten, er betrog sogar in seiner Eigenschaft als Prätor die Wagenlenker um ihre Siegespreise." (in: Sueton: Nero, 5).

Zu der neuen Familie der kleinen Agrippina gehörten außer der Schwiegermutter Antonia Maior noch die zwei Schwestern ihres Gatten: Domitia und Domitia Lepida. Domitia, die älter als ihr Bruder war, war mit einem der reichsten Männer des römischen Reiches, Gaius Sallustius Passienus Crispus, verheiratet, der später der zweite Gatte von Agrippina der Jüngeren werden sollte. Diese ältere Schwägerin der Agrippina war bei ihren Zeitgenossen besonders wegen ihrer Gemeinheit, ihrem Geiz und ihrer Sucht nach Geld berüchtigt. Geld war auch der Anlaß, daß sie einen Rechtsstreit mit ihrem ebenfalls geizigen Bruder ausfocht. Dabei besaß sie mehrere Grundstücke in Ravenna, eine Villa im heißbegehrten Lust- und Badeort Baiae und umfangreiche Gärten westlich des Tibers. Domitia Lepida, das jüngste Kind der Antonia Maior, war in erster Ehe mit M. Valerius Messalla Barbatus verheiratet worden. Aus dieser Ehe stammte ihre Tochter Valeria Messalina, von der wir später noch als Gattin des Claudius hören werden. Valeria Messalina war, als Agrippina ihre erste Ehe einging, gerade drei oder vier Jahre alt. Domitia Lepida hatte 28 n. Chr. bereits ihren ersten Gatten verloren und war in zweiter Ehe mit Cornelius Faustus Sulla Maior verheiratet, dem sie den Sohn Cornelius Faustus Sulla Minor gebar, der später eine Tochter des Kaisers Claudius ehelichen sollte. Auch Agrippinas jüngere Schwägerin war sehr reich. Sie besaß Besitztümer in Kalabrien, Grundstücke in Fundi und Kornspeicher in Puteoli, in denen Getreide aus Ägypten auf seinem Weg nach Rom gelagert wurde.

Agrippina die Jüngere
Abb. 10: Agrippina die Jüngere

War Gnaeus Domitus schon kein Traumgatte, so konnte man Agrippina die Jüngere (Abb. 10) auch nicht gerade als Traumgattin bezeichnen, zumindest was ihre äußere Erscheinung betraf. Denn sie wies ein breites kleines Gesicht mit niedriger Stirn, hervorstehenden Wangenknochen, einer langen Nase mit runder Spitze, ein hervortretendes breites Kinn und schmale Lippen auf, wobei die Oberlippe etwas über die Unterlippe ragte. Zudem besaß sie einen zusätzlichen zweiten Eckzahn in der oberen rechten Kieferhälfte, der ihre rechte Gesichtshälfte vielleicht etwas schief erscheinen ließ. In der Antike deutete man diesen doppelten Eckzahn, je nachdem ob er in der rechten oder linken Kieferhälfte auftrat, als Glück oder Unglück. Im Falle der Agrippina versprach er viel Glück in ihrem Leben. Was Agrippina, die ohnehin sehr maskuline Züge in ihrem Gesicht aufwies, jedoch noch weniger attraktiv für die Männer werden ließ, war ihre Größe. Denn sie wurde überdurchschnittlich groß und überragte als erwachsene Frau wohl die meisten Männer ihrer Umgebung. Auch ihr späterer Gatte und Onkel Claudius wie ihr eigener Sohn Nero waren kleiner als sie. War sie somit also schon nicht als schön - im herkömmlichen Sinne - zu bezeichnen, so galt sie immerhin als sehr intelligent, belesen, wissensdurstig, selbstbewußt, charmant und lernfähig.

Ihr Hochzeitstag im Jahre 28 n. Chr. wird wie bei allen wohlhabenden Römerinnen folgendermaßen abgelaufen sein: Am Vortag vor der Hochzeit wird sie ihre bisherige Mädchenkleidung - ihr Oberkleid mit dem Purpursaume - und ihre Wachs- und Gipspuppen und ihr übriges Spielzeug der Venus, der Beschützerin der Kindheit, geweiht haben. Dann wurden ihr vor dem Schlafengehen noch das neue Frauengewand angelegt und die Haare in ein rotes Netz hochgesteckt. Für die Aussteuer und die Hochzeitsfeier am nächsten Tag hatte der Brautvater zu sorgen. Da Germanicus nicht mehr am Leben war, übernahm wohl Tiberius diese Aufgabe.

Am Hochzeitstag trug die Braut neben safrangelben Schuhen, einem feuerflammenden Schleier, der ihr Gesicht unverhüllt ließ, und dem neuen Schmuck, der ihr von ihrem Bräutigam übergeben wurde, eine lange, weiße Tunika aus weißem, feinem Flanell oder aus locker durchschossenem Musselin. Um die Taille wurde ein wollener Gürtel gebunden, der in einem sogenannten Herkulesknoten auslief, einer Art von Talisman, der die Braut gegen Unglück schützen sollte und der erst in der Hochzeitsnacht vom Gatten gelöst wurde. Über ihre Tunika zog sie noch einen safrangelben Mantel. Außerdem erhielt sie eine spezielle Frisur, bei der ihr Haar, in sechs Stränge geteilt und mit Wollbändern zusammengehalten, in Form eines Kegels auf dem Kopf zu einem sogenannten „tutulus" aufgetürmt wurde. Das Haar mußte zudem mit einer gebogenen Speerspitze aus Eisen gescheitelt werden. Diese Frisur durften nur die Bräute und Vestalinnen tragen. Auf dem Haupt ruhte schließlich noch ein aus Majoran- und Eisenkrautblüten, vielleicht auch schon aus Myrte und Orangenblüten geflochtener Kranz.

Die Hochzeitszeremonie fand bereits am frühen Morgen in dem Haus der Livia statt. Nachdem ein Auspex, ein Eingeweideschauer, aus den Eingeweiden des Opfertieres - meistens einem Schwein - die günstigen Vorzeichen für die Eheschließung gelesen und gedeutet hatte, wurde Agrippina anscheinend von ihrem Bruder Drusus Caesar vor den Hausaltar geführt, wo der Auspex, die 10 Trauzeugen und ihr Bräutigam auf sie warteten. Dort wurde die notwendige Eheformel: Ubi tu Gnaeus, ego Agrippina (Wo du Gnaeus bist, da bin ich, Agrippina) gesprochen und der Ehevertrag, der die Abmachungen über die Mitgift enthielt, von den Trauzeugen unterzeichnet. Danach besiegelten der Wechsel des eisernen oder goldenen Verlobungsringes der Braut von dem vierten Finger der linken auf den entsprechenden Finger der rechten Hand und ein schlichter Händedruck zwischen den Neuvermählten den Bund fürs Leben. Schließlich folgte das Hochzeitsfrühstück mit den Verwandten, Freunden und Klienten, bei dem Musikanten mit ihren Flöten, Trommeln, Handharfen zuerst zur reinen Unterhaltung und später zum Tanz aufspielten. Die Hochzeitsfeier dauerte bis zum Anbruch der Nacht. Erst dann begab sich die Neuvermählte in das Haus ihres Ehegatten, das sich im Falle von Agrippina der Jüngeren in der Via sacra befand, einer wichtigen Straße, die zwischen dem Palatin und den Oppianischen Hügeln verlief. Auf dem Weg dorthin trugen speziell dafür ausgesuchte Knaben Fackeln vor ihr her. An ihrem neuen Zuhause angekommen, wurde sie von Angehörigen ihres Gatten, um nicht zu stolpern, wenn sie zum erstenmal das Haus ihres Gemahls betritt - das bedeutete Unglück -, über die Schwelle getragen. Ob die kleine Agrippina an diesem Tag noch ihre Hochzeitsnacht über sich ergehen lassen mußte, wurde uns nicht überliefert.

Gegen Ende des Jahres 29 n. Chr., ein Jahr nach ihrer Heirat, verlor Agrippina ihre Urgroßmutter Livia. Diese hatte sich schon seit einigen Wochen nicht besonders wohl gefühlt, aber ihr Sohn Tiberius hatte sie während dieser Zeit nicht ein einziges Mal besucht. Seit seinem Rückzug nach Capri Ende des Jahres 26 n. Chr. hatte sie ihn nur ein einziges Mal - wenige Stunden lang - gesehen. Agrippinas Geschwister, Caligula, Drusilla und Livilla, lebten nun wieder bei der Großmutter Antonia Minor. Drusus Caesar war mit seiner Gattin zu Tiberius nach Capri gezogen.

Livia wurde schließlich nach einer einfachen Zeremonie im Mausoleum des Augustus beigesetzt. Tiberius nahm an der Beerdigung seiner Mutter nicht teil. Laut Tacitus gab er als Entschuldigung in einem Schreiben den großen Umfang an Regierungsgeschäften an. So hielt für sie anstatt ihres Sohnes ihr Urenkel Caligula die feierliche Leichenrede. Tiberius schien seiner Mutter tatsächlich nicht wohl gesinnt gewesen zu sein, denn er verbot zudem, daß Livia vom Senat zur Göttin erhoben wurde. Außerdem ließ er ihr Testament nicht nur für null und nichtig erklären, sondern weigerte sich auch, ihre Vermächtnisse auszuzahlen. Erst Caligula sollte später in seiner Funktion als Kaiser ihren letzten Willen erfüllen.

Der Tod der geliebten Urgroßmutter sollte für Agrippina und ihre Geschwister nicht das einzige unangenehme Ereignis des Jahres 29 n. Chr. sein. Tiberius ließ nämlich im Verlaufe dieses Jahres Agrippina die Ältere angeblich wegen ihrer „scharfen Zunge" und ihres „störrischen Trotzes" auf die Insel Pandateria (heute Ventotene) und Nero Caesar wegen seiner angeblich homosexuellen Neigungen und seinem lockeren Lebenswandel auf die Insel Pontia verbannen. Natürlich handelte es sich hierbei wieder um vorgeschobene Gründe. Vermutlich hatten die beiden tatsächlich einen Putsch gegen den Kaiser geplant. Einer ihrer Hauptankläger war Avillius Flaccus, der Präfekt von Ägypten. Jedoch ist nicht bekannt, welcher Vergehen er die beiden beschuldigte. Auf alle Fälle wurden Agrippina die Ältere und Nero Caesar zu Staatsfeinden erklärt.

Das gewöhnliche Volk in Rom - immer noch alte Verehrer von Germanicus - und die Anhänger von Agrippina der Älteren und Nero Caesar zeigten nach Bekanntgabe der Verurteilung lautstark ihre Sympathien für die in ihren Augen unschuldigen „Opfer" des Seianus. In ihren Händen hielten sie die Bildnisse der Verurteilten, und unüberhörbar gaben sie bekannt, daß sie den Brief des Tiberius, der die beiden eines schweren Vergehens beschuldigte, für eine Fälschung hielten. Überall verteilten die Anhänger der Agrippina der Älteren und des Nero Caesar zudem heimlich Pamphlete, auf denen die Vergehen des Seianus, in den letzten Jahren begangen, genannt wurden. Einige ihrer Anhänger rieten Agrippina und ihrem Sohn sogar, Zuflucht bei den Armeen am Rhein oder bei der Statue des vergöttlichten Augustus am Forum zu suchen oder das Volk und die Senatoren zu ihrer Unterstützung zusammenzurufen. Den Kaiser selbst wagte man nicht anzugreifen. Er sei schließlich von Seianus wie so viele andere nur getäuscht worden. Tiberius jedoch reagierte auf diesen Aufruhr mit dem strikten Befehl, Agrippina die Ältere und Nero Caesar wegen ihrer Verbrechen endlich ihrer gerechten Strafe zu überführen.

Hiermit hatte Seianus letztendlich den Kampf gegen Agrippina und ihre Kinder gewonnen. Aber anscheinend gab er sich damit selbst noch nicht zufrieden. Denn er baute seine Machtbasis auch im Militär aus. So stand er im Jahre 30 n. Chr. mit den Legaten in Nieder- und Ober-Germanien bereits in einem engen freundschaftlichen bzw. verwandtschaftlichen Verhältnis. Der Legat von Unter-Germanien, Lucius Apronius, war nämlich der Vater eines seiner besten Freunde gewesen, und die Tochter des Legaten Gnaeus Cornelius Lentulus Gaetulicus in Ober-Germanien war mit einem seiner Söhne verlobt worden.

30 n. Chr. klagte Tiberius im Senat Gaius Asinius Gallus wegen seines unerlaubten Verhältnisses zu Agrippina der Älteren an. Worauf die Senatoren sofort gegen diesen die Todesstrafe verhängten, die jedoch durch die Intervention des Tiberius nicht vollstreckt wurde. Gaius Asinius Gallus entging aber nicht der Einzelhaft. Auch der zweitälteste Bruder der Agrippina der Jüngeren, Drusus Caesar, wurde von Seianus, mit dem er sich in der Zwischenzeit entzweit hatte, wegen Hochverrats verfolgt. Gegen ihn hatte L. Cassius Longinus Anklage erhoben. Da Drusus Caesar in diesem Prozeß durch seine eigene Gemahlin Aemilia Lepida Maior schwer belastet worden war, erklärte man auch ihn schließlich zum Staatsfeind und veranlaßte seine Überführung von Capri nach Rom, wo er in einer Kammer unterhalb des Kaiserpalastes fortan sein Leben fristen mußte.

Im Jahre 31 n. Chr. gelang es Seianus endlich, seine große Liebe Livilla zu heiraten. Zudem war er neben dem Kaiser in diesem Jahr der zweite Konsul. Nero Caesar beging dagegen auf seiner kleinen felsigen Insel Pontia angeblich Selbstmord. So ist zu lesen, daß er, als er den Scharfrichter erblickte, ausgerüstet mit dem Henkersseil, um ihn zu erwürgen, und dem Haken, um seinen Körper zur schändlichen Ausstellung zu ziehen, selbst Hand an sich gelegt hätte. Andere Autoren sprechen von einem selbstgewählten Hungertod. Es ist jedoch auch nicht auszuschließen, daß er im Auftrage von Seianus heimlich ermordet wurde.

Das Jahr, das für Seianus so glücklich begonnen hatte, endete indessen auch für ihn sehr tragisch. Er wurde im Oktober selbst des Hochverrates überführt und am 18.10. hingerichtet. Die vorhandenen Quellen geben nicht die geringste Auskunft darüber, was zu seinem so schnellen Sturz führte. Seine Hinrichtung spricht jedoch dafür, daß auch er wie Agrippina die Ältere und Nero Caesar im Verdacht gestanden hatte, einen Umsturzversuch geplant zu haben. Kurz vor seinem Fall hatte ihm der Kaiser sogar noch ein proconsularisches Imperium, d.h. den Oberbefehl über den größten Teil des Heeres, übertragen. Vermutlich war der Enkel des Tiberius, Livillas einziger Sohn und potentieller Nachfolger des Kaisers, zu dieser Zeit so schwer erkrankt, daß man mit seinem Tod rechnen mußte. Auf alle Fälle suchte Tiberius nach einem neuen potentiellen Nachfolger seiner Herrschaft und fand ihn in seinem Adoptivenkel Caligula, der zu dieser Zeit überraschenderweise zu ihm nach Capri beordert wurde. Seianus mußte wohl mit dem Tod seines Stiefsohnes Tiberius Gemellus und mit der Möglichkeit der Thronerhebung Caligulas gerechnet haben, so daß er sich intensiv auf die Zeit vorzubereiten schien, in der mit dem Tod des Kaisers der Machtkampf gegen Caligula und dessen Anhänger beginnen mußte. Er suchte seine Anhänger in jedem Lager, auch im militärischen, denn Caligula als neuer Herrscher würde für ihn nicht nur den politischen Sturz, sondern auch den Tod bedeuten. Schließlich war er für die Verurteilung und Verbannung von dessen Mutter und dessen ältesten Brüder verantwortlich. Die Verschwörung war meines Erachtens nicht gegen Tiberius persönlich gerichtet, sondern nur gegen Caligula. Deshalb auch Seianus´ Unentschlossenheit, ja geradezu Hilflosigkeit bei seiner Verhaftung. Weder ließ er seine Anhänger zusammenrufen, noch rief er zum Aufstand gegen Tiberius auf.

Tiberius jedoch schien, Seianus´ Vorgehen als Verrat empfunden zu haben. Vielleicht ließ er sich von den immer noch treuen Anhängern des Germanicus und der Agrippina der Älteren und der Antonia Minor, die laut Flavius Josephus eine aktive Rolle bei der Aufdeckung der Verschwörung gespielt hatte, auch einreden, Seianus hätte nicht nur den Tod von Caligula, sondern auch den Tod vom Kaiser selbst geplant.

Mit Seianus wurden auch seine drei Kinder, seine zwei Söhne und seine Tochter, zum Tode verurteilt. Sein ältester Sohn Strabo starb am 24.10., seine beiden jüngeren Kinder nach dem 26. 10. Seine erste Gattin Apicata verübte am 26.10. Selbstmord. Zuvor jedoch hätte sie sich angeblich an ihrer Nachfolgerin Livilla gerächt. Sie hätte an Tiberius nämlich einen Brief geschickt, in dem sie ihren ehemaligen Gatten und dessen zweite Frau des Giftmordes an Drusus, dem einzigen 23 n. Chr. verstorbenen Sohnes des Kaisers, beschuldigte. Nichts weist beim Tode von Drusus wirklich auf einen Giftmord hin. Diese Behauptung scheint, wenn sie wahr sein sollte, die Rache einer verletzten Frau gewesen zu sein, die in ihren Augen nicht nur ihren Mann, sondern auch ihre Kinder wegen Livilla verloren hatte. Der Kaiser verurteilte schließlich auch seine ehemalige Schwiegertochter. Jedoch wohl eher weil diese an der Verschwörung gegen Caligula teilgenommen hatte als wegen der angeblichen Ermordung ihres Gatten Drusus. Und während der Pöbel die Statuen des Seianus stürzte und seinen im Staub liegenden Leichnam drei Tage lang entehrte, um diesen schließlich in den Tiber zu werfen, wurde Livilla zum Hungertod verurteilt, den Antonia Minor, die Mutter der Verurteilten, in ihrem Haus zu überwachen hatte. Unvorstellbar, aber leider wahr ist, daß Antonia Minor ihre Tochter in ihr Haus nahm und selbst kontrollierte, daß dieser auch wirklich keine Speisen mehr gewährt wurden. Der 18.10., der Hinrichtungstag des Seianus, wurde schließlich zum Festtag erklärt.

Dem Sturz des Seianus folgte noch eine ganze Reihe von Hinrichtungen von Senatoren, die sich als seine Anhänger entlarvten. Sueton berichtet: „Es gab keinen Tag, an dem nicht eine Strafe vollzogen wurde, nicht einmal einen Gedenk- oder Feiertag. Manche wurden sogar am Neujahrstag hingerichtet. Viele wurden mitsamt ihren Frauen und sogar mit ihren Kindern angeklagt und verurteilt. Den Angehörigen war verboten, ihre zum Tode verurteilten Verwandten zu betrauern .... Wenn Leute zu ihrem Prozeß geladen wurden, brachten sie sich zum Teil selbst zu Hause tödliche Wunden bei, weil sie ihrer Verurteilung sicher waren und der Quälerei und der entehrenden Strafe entgehen wollten; zum Teil nahmen sie mitten in der Kurie Gift; und dennoch wurden sie, nachdem man ihre Wunden verbunden hatte, halbtot und noch mit dem Tode ringend in den Kerker verschleppt. Alle Verurteilten wurden mit einem Haken geschleift und die Gemonien hinabgestürzt; zwanzig Personen wurden an einem Tag so behandelt, unter ihnen Frauen und Kinder. Unreife Mädchen wurden, da es nach alter Sitte ein Frevel wäre, eine Jungfrau zu erdrosseln, zuvor vom Henker geschändet und dann erwürgt ..." (in: Sueton: Tiberius, 61). Zum neuen Prätorianerpräfekten erhob Tiberius derweil den Organisator des Putsches gegen Seianus, Quintus Naevius Cordus Sutorius Macro.

Im Jahre 33 n. Chr. verlor Agrippina die Jüngere schließlich noch ihren Bruder Drusus Caesar und ihre Mutter. Tiberius hatte Drusus Caesar im Jahre 30 n. Chr. „Unzucht, tödlichen Haß gegen die Seinen und feindliche Gesinnung gegen den Staat" vorgeworfen (in: Tacitus: Ann., Sechstes Buch, 24) und ihn daraufhin drei Jahre lang in einer Kammer des kaiserlichen Palastes in Rom gefangengehalten. Angeblich soll er sogar mit den Regimentern am Rhein konspiriert haben. 33 n. Chr. starb er wie seine Tante Livilla im Jahre 31 n. Chr. den erzwungenen Hungertod. Sueton berichtet: „Dem Drusus aber sei die Nahrung in einem solchen Maße entzogen worden, daß er versuchte, die Füllung seines Kissens zu verzehren." (in: Sueton: Tiberius, 54). Diese Aussage wurde von Tacitus bestätigt, der in seinen Annalen ebenfalls erzählt, daß Drusus Caesar die letzten acht Tage seines Lebens „in jämmerlicher Weise dadurch gefristet (hätte), daß er die Füllung seines Lagers kaute." (in: Tacitus: Ann., Sechstes Buch, 23).

Am 18.10.33 n. Chr., genau zwei Jahre nach der Hinrichtung des Seianus, starb Agrippina die Ältere kurz vor ihren 46. Geburtstag den in ihrem Falle wohl selbstgewählten Hungertod. Denn laut den vorhandenen Quellen versuchte Tiberius, sie entgegen ihrem eigenen Willen am Leben zu halten. Ihre Wächter erhielten von ihm den Befehl, ihr mit Gewalt Nahrung zu zuführen. Ob der Tod des Drusus Caesar oder der Tod ihres Freundes Gaius Asinius Gallus, der im Jahre 33 n. Chr. in seiner Einzelhaft ebenfalls den Hungertod gestorben war, der Auslöser für ihren Selbstmord war, wissen wir nicht. Vielleicht war sie mittlerweile des Kämpfens auch einfach müde geworden. Eine einfache Gefangene war sie für ihre Wächter nie gewesen. Bei einer Auseinandersetzung mit einem von ihnen hatte sie auf ihrer Verbannungsinsel sogar ein Auge verloren. Tiberius ordnete nach ihrem Tode an, daß man ihren Geburtstag (25. oder 26.10.) fortan unter die Unglückstage einreihe. „Auch rechnete er (Tiberius) es ihr als eine Gnade an, daß er sie nicht mit dem Strick erdrosseln und in die Gemonien habe hinabwerfen lassen ..." (in: Sueton: Tiberius, 53). Eine Begräbnisstätte erhielten die Brüder der Agrippina der Jüngeren im Gegensatz zu ihrer Mutter nicht. Ihre beiden Überreste wurden laut Sueton so verstreut, daß sie niemals mehr zusammengelesen werden konnten.

Den Schwestern der Agrippina der Jüngeren wurde erst im Jahre 33 n. Chr. von Tiberius die Heiratserlaubnis erteilt. Selbstverständlich suchte der Kaiser selbst die Ehegatten seiner Adoptivenkelinnen aus. Und natürlich wurden sie nicht, wie es ihre Mutter plante, mit ehrgeizigen und selbstbewußten Männern der Führungsschicht, sondern eher mit bedeutungslosen Senatoren vermählt. So erhielt Drusilla als Gatten Lucius Cassius Longinus, der im Jahre 30 n. Chr. ihren Bruder Drusus Caesar des Hochverrates angeklagt hatte. Livilla wurde mit dem schüchternen Marcus Vinicius vermählt, dessen Großvater ein enger Freund von Augustus gewesen war und der keinen politischen Ehrgeiz zu besitzen schien und sich wie schon sein Vater nur seinem Interesse an der Literatur widmete. Julia, die Enkelin von Tiberius, die in erster Ehe mit Nero Caesar vermählt war, wurde sogar mit einem noch unbedeutenderen Mann, nämlich Rubellius Blandus, verheiratet, der sogar nur einer „mittelmäßigen" Familie entstammte, was nicht nur Julia selbst, sondern auch ihr Dienstpersonal sehr betrübte. Agrippinas Bruder Caligula war dagegen bereits im Jahre 32 n. Chr. auf Capri mit Iunia Claudia, einer Tochter des sehr angesehenen Marcus Iunius Silanus, der Prokonsul und Statthalter der Provinz Africa war, verheiratet worden.

Im Jahr 36 n. Chr. suchte eine schwere Feuersbrunst Rom heim. Alle Gebäude auf dem Aventin und der an dem Aventin anstoßende Circus wurden niedergebrannt. Tiberius ersetzte ohne langes Zögern sogleich den Wert der zerstörten Paläste und Mietskasernen. 100 Millionen Sesterze (ungefähr 100 Millionen DM) gab er für diesen wohltätigen Zweck aus. Zudem hatte Rom im Frühling und im Herbst 36 n. Chr. mit den Folgen großer Überschwemmungen zu tun. In diesem für Rom so verhängnisvollen Jahr verlor Agrippina gleich zwei ihrer Schwägerinnen. Iunia Claudia, die Gattin von Caligula, starb bereits nach vier Jahren Ehe vermutlich am Kindbettfieber. Kinder, die zumindest das erste Lebensjahr erreicht hatten, gingen aus dieser Verbindung nicht hervor. Und Aemilia Lepida Maior, die Gattin von Drusus Caesar, beging Selbstmord, angeblich um der Verurteilung wegen ihres sexuellen Verhältnisses mit einem Sklaven zu entgehen. Auch sie hatte aus ihrer Ehe mit Agrippinas zweitältestem Bruder keine Kinder.

Außerdem wurde Agrippinas Gatte wegen sittlicher Vergehen ebenfalls vor Gericht gestellt. Er soll zusammen mit Vibius Marsus und Lucius Arruntius eine Affäre mit einer Dame namens Albucilla gehabt haben, die in Rom den Ruf einer Lebedame mit unzähligen Liebhabern genoß. Ob hier wiederum ein politisches Delikt mit einem angeblich sexuellen Vergehen verschleiert wird, wissen wir nicht, aber es ist nicht auszuschließen. Lucius Arruntius z.B. galt als einer der angesehensten Bürger Roms. Er war bereits von Augustus hoch geschätzt worden. 31 n. Chr. hatte man ihn schon einmal wegen Majestätsbeleidigung angeklagt. Der Vorwurf konnte jedoch abgewehrt werden. Vor Beginn dieses Prozesses im Jahre 36 n. Chr. tötete er sich allerdings selbst. Als Begründung soll er angegeben haben, daß das Leben unter Tiberius und Seianus schon schlecht genug gewesen wäre, daß es aber unter Caligula und Macro, dem neuen Prätorianerpräfekten, die reine Hölle werden würde. Vibius Marsus und Agrippinas Gatte spielten bei diesem Prozeß auf Zeit und kamen ungeschoren davon. Nur Albucilla, die für schuldig befunden wurde und sich daraufhin selbst umzubringen versuchte, aber überlebte, wurde ins Gefängnis gesteckt, das sie lebend nicht mehr verlassen sollte. Agrippinas Gatte wurde indessen gegen Ende des Jahres erneut angeklagt. Als Grund gab man „sittliches Fehlverhalten" an. Man hatte ihm nämlich vorgeworfen, er hätte mit seiner jüngeren Schwester Domitia Lepida Inzucht betrieben. Da Tiberius jedoch schon im März 37 n. Chr. starb, blieb auch dieser Fall - zum Glück für Gnaeus Domitius Ahenobarbus - unbearbeitet.

Der Kaiser hatte sich nämlich Anfang März eine schwere Erkältung zugezogen, an deren Folgen er wohl am 16.3.37 n. Chr. in Misenum (Kap Miseno) starb. Wie bei Augustus, der ebenfalls in Kampanien gestorben war, wurde sein Leichnam zu seiner Beisetzung in einem feierlichen Zug auf der Via Appia nach Rom überführt. Das Volk jedoch freute sich laut Sueton sehr über die Nachricht seines Todes: „Sein Tod versetzte das Volk in einen solchen Freudentaumel, daß auf die erste Nachricht hin alles durcheinander lief, bald mit dem Ruf „in den Tiber mit dem Tiberius", bald unter Anrufung der Erdgöttin und der Götter der Unterwelt, daß sie dem Toten nur einen Platz unter den Verdammten zuweisen möchten, während wieder andere den Leichnam mit Haken und Gemonien bedrohten ..." (in: Sueton: Tiberius, 75). Auch die Senatoren begrüßten natürlich das Hinscheiden des Tiberius.

Wie es nun ohne den verstorbenen Kaiser weitergehen sollte, wer seine Position einnehmen würde, das sollte die Zukunft zeigen. Tiberius hatte zwar seinen letzten Willen im Vestatempel hinterlegt, aber es war fraglich, ob sich seine Nachfolger daran halten würden. Durch Sueton kennen wir den Inhalt dieses Testamentes: „Ein Testament hatte Tiberius zwei Jahre zuvor gemacht, und zwar in zweifacher Ausfertigung, jedoch mit dem gleichen Wortlaut; die eine hatte er eigenhändig geschrieben, die andere von einem Freigelassenen schreiben lassen. In diesem Testament setzte er seine Enkel, Gaius (Caligula), Sohn des Germanicus, und Tiberius (Gemellus), Sohn des Drusus, zu gleichen Teilen als Erben ein, mit dem Recht der gegenseitigen Nachfolge. Er gab auch Legate für eine Menge Leute, darunter waren die Vestalischen Jungfrauen, aber auch die Soldaten insgesamt, jeder einzelne Mann aus dem Volke und ganz besonders die Aufseher der Stadtbezirke." (in: Sueton: Tiberius, 76).


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