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Alltagsgeschichte des Mittelalters

III. 3.2. Die Geschichte des Turniers

Durch den Gottesfrieden und durch andere den Frieden fördernde Erlasse und Verordnungen wurde dem adligen Herrn im 10. und 11. Jh. untersagt, mit seinen blutigen Fehden, Raubüberfällen und Plünderungen weiterhin die Geistlichkeit und die städtische und bäuerliche Bevölkerung in Angst und Schrecken zu versetzen. Im 11. Jh. durfte er seine Privatfehden nur noch von Montagmorgen bis zum Mittwochabend ausführen. An den anderen Tagen waren solche blutigen Auseinandersetzungen zu unterlassen. Da die kriegerischen Herren aber ein großes Bedürfnis nach Kampf und Rauferei besaßen, soll ein Adliger mit dem Namen Geoffroy de Pruilly ein neues Festspiel erfunden haben, in dem den Rittern gestattet wurde, sich mit ihren Gegnern kämpferisch zu messen. Aus diesem Spiel entwickelte sich gegen Ende des 11. Jhs. das Turnier, in dem anfänglich wie im Krieg mit gefährlichen Waffen gekämpft werden durfte.

Der Begriff "Turnier" bezeichnet dabei sowohl die gesamte festliche Veranstaltung als auch ein dort vorgeführtes sehr rauhes Reiterspiel, das einen Massenkampf darstellte, in dem es wie in einem richtigen Krieg zuging. Oft waren die Turniergegner alte Feinde, die schon mehrmals gegeneinander gekämpft hatten. Von einer richtigen Schlacht unterschied sich das Turnier jedoch in drei wesentlichen Punkten. Erstens wurden die Teilnehmer eingeladen, zweitens mußten bestimmte Regeln eingehalten werden, und drittens wurde für jede kämpfende Partei ein Schutzbezirk abgesteckt, in dem die Fliehenden vor ihren Gegnern sicher waren. Die Größe der Kampfverbände konnte sehr verschieden sein. Herzog Leopold von Österreich trat im Jahre 1223 in Friesach mit 9 Fürsten und 397 Rittern gegen 8 Fürsten und 300 Rittern an. Als Waffen waren für die Reiter Schwert oder Streitkolben, für die Knappen Stöcke und Keulen erlaubt. Ziel des Turniers war es, die gegnerischen Truppen in die Flucht zu schlagen oder sie kampfunfähig zu machen.

Im Gegensatz zum Turnier war der Buhurt, der besonders in Deutschland sehr beliebt war, eher harmlos zu nennen. Es handelte sich bei ihm im allgemeinen um ein Schaureiten ohne Waffen, also um eine Parade zu Pferd, bei der die ritterlichen Geschicklichkeiten der Teilnehmer gezeigt werden sollten. Wie im Turnier wurde im Buhurt in geschlossenen Verbänden geritten. Falls Waffen verwendet wurden, dann waren im allgemeinen nur die Schilde erlaubt, mit denen man versuchen durfte, die Gegner wegzudrängen oder vom Pferd zu stoßen. Natürlich blieben auch hier Knieverletzungen, Bein- und Armbrüche nicht aus. Auch Tote waren zuweilen zu beklagen, aber ihre Zahl blieb weit unter der, die bei der Tjost oder beim Turnier erzielt wurde.

Bei der Tjost handelte es sich im Gegensatz zum Buhurt und zum Turnier um einen Einzelkampf, bei dem die Gegner mit ihren angelegten Lanzen aufeinander zu sprengten, um sich gegenseitig vom Pferd zu stechen, oder bei dem sie ihre Kräfte – ohne ihre Pferde – bei einem Schwertkampf maßen.

Das erste Turnier, das historisch bezeugt werden kann, fand in Flandern im Jahre 1095 statt und hatte auch schon gleich sein erstes Todesopfer, einen gewissen Grafen Heinrich III. von Löwen, zu beklagen. Sein Turniergegner stieß ihm nämlich aus Versehen die Lanze ins Herz und tötete ihn so auf der Stelle. Das erste deutsche Turnier wurde im Jahre 1127 in Würzburg von Otto von Freising beschrieben. Es wurde von dem Kaiser Konrad III. und seinem Bruder, dem Herzog Friedrich II. von Schwaben, veranstaltet. Schon drei Jahre später wurde von Papst Innozenz II. das erste Turnierverbot ausgesprochen.

1186 starb ein Bruder von Richard Löwenherz in einem Turnier in Paris, da er, als er zu Boden fiel, von einem Streitroß zu Tode getrampelt wurde. 1241 kamen auf einem großen Turnier in Köln sogar 100 Ritter ums Leben. Und das letzte Turnieropfer, der französische König Heinrich II., wurde am 30.6.1559 in Paris durch den Lanzenstoß des Hauptmannes Gabriel de Lorges, des späteren Grafen Montgomercy, tödlich verletzt. Beim Zerbrechen ihrer Lanzen drang nämlich ein scharfer Holzsplitter durch den schmalen Sehschlitz des Helmes ins Auge des Königs und von dort weiter ins Gehirn. 10 Tage später war er trotz der Bemühungen seiner Ärzte, die sogar mehrere Gefangene hinrichten ließen, um nachvollziehen zu können, wie es im Kopf ihres königlichen Herrn aussah, gestorben.

Da die päpstlichen Ermahnungen keine Wirkung zeigten, drohte die Kirche schließlich, den getöteten Turnierteilnehmern das christliche Begräbnis zu verweigern oder die Teilnehmer allesamt zu exkommunizieren. Denn diese Kampfspiele stellten nach Meinung der Geistlichkeit eine Gefahr für Leib und Seele dar, da selbst harmlos wirkende Unfälle auf solchen Veranstaltungen nicht selten mit dem Tod endeten. So mußte der Herzog Leopold V. von Österreich sterben, weil er sich in einem Turnier im Jahre 1194 das Bein gebrochen hatte, das später brandig wurde und zum Tode führte.

Erst im 13. Jh. wurden im Turnier die stumpfen Waffen eingeführt. Die Spitzen der 4,5 m langen und 10 - 15 kg schweren Stechlanzen wurden durch gezackte Platten, Krönlein genannt, ersetzt, und die scharfen Schwerter wurden so abgestumpft, das sie beim Gegner nur noch Beulen hinterlassen sollten.

Das erste Turnier mit diesen "ungefährlichen" Waffen fand im Jahre 1216 auf englischem Territorium statt.

Außer den Waffen änderte sich noch die Rüstung, die in den Turnieren getragen wurde. Seit dem 15. Jh. gab es den Turnierharnisch, der sich vom Feldharnisch allein schon durch sein noch größeres Gewicht unterschied. Der aus dem Topfhelm entwickelte Turnierhelm, der aus besonders dicken Stahlplatten gefertigt wurde, saß direkt auf den Schultern und wurde dort entweder mit Riemen vorne und hinten festgeschnallt oder durch Schrauben mit dem Bruststück verbunden. Sein einziger großer Nachteil war die schlechte Sicht. Der in Augenhöhe angebrachte Sehschlitz reichte nämlich gerade aus, um bei gebeugter Haltung den Turniergegner im Auge zu behalten. Da man beim Schwertkampf auf eine bessere Sicht angewiesen war, wurde noch ein zusätzlicher Helm mit einem verstärkten Gittervisier entwickelt.

Damit trotz dieser Schutzmaßnahmen das Publikum nicht auf blutige Szenen verzichten mußte, ließ sich z.B. König Kasimir IV. von Polen (1447 - 1492) zu seiner Hochzeit in Onoltzbach folgendes einfallen: Die anwesenden Ritter hatten unter ihren Harnischen mit Rotwein gefüllte Schweinsblasen zu tragen, die beim Lanzenstoß den Getroffenen wie mit Blut übergossen.

Gegen Ende des 13. Jhs. fingen die größeren Städte an, die Turniergewohnheiten des Adels zu übernehmen.

In der zweiten Hälfte des 15. Jhs. verloren diese ursprünglich ritterlichen Veranstaltungen schließlich ihren kriegerischen Charakter und wurden außer in Frankreich zu bloßen Übungen im Umgang mit den Waffen.


Lesetipps:

Lohnenswerte Ausflüge:

  • ein Besuch des Germanischen National-Museums in Nürnberg
  • die Burg Münzenberg aus dem 12./13. Jh. in Hessen (in der Wetterau nordöstlich von Butzbach gelegen)
  • die Wartburg

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