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Alltagsgeschichte des Mittelalters

IV. 3. Tischsitten

kaiserlicher Besuch beim französischen König
Abb. 41: Servietten dürfen nicht fehlen! So schmücken sie nicht nur den Tisch von Kaiser Karl IV. (zweite Person am Tisch sitzend von links) und seinem Sohn Wenzel (rechts) und dem Gastgeber, dem französischen König Karl V. (zweite Person von rechts), sondern auch die Diener, die die Speisen hereintragen.

Im Mittelalter aß man selbst in der vornehmen Gesellschaft mit den Fingern, teilte sich mit seinem Nachbarn oder seiner Nachbarin zuweilen den Löffel und das Trinkgefäß und bediente sich seiner Hände, um wie die anderen Gäste die Fleischstücke aus der gemeinsamen Schüssel oder aus dem großen Topf zu "fischen". Dadurch waren allein schon aus hygienischen Gründen bestimmte Verhaltensmaßregeln beim gemeinsamen Mahl erforderlich.

Zuerst einmal mußte man sicher sein, daß alle Teilnehmer saubere Hände besaßen. Deshalb wurde das "öffentliche Handwaschen" eingeführt. So hatten Diener vor Beginn jeder Mahlzeit Wasserkannen, Handbecken und Handtücher bereitzustellen. Nach dem gemeinsamen Essen erschienen sie ein zweites Mal, damit sich die Gäste ihre Hände erneut säubern konnten. Und dann gab es noch die Tischsittenregeln, die um 1200 zuerst im adligen Kreis, später jedoch auch von den Bürgern und von den Bauern beherzigt wurden. Sie schrieben z.B. folgendes vor:
"Keine langen Fingernägel, weil sie Krätze verursachen. Halte den Platz vor dir sauber und wirf keine Abfälle unter den Tisch. Schneuz dich nicht zu laut, und wenn du schneuzen mußt, dann tue es nicht mit der Hand, die das Fleisch anfaßt. Bei Tisch kratzt man sich nicht und spuckt nicht über den Tisch. Säubere deine Zähne nicht mit der Messerspitze. Tu Salz auf deine eigene Brotscheibe und tunke nicht das Fleisch ins Salzfaß. Wenn du Brot in den Wein tauchst, trinke den Wein ganz aus oder gieß den Rest auf die Erde. Leg nicht die Ellenbogen auf den Tisch, wie es die reichen Leute tun. Die Hand, mit der du das Fleisch aus der gemeinsamen Schüssel nimmst, sei nicht fettig oder schmutzig. Es ist wenig schicklich, sich die Finger abzulecken. Nage nicht die Knochen mit den Zähnen ab oder mit den Fingernägeln. Aber du darfst sie mit dem Messer abkratzen. Alles was sich an Abfall ansammelt (Brotkrusten, Käserinden, Obstschalen, Knochen), leg in einen hierfür bestimmten Korb oder eine Schale, oder wirf die Knochen unter den Tisch, aber nahe an deine Füße und ohne jemanden zu verletzen." (in: Günther Schiedlausky, ebenda, S. 10)

Aber nicht alles wurde klar und eindeutig geregelt. Wie ging man z.B. vor, wenn man das gemeinsame Trinkgefäß benutzen wollte, aber einen fettigen Mund hatte? Taschentücher und Servietten gab es erst im 14./15. Jh. (Abb. 41)! Einige Tischregeln schlugen in solchen Situationen vor, sich des breiten, überhängenden Tischtuches zu bedienen. Nur die Augen und Zähne sollte man sich damit bitte nicht reinigen – und auch nicht hineinschneuzen! Andere Tischregeln verboten wiederum eben Gesagtes und forderten zum "Wisch den Mund mit deiner Hand ab!" auf.

Ja, und was machte man, wenn man unter starkem Schnupfen litt und Taschentücher nicht vorhanden waren? Ins Tischtuch schneuzen war verboten! Genau, da blieb nur noch die Kleidung! Und die benutzten die mittelalterlichen Menschen auch reichlich, um ihre fettigen Finger oder den schmutzigen Mund zu säubern oder die Nase vom Schnupfen zu befreien.

Erst im 15. Jh. wurden die Servietten, die in der Antike schon verwendet worden waren, wiederentdeckt. "Die Etikette schrieb vor, das Mundtuch entweder über die Schulter oder dem linken Arm zu tragen. Bei höfischen Tafeleien mit äußerst verfeinerten Sitten kam es vor, daß die Servietten parfümiert und vorgewärmt waren, und daß sie nach jedem Gang, wie manchmal sogar die Tischtücher, ausgewechselt wurden." (in: Günther Schiedlausky, ebenda, S. 20)


Lesetipps:
  • Behre, Karl-Ernst: Die Ernährung im Mittelalter, S. 74-87, in: Mensch und Umwelt im Mittelalter, hrsg. von Bernd Herrmann. Stuttgart 1987 (3. Auflage)
  • Fahrenkamp, H. Jürgen: Wie man eyn teutsches Mannsbild bey Kräfften hält. Kissing 1986
  • Höfische Tischzuchten, hrsg. von Thomas Perry Thornton, Heft 4. Berlin 1957
  • Schiedlausky,Günther: Essen und Trinken. München 1956
  • van Winter, Johanna Maria: Kochen und Essen im Mittelalter, S. 88-100, in: Mensch und Umwelt im Mittelalter, hrsg. von Bernd Herrmann. Stuttgart 1987 (3. Auflage)
  • van Winter, Johanna Maria: Kochkultur und Speisegewohnheiten der spätmittelalterlichen Oberschichten, S. 327-342, in: Adelige Sachkultur des Spätmittelalters, Dokumentation der modernen Realienforschung 1982
  • Wiswe, Hans: Kulturgeschichte der Kochkunst – Kochbücher und Rezepte aus zwei Jahrtausenden. München 1970
  • Wurm, Helmut: Körpergröße und Ernährung der Deutschen im Mittelalter, S. 101-108, in: Mensch und Umwelt im Mittelalter, hrsg. von Bernd Herrmann. Stuttgart 1987 (3. Auflage)

als Buch
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Der Alltag im Mittelalter 352 Seiten, mit 156 Bildern, ISBN 3-8334-4354-5, 2., überarbeitete Auflage 2006, € 23,90

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