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Alltagsgeschichte des Mittelalters

X. 5.2. Die Geschichte und der Krankheitsverlauf der Lepra

Die Krankheit "Aussatz" oder "Lepra" (vom griechischen Wort "lepis" = Schuppe) ist auf unserer Erde seit rund 4.000 Jahren bekannt. Schon in der Antike drang sie über Palästina und Arabien in den abendländischen Mittelmeerraum vor, um im 4. Jh. auf die britischen Inseln, nach Gallien und nach Germanien überzugreifen.

Im 5. - 8. Jh. entstanden die ersten deutschen Leprosorien. Noch vor 1066 wurde der Aussatz von England nach Norwegen eingeschleppt.

Seit den Kreuzzügen nahm die Zahl der Leprosen stetig zu. Um 1250 soll es in Mitteleuropa etwa 19.000 Leprahospitäler gegeben haben.

Im 14. Jh. erreichte die Ausbreitung der Lepra schließlich ihren Höhepunkt, um dann im 15. Jh. von Süden nach Norden schreitend allmählich zu verschwinden. Gegen Ende des 16. Jhs. war der Aussatz in Europa so gut wie nicht mehr vorhanden. Nur in Norwegen, Nordschweden, Litauen und Livland konnte sich diese Krankheit noch länger halten.

Ausgerottet wurde Lepra aber nie. Noch heute müssen sich schätzungsweise 12 - 13 Millionen Menschen mit dieser Krankheit abfinden, von denen ungefähr 6,5 Millionen in Asien, 3,9 Millionen in Afrika und 358.000 in Amerika leben. Auch in Europa werden in letzter Zeit besonders in Spanien immer häufiger neue Leprafälle gemeldet.

Leider werden von den 12 - 13 Millionen heutigen Leprosen z.Z. nur 3 Millionen medizinisch behandelt. Dabei kann ihnen im Gegensatz zu früher geholfen werden. Seit 1974 gibt es eine Kombinationstherapie mit Rifampicin und Isoprodian, die die Erreger in kurzer Zeit abtötet. Die Behandlungszeit selbst dauert zwei Jahre und ist nicht gerade billig. Die Patienten werden ambulant versorgt und können bei ihren Familien bleiben. Durch die Fortschritte der plastischen Chirurgie können mittlerweile auch die durch die Lepra verkrüppelten Hände und Füße wieder ihr ursprüngliches Aussehen erhalten.

Der Lepraerreger, das Myobacterium leprae, wurde 1873 von dem norwegischen Arzt G. H. Armauer Hansen entdeckt.

Diese säurefesten, grampositiven Stäbchen, die sich bis heute leider nur schwer auf künstlichem Nährboden züchten lassen, breiten sich durch Infektion von kranken auf gesunde Menschen aus.

Bei Erwachsenen gelangen die Erreger jedoch nur durch langandauernden und recht intensiven Kontakt mit Leprakranken über Verletzungen der Haut oder der Schleimhaut in den Körper und befallen schließlich wie üblich die peripheren Nerven, die Haut, die Schleimhäute, die Augen, die oberen Luftwege, die Muskeln, die Knochen und die Hoden.

Die Inkubationszeit liegt bei 2 - 27 Jahren. Der Ausbruch der Krankheit wird durch mangelnde Hygiene, Hunger oder einseitige Ernährung begünstigt. Manche Menschen scheinen gegenüber Lepra immun zu sein und bleiben trotz Ansteckungsmöglichkeiten gesund. Auch hat man mittlerweile herausbekommen, daß die Infektionsgefahr besonders im Säuglings- und Kleinkinderalter sehr hoch ist und später erheblich abnimmt.

ein erblindeter Lepröser
Abb. 57: Ein erblindeter Lepröser

Zwei Hauptformen der Lepra können unterschieden werden: die Nervenlepra und die Knotenlepra.

Die Nervenlepra oder die tuberculoide Form der Lepra ist kaum ansteckend. Sie führt aber bei dem, der an ihr leidet, frühzeitig zu Hautschäden, Nervenlähmungen und zur Erblindung. Im allgemeinen greift sie jedoch keine inneren Organe und Schleimhäute an.

Die Knotenlepra oder die lepromatöse Form der Lepra ist dagegen sehr ansteckend und kann fast alle Organe befallen. Sie äußert sich nicht wie die Nervenlepra in hellen gefühllosen Flecken auf der Brust oder auf dem Rücken, sondern in knotigen Schwellungen, die besonders im Gesicht und in den Auftreibungen der Nervenstränge am Arm auftreten. Die Schleimhäute, der Nasen- und der Rachenraum und die inneren Organe werden mit Geschwüren übersät. Im fortgeschrittenen Stadium verschmelzen die Knoten im Gesicht miteinander. Außerdem fallen die Wimpern und Haare der Augenbrauen aus, und der Nasenknorpel und -knochen wird abgebaut.

Die Nervenlähmungen bewirken die Gefühllosigkeit der Haut, so daß unentdeckte, sich entzündende Verletzungen auftreten können, die bei fehlender Behandlung zum Absterben der Gliedmaßen führen. Die Zerstörung der Nerven lähmt auch die Muskeln, so daß sich z.B. die Krallenhand bildet. Auch die Augen werden in Mitleidenschaft gezogen. So sind bei der Knotenlepra nach dem fünften Krankheitsjahr bei 90% der Erkrankten die Augen bereits geschädigt (Abb. 57).

Die Lepra endet nicht tödlich und greift nicht das Gehirn an. Aber das ist vielleicht gerade das Tragische! Der Kranke muß voll miterleben, wie sein Körper sich vor seinen Augen zerlegt, wie seine Freunde, seine Verwandten, Kinder und nächsten Familienangehörigen sich von ihm wegen seines Äußeren trennen, da sie sich vor ihm zu ekeln beginnen. Bei Verlust des Augenlichtes schließlich wird der Leprose völlig hilflos, denn er verfügt ja nicht einmal mehr über den Tastsinn, dessen sich die Normalblinden bedienen können.


Lesetipps:
  • Aussatz - Lepra - Hansenkrankheit: Ein Menschheitsproblem im Wandel, Teil I und Teil II, Museumskataloge. Ingolstadt 1982
  • Keil, Gundolf: Seuchenzüge des Mittelalters, S. 109-128, in: Mensch und Umwelt im Mittelalter, hrsg. Bernd Herrmann. Stuttgart 1987 (3. Auflage)
  • Die Klapper: Mitteilungen der Gesellschaft für Leprakunde e.V.
  • Ruffié, Jacques und Jean-Charles Sournia: Die Seuchen in der Geschichte der Menschheit. Stuttgart 1987 (2. Auflage)
  • Seuchen in der Geschichte, in: Geschichte betrifft uns (3/1988)

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