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Alltagsgeschichte des Mittelalters

X. 9. Die Syphilis

Angst und Schrecken verbreitete gegen Ende des 15. Jhs. und im gesamten 16. Jh. die Lustseuche Syphilis, die Kolumbus und seine Besatzung aus dem 1492 neu entdeckten Amerika mitgebracht hatten. Seit dieser Zeit hielt diese neue Geschlechtskrankheit ihren Siegeszug in Europa und machte vor keiner sozialen Klasse Halt. Landsknechte, Bischöfe, Domherren, Grafen, selbst Kaiser Maximilian I., Patrizier, Mönche und Nonnen hatten an ihr zu leiden.

der harte Schanker
Abb. 58: 1. Phase der Syphiliserkrankung: 2-4 Wochen nach der Infektion erscheint der harte Schanker (links), ein schmerzloses, derbes, braunrotes Geschwür; in der Mitte ist ein vernarbter Schanker und rechts ein mehrfach verhärteter Schanker abgebildet

Schon gegen Ende des 15. Jhs. wußten die Menschen, daß man sich die Krankheit hauptsächlich über den Geschlechtsverkehr mit infizierten Leuten zuziehen konnte. Aber im Gegensatz zu unserem heutigen Problem Aids konnte die Syphilis zumindest gegen Ende des 15. Jahrhunderts und im 16. Jahrhundert auch durch die Berührung erkrankter Haut- bzw. Schleimhautstellen, durch das Tragen der Kleidung von Infizierten und durch die Benutzung ihres Eß- und Trinkgeschirrs übertragen werden. Hatte man sich angesteckt, bildeten sich zunächst an den Genitalien oder zuweilen auch an anderen Stellen des Körpers flache Hautgeschwüre (Abb. 58). Darauf folgten Hautausschläge am gesamten Körper (Abb. 59). Bis zu markstückgroße Hautknötchen, die von einer gelblich-dicken Borke überzogen waren, bildeten sich schließlich im Gesicht, an den Armen, den Beinen und am restlichen Körper. Erst nach Monaten pflegten sie unter Bildung von netzartigen Narben abzuheilen. Bei einigen Syphilis-Erkrankten jedoch begannen sie auch zu wuchern, zu zerfallen und tiefe fressende Geschwüre zu bilden.

die zweite Phase der Syphiliserkrankung
Abb. 59: 2. Phase der Syphiliserkrankung: 9-10 Wochen nach der Infektion entsteht ein typischer hell- bis braunroter fleckiger Ausschlag an Haut und Schleimhaut

Im dritten Stadium traten dann nach fünf, zehn oder noch mehreren Jahren Hirnerweichung, Rückenmarkschwindsucht, Lähmung der Gliedmaßen, Lungenzerfall, Herzmuskelerkrankungen, Leberschrumpfung, Gefäßerkrankungen, Schrumpfnieren, Geschwürbildungen an Magen und Darm, Geschwürbildungen am ganzen Körper und die Knochenzerstörungen auf. Dabei konnten sich die zerfressenen aufgetriebenen Knochen säbelartig krümmen. Wenn die Krankheit schließlich auf die Bänder und Sehnen übergriff, kam es sogar zu Spontanverrenkungen, die so große Schmerzen verursachten, daß viele Betroffene keinen anderen Ausweg mehr als den Selbstmord wußten.

Geholfen werden konnte den Erkrankten nicht. Nur der Tod erlöste die Leidenden. Aber natürlich versuchte man zu heilen. Um 1500 gab es zwei Verfahren: Die Schmier- und die Holzkur. Bei der Schmierkur wurde der Erkrankte mit einer Quecksilber-Schweineschmalz-Emulsion eingerieben; bei der Holzkur benutzte man das teure, dunkle und schwere Guajakholz. Dessen geschabten Späne wurden zu Aufgüssen gebrüht, deren Schaum man zu Umschlägen verwendete. 1529 brachte Paracelsus die Holzkur in Verruf, so daß schließlich nur noch die Schmierkur angewendet wurde. Nach heutiger Sicht war das ein fataler Schritt, denn die Holzkur war mit einer zusätzlichen Schwitzkur verbunden gewesen, die z.T. Erfolge erzielte.

Die noch gesunde Bevölkerung reagierte mit diesem lebensbedrohlichen Problem – wie gewöhnlich – mit der Isolierung der Kranken. Entweder kamen diese in speziellen Sondersiechenhäusern unter oder durften – wie in Frankfurt a. M. – ihre Wohnungen nicht mehr verlassen. Schlimmstenfalls trieb man sie aus Stadt und Dorf und überließ sie ihrem eigenen Schicksal.

Anmerkung der Autorin:
Seit kurzem hat man durch archäologische Funde beweisen können, dass die Menschen des Abendlandes bereits in der Antike an Syphilis erkrankten. Wir wissen jedoch noch nicht, ob die schwere Syphilis-Epidemie gegen Ende des 15. und im 16. Jahrhundert durch eine Mutation des europäischen Syphilisbakteriums oder die Einschleppung des Syphilisbakteriums aus Amerika hervorgerufen wurde. Sehr viel spricht jedoch für das Letztere.


Lesetipps:
  • Medicine from the Black Death to the French Disease. Edited by Roger French, Jon Arrizabalaga, Andrew Cunningham and Luis García-Ballester. Ashgate 1998
  • Pusey, WM. Allen: The History and Epidemiology of Syphilis. Springfield and Baltimore 1933
  • Quétel, Claude: History of Syphilis. Cambridge 1990

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