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Das Reisetagebuch von Antonio de Beatis

Frankreich - Frankreich zu Beginn des 16. Jahrhunderts aus der Sicht des italienischen Kaplans Antonio de Beatis, dem Sekretär des Kardinals Luigi von Aragon.

Urinieren vor dem Eingang der Hütte
Ob das Urinieren vor dem Eingang der Hütte wirklich von den Eltern gutgeheißen wurde?

„[In Frankreich] sind die Zustände im Allgemeinen gut, viel besser als in Deutschland, wo die Zimmer ausnahmslos so viele Betten aufweisen wie hineinpassen, wohingegen hier jedes Zimmer ein großes Bett für den Herrn und ein kleines (welches ebenfalls ein Federbett ist) für den Diener hat, und es gibt zudem ausreichend Feuer. Sie machen hier auch gute Eintöpfe, Pasteten und Torten aller Art. Doch wohingegen es in Deutschland einen oder zwei zinnerne Nachttöpfe gibt (in Flandern werden sie aus Messing hergestellt und sind sehr sauber) muss man in Frankreich aus Mangel an irgendeiner Alternative in das Feuer urinieren. Sie tun es hier überall, bei Nacht und bei Tag; und in der Tat je bedeutender der Adlige oder Herr ist, so eher und ungenierter wird er es tun. Gutes Kalbfleisch und Rindfleisch sind hier im Allgemeinen zu erhalten, aber Hammelfleisch (das ist das Fleisch eines kastrierten Hammels) ist erstklassig: es gibt kein anderes Fleisch, ganz egal was für eine Delikatesse es auch sei, dass man nicht liegen lassen würde, wenn eine Schulter eines Hammelbratens zusammen mit Leckerbissen serviert würde. Rebhühner, Fasane, Pfau, Kaninchen, Kapaun und Hühnchen sind alle billig, im Überfluss vorhanden und gut zubereitet. Es gibt Jagdwild jeder Art und das Fetteste, das man jemals gesehen hat, [denn] es ist Sitte, die wilden Tiere niemals außerhalb der Saison zu jagen. Aber von all diesen Provinzen ist es Frankreich [das Herz von Frankreich um Paris], welches die besten und dank des Hofes und der aristokratischen Gesellschaft die zivilisiertesten Gasthäuser aufweist ... Es gibt kein Gasthaus, welches nicht drei oder vier Kammermädchen besitzt. Die Frauen sehen im Großen und Ganzen gut aus (obwohl weniger schön als die in Flandern), [sie sind] freundlich und höflich und können als Zeichen der Höflichkeit und aus Respekt stets geküsst werden. Zudem rasieren in vielen Teilen dieser Provinzen die Frauen ihre Männer, und sie tun es sehr gut, mit großer Geschicklichkeit und Behutsamkeit. Eine andere Tradition ist [hier] zahlreiche Bankette zu halten, und alle Damen (es sind immer reichlich viele anwesend) tanzen mit höchster Anmut und mit einem ausgezeichneten Verständnis für die Musik ...

das Abschlachten eines Schafes
Das Abschlachten eines Schafes für einen Kunden vor einem Fleischstand
Hetzjagd mit Hunden
Die beliebte Freizeitbeschäftigung jedes Adligen

Im Allgemeinen sind die Männer, was ihre Gestalt betrifft, mit Mängeln behaftet, und sogar gegenwärtig noch mehr mit Ausnahme der Adligen, die oft gut gebaut und attraktiv sind ... Der Adel ist von allen Steuern und allen Abgaben befreit, während die Bauern in völliger Abhängigkeit leben [und] schlechter behandelt und mehr unterdrückt werden als Hunde oder Sklaven. Nicht nur die Adligen, auch die Bürger, die Kaufleute und Männer von jedem Rang und jeder Position, solange sie Franzosen sind, geben sich dem Schlemmen und der Fröhlichkeit hin, und tendieren so sehr zum Essen, Trinken und der Unzüchtigkeit, dass ich nicht weiß, wie sie in der Lage sind, irgendetwas Erstrebenswertes zu machen ...

In keiner der betroffenen Provinzen [in Frankreich] sind die Städte auch nur annähernd so gut und schön wie die in Deutschland oder Flandern: sie haben nicht die feinen Plätze und Straßen, die imposanten Häuser und öffentlichen Gebäude der anderen Länder ... Sämtliche betroffenen Provinzen sind sehr reich an Getreide und Viehfutter und wie Deutschland an roten Kühen; und es gibt eine große Anzahl an Schafen, welche Wolle der feinsten Qualität produzieren. Doch obwohl es an Waldgelände nicht fehlt, gibt es nicht viele Schweine; aber die, die vorhanden sind, sind dagegen außergewöhnlich groß, besonders in Savoyen, und sie sind im Allgemeinen rosa. Schweinefleisch wird eigentlich nur gesalzen gegessen. In der Dauphiné besitzen sie eine große Kuh- und eine Ochsenrasse, die vollkommen schwarz sind mit einem Fell, das feiner Seide gleicht ... In den beiden Provinzen Normandie und Bretagne haben sie wegen der kalten Winter keinen Wein, und anstatt der Weinberge gibt es hier riesige Güter, die vollkommen mit Äpfel- und Birnbäumen bepflanzt sind. Sie stellen aus diesen Saft her, halten die beiden Früchte jedoch getrennt, und trinken ihn das ganze Jahr hindurch. Sie nennen dieses Getränk Apfelwein. Im Geschmack ist es unvergleichlich besser als Bier, aber es ist nicht so gesundheitsfördernd ... Da Oliven in den meisten Teilen [dieser Regionen] nicht vorhanden sind, verwenden sie [stattdessen] Öl aus Walnüssen gewonnen, die hier im Überfluss vorhanden sind. Sie haben auch einige Haselnusssträucher und einige Pflaumen und wilde Kirschbäume ... Die Weinberge dehnen sich südlich von Frankreich aus, und sie produzieren ausgezeichnete rote und weiße Weine, obgleich die Letzteren weniger verbreitet sind. Es gibt sehr viele Sorten an Rotwein, die sie „Clairet“ nennen, und diese stellen das perfekteste Getränk dar, so leicht und erfrischend als irgendetwas, das ich jemals anderswo probiert habe ... Galgen sind im Allgemeinen an jeder Ecke zu finden, und sie sind stets gut [mit Gehenkten] versorgt.“


Lese-/Videotipps:
  • The Travel Journal of Antonio de Beatis – Germany, Switzerland, The Low Countries, France and Italy, 1517-1518. Edited by J. R. Hale. London 1979, pp. 164-169

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