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Begegnungen mit Zeitgenossen der Renaissance

Meister des Angrer-Bildnisses: Männerbildnis, Anf. 16. Jh.

Männerbildnis
Männerbildnis, Anf. 16. Jh.

Alt zu werden, war gar nicht so einfach

Der Aderlaß
Abb. 123: Der Aderlaß

So alt wie dieser Mann auf dem Bild zu werden, war im 15. und 16. Jh. immer noch eine Kunst für sich. Zwar gab es seit dem Spätmittelalter vom städtischen Rat festangestellte Ärzte, die die Pflicht hatten, alle Kranken – gegebenenfalls auch kostenlos – zu behandeln, aber die Meinung über sie war in der Bevölkerung alles andere als gut. Als sogenannte „verdammte Blutsauger“ oder „Pfuscher“ waren sie bei ihren Zeitgenossen verschrien. Und tatsächlich führte gerade die Anwesenheit des Arztes am Krankenbett des Öfteren zum Tode. Denn die „Medizinmänner“ ließen die Kranken sofort gründlich zur Ader. Falls sich bei diesen dann Erbrechen, Kopfweh und Schwindel einstellten, wurden erneute Aderlässe am Fuß und an der Schläfe vorgenommen, bis auch der letzte Blutstropfen den Körper des Patienten verlassen hatte (Abb. 123).

Die einzigen Alternativen zu diesen erbarmungslosen Aderlässen waren scharfe Purgierungen (Abb. 124) oder Kuraufenthalte. Letzteres war wohl die bei weitem angenehmste Heilmethode. Seit dem 16. Jh. waren die Heilwasser aus Thermalbrunnen sehr beliebt. Wer es sich leisten konnte, machte gleich mehrere Kuren im Jahr, die seit der zweiten Hälfte des 16. Jhs. darin bestanden, zu ruhen und 2,3 Liter Quellwasser pro Tag zu trinken.

Die Alternative zum Arzt war der Bader oder Wundarzt. Seit dem Spätmittelalter mußte dieser, um praktizieren zu können, eine dreijährige Lehrzeit mit einigen Wanderjahren und eine bestandene Prüfung vor vereidigten Ärzten vorweisen. Erst dann hatte er das Recht, unter ständiger Überwachung seitens der Ärzte Patienten zu behandeln. Der Aufgabenkatalog der Bader liest sich folgendermaßen:

das Klistier
Abb. 124: Was wäre die Renaissance und die frühe Neuzeit ohne das Klistier!
  1. Er ließ zur Ader oder schröpfte
  2. er behandelte Kopfschmerzen
  3. er legte Verbände an
  4. er gab Salben und Arzneien aus
  5. er versuchte Wunden und Geschwüre zu heilen
  6. er übte kleine chirurgische Tätigkeiten aus
  7. er massierte
  8. er scherte Haare und Bart und
  9. er stellte das Bad im Badehaus bereit und betreute die Badegäste.

Wer auch an der medizinischen Qualifikation der Bader zweifelte, verließ sich letztendlich auf die altbewährten Hausmittel. So nahmen in der zweiten Hälfte des 16. Jhs. viele gesundheitsbewußte Einwohner in Nürnberg täglich Ehrenpreiswasser und Lavendel- und Rosenzucker zu sich. Jedoch gehörten einige alte Hausmittel wohl eher in den Bereich des Aberglaubens. So wurde Martin Luther, der mit zunehmendem Alter an Nieren- und Blasensteinen, an Ruhr, an Gicht und an schweren Kreislaufstörungen litt, z.B. mit Pferdeäpfeln, denen Knoblauch beigemischt wurde, behandelt. Gegen Gicht sollte angeblich nur ein Heilpflaster aus Ziegenmist, Rosmarin und Honig helfen. Als ein allgemein bekanntes Heilmittel galt zudem, den eigenen Urin zu trinken! Bei diesen Methoden und Mitteln war es wirklich schon fast ein Wunder, alt zu werden!


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