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Frohe Weihnachten / Merry Christmas

Eine wunderschöne Adventszeit, ein frohes Weihnachtsfest und einen guten Rutsch ins Neue Jahr 2018 wünscht Ihnen, meine lieben Leser und Leserinnen, Ihre Maike Vogt-Lüerssen von Downunder.

Möge das nächste Jahr für Sie mit Gesundheit, Freude, Spaß, Liebe und netten Überraschungen gefüllt sein! Ganz besonders möchte ich mich bei denjenigen bedanken, die meine Bücher und E-Books gekauft haben und mir damit ermöglichen, meiner großen Leidenschaft, der Geschichte, weiterhin nachgehen zu können.

Frauenschicksale aus dem 15. und 16. Jahrhundert

Agnes Bernauer († 1435) - Die unerwünschte Schwiegertochter

Agnes Bernauer
Abb. 4: Agnes Bernauer

Die traurige Liebesromanze zwischen Agnes Bernauer (Abb. 4), einer Augsburger Baderstochter, und Albrecht III., dem zukünftigen Herzog von Bayern-München, begann wahrscheinlich im Februar 1428. Zu dieser Zeit um Fasching herum scheinen sich die beiden, zum ersten Male begegnet zu sein. Vielleicht hatte der damals 27-jährige Albrecht III. – wie so viele seiner Zeitgenossen – einen Teil der ausgelassenen Faschingszeit wegen der kalten Witterung in den beliebten Badestuben verbracht, die in den Städten in fast jeder Straße zu finden waren. Außer den Juden war jedem der Eintritt gegen eine kleine Gebühr erlaubt. Hier konnte man sich dann – je nach Wunsch – vom Bademeister rasieren, schröpfen oder zur Ader lassen, oder die Bademägde, die an ihren trägerlosen, weißen, dünnen Kleidern, deren Ausschnitt im Rücken fast bis zum Po reichte, und die an ihren gestrickten Haarnetzen zu erkennen waren, um eine Massage bitten oder sich von ihnen von oben bis unten waschen lassen.

Besonders in den kälteren Jahreszeiten waren die Badestuben – als Treffpunkt verliebter Pärchen – geradezu überlaufen. Seinen Dienern, den Tagelöhnern und den Handwerksgesellen konnte man keine größere Freude bereiten, als ihnen statt des üblichen Trinkgeldes Badegeld zu überreichen. Denn für den mittelalterlichen Menschen gab es nichts Schöneres als sich mit seiner Liebsten oder seinen Freunden in den großen Holzbottichen, die mit Sitzbänken und Baldachinen ausgestattet waren, mit Speise, Trank und guter Musik verwöhnen zu lassen. Vielleicht hatte Agnes ihrem Vater in seinem Geschäft geholfen, und vielleicht hatte Albrecht das Glück, von ihr bedient zu werden.

Über Agnes selbst wissen wir nur sehr wenig. Ihre Kindheit, ihre Gedanken und ihre Charaktereigenschaften bleiben im Dunkeln. Das einzige, was wir über sie sagen können, ist, daß sie sehr schön und von sehr zarter Statur gewesen ist. Zudem soll sie über prächtiges blondes Haar verfügt haben. Von Albrecht wurde sie als ehrsam und ehrbar bezeichnet.

Für beide muß die Beziehung die große Liebe gewesen sein, denn trotz des gewaltigen Standesunterschiedes heiratete Albrecht seine Agnes vermutlich schon sehr bald. Der Schock für seine Eltern, insbesondere für seinen Vater Ernst I. († 1438), konnte nicht größer sein. Die Bader gehörten zur untersten Bürgerschicht. Kaiser Wenzel († 1419), der einen besonderen Hang zu Badern und Henkern hatte, ließ das Baderhandwerk zwar in einem Freibrief von 1406 in allen Erb- und Reichslanden den anderen Handwerken gleichstellen und "verbot jedermänniglich, die ehrlichen Bader zu schmähen und von ihren Diensten verkleinerlich zu reden ..." (in: Max Bauer: Das Geschlechtsleben in der Deutschen Vergangenheit, Leipzig 1902, S. 230-231), aber das Vorurteil gegenüber der Baderzunft war mit diesem Stück Papier nicht so leicht aus der Welt zu schaffen.

Zudem besaß Ernst I. nur einen einzigen Sohn, nämlich Albrecht III.. Seine Frau Elisabeth hatte ihm sonst nur noch drei Töchter geschenkt, und die Kinder seines Bruders Wilhelm III. († 1435), mit dem er gemeinsam das Herzogtum Bayern-München regierte, erwiesen sich alle als nicht besonders lebensfähig. Die meisten starben bereits kurz nach der Geburt.

Albrechts Kinder, die er mit Agnes zeugen würde, wären wegen der unterschiedlichen Stände der Eltern nicht erbberechtigt. Woher also sollten die erbberechtigten Kinder kommen? Hätte Albrecht Agnes nicht, wie es Leute seines Standes taten, zur Mätresse machen können? All diese Gedanken beschäftigten Ernst I. sehr. Schließlich hatten auch die Kaiser Verhältnisse mit bürgerlichen Frauen, die ihnen sogar Kinder schenkten. Als Bastarde konnten diese in führende Positionen aufsteigen. Jedoch gelang es ihnen selten, erbberechtigte Nachfolger ihrer Väter zu werden. Aber auch da gab es eine allgemein bekannte Ausnahme: Wilhelm den Eroberer († 1087). Dessen Vater Robert († 1035), Herzog der Normandie, hatte ein Liebesverhältnis mit einer gewissen Herleve († um 1050) aus Falaise, deren Vater Fulbert Gerber war. Andere Quellen berichten, er hätte Leichen für das Begräbnis präpariert, d. h., einbalsamiert. Wilhelm wurde im Jahre 1028 geboren. Anscheinend ging aus dieser Beziehung noch eine Tochter Adelaide hervor. Danach hatte Robert seine Geliebte mit einem normannischen Baron namens Herluin, Vicomte von Conteville, vermählt, dem sie noch zwei Söhne und eine Tochter schenkte. Als Robert im Jahre 1035 auf seiner Heimreise von Jerusalem in Kleinasien von einer tödlichen Krankheit befallen wurde und starb, gab es keinen legitimen Nachfolger für ihn. Wilhelm, sein einziger illegitimer Sohn, schaffte es indessen mit der Hilfe der Freunde seines Vaters nicht nur zum Herzog, sondern auch zum König von England aufzusteigen. Unmöglich war also nichts!

Agnes, die vermutlich noch gegen Ende des Jahres 1428 eine Tochter gebar, die sie Sibylla nannte, lebte mit Albrecht seit dem Juli 1432 in der alten Veste in München. Trotz aller Versuche seines Vaters, die Ehe für ungültig erklären zu lassen, stand der bayrische Erbprinz zu seiner Frau.

Albrecht wurde von seinen Zeitgenossen sehr positiv beschrieben. Er soll sehr mutig, gerecht, human und nicht gewinnsüchtig gewesen sein. Unter anderem war er z.B. gegen die körperliche Bestrafung. Zudem förderte er Dichter, war selbst außerordentlich musikalisch, weich und galt als sehr fromm. Papst Nikolaus V. zeichnete ihn um 1453 mit der begehrten, vom Vatikan gestifteten Goldenen Rose aus.

Als am 12.9.1435 Albrechts Onkel Wilhelm III. starb und nur einen einjährigen Sohn zurückließ, der keinen besonders lebensstarken Eindruck machte - er starb tatsächlich bereits 1441 -, war sein Vater aus Angst vor einem möglichen Annexionskrieg seitens des Herzogs von Bayern-Ingolstadt, der sich diese unsichere Situation im Herzogtum Bayern-München nicht entgehen lassen würde, zu allem bereit. So schloß er sich mit seinem Cousin, Herzog Heinrich dem Reichen von Bayern-Landshut, und dem Münchner Bürgermeister Liegsalz zusammen, um die unerwünschte Schwiegertochter so bald wie möglich loszuwerden. Um dies zu bewerkstelligen, mußten sie jedoch zuvor erst einmal dafür sorgen, daß Agnes ohne Schutz war. Albrecht III. wurde also von seinem Onkel, dem Herzog Heinrich von Bayern-Landshut, zu einem Jagdvergnügen eingeladen. Und Albrecht sagte – nichts ahnend – zu. Somit war Agnes am 12.10. in ihrem Schloß in Straubing, in dem sie mit ihrer kleinen Familie zur Zeit lebte, ohne männliche Hilfe.

Ernst I. nutzte die Gelegenheit sofort und ließ Agnes verhaften. Nachdem diese sich trotz massivem Zuredens geweigert hatte, ihr Eheverlöbnis zu widerrufen, wurde sie in einem Schnellverfahren der Zauberei – und zwar des Liebes- und des Schadenzaubers – angeklagt. Angeblich wäre es ihre Schuld, daß Albrecht an Melancholie leiden würde, und zudem hätte sie bereits einen mißglückten Giftanschlag gegen Ernst I. und gegen Adolf, den Sohn des verstorbenen Wilhelms III., unternommen. Gerechtfertigt wurde dieses Schnellverfahren mit dem Argument, daß es sich bei Zauberei um ein außerordentliches Verbrechen handeln würde, dem man nur mit außerordentlichen Mitteln begegnen könnte.

Außerdem geriet man als Frau im Mittelalter leicht unter den Verdacht, eine Zauberin zu sein. Denn für die spätmittelalterlichen geistlichen Gelehrten war es selbstverständlich, daß die Frauen weniger Vernunft als die Männer besitzen und damit den Geistern gefügiger sind. Besonders die Dominikaner wurden nicht müde, über die Schwarze Magie der Hexen und Zauberer zu berichten. Mit ihr könnte man Liebe einflößen, Haß hervorrufen, die Empfängnis und die Zeugung verhindern, die Ernte verderben, Unwetter herbeirufen, Menschen krank oder verrückt machen etc.

Interessant ist die Tatsache, daß die Kirche bis gegen Ende des 12. Jhs. den Glauben an Magie und Zauberwerk als Sünde bekämpfte. Erst ab 1183 trat eine völlige Kehrtwendung ein. Jetzt war es Sünde, nicht an Magie, Hexen und Zauberer zu glauben.

Zur Beseitigung unliebsamer Personen ließ sich der Hexenwahn nun stets gut benutzen. Der Zauberer oder die Hexe mußten als Feinde Gottes natürlich so schnell wie möglich unschädlich gemacht werden. Für diejenigen, die sich weigerten, zuzugeben, sie seien Helfer des Teufels, gab es seit Ende des 12. Jhs. die Folter. Der Straubinger Foltermeister zur Zeit von Agnes Bernauer war berüchtigt und im ganzen Land bekannt. 1433 hatte ihn der Münchner Rat in die Hauptstadt eingeladen, damit er an einem eingekerkerten Raubritter seine Künste vor reichlichem Publikum demonstrieren konnte.

Agnes, die auf die baldige Rückkehr ihres Mannes hoffte, war auch trotz der Androhung der Folter nicht bereit, ihr Eheverlöbnis zu widerrufen.

Zauber und Zauberinnen verurteilte man meistens zum Feuertode. Der Wassertod war ein Gnadenerweis. Agnes wurde von ihrem Schwiegervater zum Tode durch Ertränken verurteilt. Ihre rechte Hand wurde an den linken großen Zehen, ihre linke Hand an den rechten großen Zehen befestigt, so daß sie sich nicht mehr bewegen konnte. So gefesselt wurde sie noch am Tag ihrer Verhaftung in die Donau geworfen. Ihr über alles geliebter Albrecht kam leider nicht zur rechten Zeit zurück.

Als dieser jedoch von ihrer Ermordung während seiner Abwesenheit erfuhr und das Komplott seines Vaters und Herzog Heinrichs durchschaut hatte, geriet er in eine fassungslose Wut. Sogleich tat er sich mit dem Herzog von Bayern-Ingolstadt, Ludwig im Bart, dem schärfsten Gegner seines Vaters, zusammen, und es kam zu bewaffneten Auseinandersetzungen zwischen Vater und Sohn. Erst unter der Vermittlung des Stiftsdekans von Indersdorf, Johannes Prunner, und Kaiser Sigismunds († 1437) war Albrecht Ende 1436 zu einer Versöhnung mit seinem Vater bereit. Dem Herzog Heinrich dem Reichen von Bayern-Landshut verzieh er dagegen nie.

Am 22.1.1437 erfüllte Albrecht zudem den Herzenswunsch seines Vaters und heiratete standesgemäß. Die von seinem Vater Auserwählte war die 16-jährige Anna († 1474), eine Tochter des Herzogs Erich I. von Braunschweig-Grubenhagen, die ihm sieben Söhne und drei Töchter gebar. So sollte die Linie der Herzöge von Bayern-München erst im Jahre 1777 aussterben.

Sibylla, das einzige Kind, das Albrecht III. mit Agnes hatte, wurde von ihrem Vater als leibliche Tochter anerkannt und lebte wohlumsorgt in seiner Nähe. Sie erinnerte ihren Vater stets an seine einzige wirkliche Liebe.

Albrecht III. regierte als frommer und fürsorgender Landesherr in Bayern-München von 1438-1460. Als 1447 Heinrich der Reiche Albrecht als Miterben überging und das heimgefallene Herzogtum Bayern-Ingolstadt ganz an sich nahm, lehnte Albrecht es ab, deswegen einen Krieg zu führen.

Er erlebte noch mit, wie seine Sibylla ihren ersten Mann, den Münchner Bürger Martin Neufahrer, heiratete und dann nach dessen frühem Tod im Jahre 1451 seinen von ihm hochgeschätzten Leibarzt, Dr. Johannes Hartlieb, ehelichte, dem sie drei Kinder schenkte: den späteren Abt Eucharius von Rufach († 1521), Gottlieb und Dorothea.

Agnes wurde von Albrecht nie vergessen. Ihre Leiche war wahrscheinlich in der Nähe von St. Peter (Stadtteil von Straubing) angeschwemmt worden, wo sie wohl auch zuerst beerdigt wurde. Albrecht III. ließ ihren Leichnam 1447 schließlich zu den Karmeliten-Mönchen überführen und dort bestatten, so wie es seine Agnes angeblich gewünscht hatte.

P.S.: In der letzten Zeit ist häufig zu lesen, dass Sibylla nicht ein Kind von Agnes gewesen wäre. Hierfür wird als Autorität ein gewisser Felix Joseph Lipowsky genannt, der in einem seiner Bücher im Jahr 1800 Folgendes geschrieben hatte: "Ob Herzog Albrecht mit der Agnes auch Kinder zeugte, ist mir unbewusst, ich fand hievon keine Spur..." Zusätzlich wird die Behauptung aufgestellt, dass "Bastarde in der Genealogie nicht aufgeführt werden. Da aber die Ehe mit Agnes bestand, wären hier auch deren gemeinsame Kinder genannt."

Weder Herrn Lipowsky noch denjenigen, die ihn nun zu der Primärquelle bezüglich Sibylla gemacht haben, kennen sich mit dem Phänomen "heimliche Ehe" aus. Von Agnes' Ehe mit Albrecht III. hätten wir wohl nie etwas erfahren, wenn jene nicht in diesem Scheingerichtsverfahren als Gattin des Herzogssohns genannt worden wäre. Wir hätten sie wie so viele Gattinnen aus "heimlichen Ehen" als eine Mätresse von Albrecht bezeichnet und ihre Tochter als Bastard definiert. Sehr häufig handelt es sich bei dieser Form von Eheschließung um morganatische Heiraten, bei denen die Partner ungleichen Standes waren. Die Kinder aus solch einer Ehe sind nicht erbberechtigt und werden daher auf den Stammtafeln der hohen adligen Familien, als ob es sich bei ihnen um Bastarde handelt, ausgelassen. Sämtliche historischen Quellen lassen keine andere Schlussfolgerung zu, als dass Sibylla Agnes' und Albrechts Tochter ist. Als Bastard wäre sie nicht bei ihrem Vater aufgewachsen und vermutlich bereits als kleines Kind als zukünftige Nonne in einem Kloster gelandet.


Lese-/Videotipps:
  • Werner Schäfer: Agnes Bernauer und ihre Zeit, München 1987
  • Hans und Marga Rall: Die Wittelsbacher in Lebensbildern, Graz, Wien, Köln 1986
  • Friedrich Hebbel: Agnes Bernauer (politisches Drama aus dem Jahre 1851)
  • Maike Vogt-Lüerssen: Frauen in der Renaissance – 30 Einzelschicksale

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