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Frauenschicksale aus dem 15. und 16. Jahrhundert

Isabella von Aragon (1470-1524) - Herzogin von Mailand und Bari

1. Der unglückliche Beginn einer Ehe (1488 – 1490)

Isabellas Heirat stand von Anfang an unter keinem guten Stern. Denn kurz vor der von ihrer Familie so sehr gewünschten Hochzeit starb ihre Mutter am 18. August 1488. Ermes Maria Sforza, der in Stellvertretung des Bräutigams nach Neapel gekommen war, hatte somit zuerst dem Begräbnis von Ippolita Maria Sforza, seiner Tante, beizuwohnen und dann per procurationem die Braut seines Bruders zu ehelichen und heimzuführen. Lodovico, der vermutlich am 22. September 1451, dem Tag des schwarzen Heiligen Mauritus, das Licht der Welt erblickt hatte und der deshalb den Beinamen „il Moro“ trug, hatte der Tod seiner älteren Schwester allerdings nicht davon abhalten können, seinen Neffen Ermes und dessen Begleitung, die aus 400 bis 450 Personen bestand, aus Prestigegründen „allesamt wie Könige“ zu kleiden. Es wurde berichtet, dass einige der mailändischen Adligen an einem einzigen ihrer Ärmel Juwelen im Werte von 7000 Dukaten trugen. Selbst die Kleidung ihrer Diener war aus kostbarer Seide gefertigt worden.

Dabei waren sie nur am Tag der Vermählung in der Lage, ihre prunkvollen und kostspieligen Gewänder zu zeigen, denn wegen der Trauerzeit hatte man in Neapel tiefschwarze, schmucklose Gewänder zu tragen. Auch Isabella legte am Tag ihrer Hochzeitszeremonie, die bei schlechtem Wetter stattfand, ihr Trauerkleid ab und tauschte dieses mit einem prächtigen Gewand ein. Bereits einen Tag später hatte sie von ihrer Familie Abschied zu nehmen. Ihre Reise ins Land ihres Bräutigams führte zuerst über das Meer nach Genua. Von dort ging es weiter nach Tortona, wo es zur ersten Begegnung des jungen Brautpaares kam. Wie üblich befand sich Gian Galeazzo Maria in Gesellschaft seines Onkels Lodovico.

Isabella wollte ihren Bräutigam, wie es in ihrem Königreich Sitte war, zur Begrüßung die Hand küssen. Gian Galeazzo Maria beabsichtigte jedoch, seine Braut mit einem Mundkuss willkommen zu heißen. Ihre Pferde waren aber durch das heftige Unwetter – es regnete in Strömen, blitzte und donnerte – so unruhig geworden, dass sie nicht zu bändigen waren, und so kam es weder zum Hand- noch zum Mundkuss. Am Abend wurde zu Ehren der neuen Herzogin von Mailand in Tortona noch ein großes Bankett veranstaltet, dessen künstlerische Ausgestaltung Leonardo da Vinci unterlag. So sollten die einzelnen Gänge von Dienern und Dienerinnen serviert werden, die man in griechisch-mythologische Gewänder gekleidet hatte. An diesem Abend kam es schließlich auch zur ersten Begegnung zwischen Isabella von Aragon und dem talentierten mailändischen Hofmaler Leonardo da Vinci.

Das Bankett schien, wie nicht anders unter der Regie von Leonardo zu erwarten war, ein großer Erfolg gewesen zu sein. Die Najaden (= die in Quellen und Gewässern wohnenden Nymphen der griechischen Mythologie) boten der jungen Braut und den Gästen ihre Fischgerichte an; Jason, der Träger des Goldenen Vlieses, servierte die Speisen aus Schaffleisch; die Göttin Hebe (= Tochter von Zeus und Hera, die „Jugendblüte“) war für den Wein zuständig; Orpheus bediente die Gäste mit Gerichten aus gebratenen Vögeln, die er, wie er der Braut gestand, gefangen hätte, als diese sich um ihn versammelt hätten. Denn sie wären durch den Lobgesang, den er zu Ehren von Isabella von Aragon verkünden ließ, angelockt worden. Der Gott Apollo trug schließlich eine Speise aus Kalbfleisch herbei. Der Braut bekannte er, dass er das Tier vom mächtigen König Admetus nur für sie gestohlen hätte. Die Göttin Artemis (= die Göttin der Jungfräulichkeit) bewirtete die Anwesenden mit einem Hirschbraten. Sie enthüllte hierbei, dass es sich bei dem Tier um den Jüngling Aktaion handeln würde, der ihr verbotenerweise beim Baden zugeschaut hätte. Sie hätte ihn daraufhin in einen Hirsch verwandelt, der schließlich von den 50 Jagdhunden des Jünglings zerrissen worden wäre. Aber Aktaion hätte sich „keine noblere, letzte Ruhestätte wünschen können als den Magen einer solch schönen Braut“. Zu guter Letzt erschien noch Odysseus in Begleitung einer Sirene, die jedoch, wie er kundgab, nichts gegen Isabella von Aragon ausrichten könnte, denn „deren Weisheit und Willenskraft würde sie vor jeder Verführung bewahren“. Nach dem gelungenen Essen folgte noch musikalische Unterhaltung. Die anwesenden Gäste wurden später nicht müde, ihren Verwandten und Freunden in ihren Briefen voller Stolz von diesem gelungenen, großartigen Abend zu berichten.

Von Tortona machten sich der Bräutigam Gian Galeazzo Maria und sein Onkel Lodovico bereits am nächsten Tag zu Pferd Richtung Mailand auf. Isabella begab sich indessen in Begleitung von sechs prunkvoll geschmückten Booten über den Kanal in die Hauptstadt ihres Gatten. Als sie schließlich am Kai der Porta Ticinese in ihrer Trauerkleidung aus ihrem Boot stieg, wurde sie jubelnd von einer riesigen Volksmenge begrüßt. Ihre zukünftigen Untertanen hatten ihre Ankunft nämlich bereits voller Neugierde erwartet. Zu Ehren der neuen Herzogin von Mailand wurden sogleich von der anwesenden Artillerie mehrere Salven abgefeuert, die sich mit dem Schmettern der Trompeten und dem Läuten sämtlicher Glocken in Mailand zu ihrer Begrüßung vermischten. Lodovico und Gian Galeazzo Maria befanden sich ebenfalls am Kai, um die Braut in Empfang zu nehmen. So schritt der Bräutigam schließlich auf Isabella zu und begrüßte sie im Namen ihrer neuen Untertanen. Zusammen begaben sich die beiden dann zur großen Freude aller Zuschauer und Zuschauerinnen Hand in Hand zu Fuß vom Kai zum herzoglichen Schloss, das für diesen feierlichen Anlass reichlich mit Lorbeer- und Efeugirlanden behangen worden war. Isabella und Gian Galeazzo Maria stellten in der Tat ein sehr schönes Paar dar. Jeder Mailänder konnte zudem erkennen, dass ihre dunkelhaarige, südländische Herzogin und ihr blondlockiger, hübscher Herzog sehr verliebt ineinander waren.

Am nächsten Tag fand die Trauung des jungen Paares statt, die in der grandiosen mailändischen Kathedrale vorgenommen werden sollte (leider sind die Daten für die Ankunft Isabellas im Herzogtum Mailand sowie für ihre Hochzeit in keiner historischen Aufzeichnung mehr zu finden). Über den Verlauf dieses ereignisreichen Tages in Isabellas Leben werden wir durch einen gewissen Servitor Stephanus, der seinem Herrn, dem florentinischen Bankier und Mäzen Lorenzo de’ Medici, einen ausführlichen Bericht über die Hochzeit erstattete, informiert: „Zuerst kamen der gesamte Hof und die Herren im Schloss zusammen. Dann begaben sich der Herzog (Gian Galeazzo Maria) und Signor Messer Lodovico und alle anderen Barone und Herren in der 15. Stunde zu Madonna der Herzogin (Isabella), um sie von ihrem Zimmer abzuholen, und (dann) stieg jeder auf sein Pferd, und man verließ paarweise das Schloss. Am letzten Tor befand sich ein Baldachin aus weißem Damast mit dem Wappen des Herzogs, das von ungefähr 40 Doktoren, die in hochrotem Satin gekleidet waren, getragen wurde. Und ihre Mützen wiesen die gleiche Farbe auf. Der Herzog und Ihre Exzellenz Madonna (Isabella) begaben sich unter diesen besagten Baldachin und schritten auf diese Art und Weise Hand in Hand zur Kathedrale. Als sie dort eintrafen, wurde die Messe von den Sängern des Herzogs musikalisch begleitet und von dem Bischof von Piacenza gehalten. Als dies vorüber war, lieferte der Bischof Sanseverino eine überaus angemessene Ansprache. Sodann reichte der Herzog Ihrer Exzellenz Madonna (Isabella) den Ehering: als dies vollbracht worden war, schlug der erlauchte Herzog unseren Piero Allamanni (den florentinischen Botschafter) und Ihre Herrlichkeit Bartolomeo Calcho zu Rittern ... Schließlich stieg die gesamte Gesellschaft erneut auf ihre Pferde und kehrte zum Schloss inmitten großer Lustbarkeiten und Freuden zurück. Und laut den Berechnungen eines Anwesenden fanden sich dort 500 Pferde ein... Von dem Schloss zur Kathedrale sind es insgesamt 1700 Schritte, und die ganze Straße war mit einem Teppich aus weißem Tuch versehen worden, und die Wände zu beiden Seiten (dieser Straße) waren mit Wandteppichen behangen und mit Wacholder- und Orangengirlanden geschmückt worden; nichts Schöneres hat man jemals zuvor gesehen. Darüber hinaus standen vor allen Türen und Fenstern Mädchen und Frauen, die sich sehr kostbar gekleidet hatten, und um den Pöbel an den Ecken der Durchgangsstraßen, die in die Hauptstraßen eingingen, durch die die Prozession führte, fernzuhalten, gab es Barrieren und an jeder Ecke 10 bis 12 Wachen ... Ihre Exzellenz, der Herzog, trug ein Gewand aus dem teuersten Brokat. An seiner Mütze befand sich (überdies) ein Diamant mit einer großen Perle, die größer als eine runde Nuss und außerordentlich wertvoll war. An seinem Hals hing eine Kette mit einem Balas und einem Rubin, über dem sich ein herrlicher Diamant befand. Ihre Exzellenz Madonna, die Herzogin (Isabella), trug ebenfalls ein goldenes Brokatkleid und schmückte ihr Haupt mit einer Perlenkette, die einige sehr schöne Juwelen aufwies, und es waren viele Frauen vorhanden, die (ebenfalls) sehr kostbare Gewänder trugen ...“ (in: Lacy Collison-Morley: The story of the Sforzas, ebenda, S. 140-142).

Auch der Botschafter aus Ferrara, Trotti, schrieb an seinen Herrn Ercole I., dass er auf der Hochzeit des jungen mailändischen Herzogs „nichts als Gold- und Silberbrokate und Juwelen gesehen hätte“. Die Goldschmiede, so berichtete er überdies, hätten in ihrer Straße, der Via degli Orefici, einen Jungen als Cupido (= kleinen Liebesgott) verkleidet und diesen auf einen goldenen Ball gesetzt, der rundum mit den verschiedenen Wappenzeichen der Sforza versehen worden wäre. Als das Brautpaar durch ihre Straße schritt, hätte der kleine Liebesgott sie mit formvollendeten Versen begrüßt. Von Isabella von Aragon, der Trotti anlässlich der Hochzeit zum erstenmal begegnet war, war dieser jedoch wegen ihres dunklen Teints nicht so begeistert. Er hielt sie daher nicht für besonders schön, aber für sehr liebenswürdig und charmant.

Nach dem prächtigen Hochzeitsfest sollte für die glückliche Braut indessen schon bald der graue und bedrückende Alltag einsetzen. Lodovico, dem der herzliche Empfang des jungen herzoglichen Paares von der mailändischen Bevölkerung nicht sonderlich gefiel und der befürchtete, dass sein Neffe Gian Galeazzo Maria und seine Nichte Isabella von Aragon, wenn sie in der Hauptstadt blieben, zu beliebt wurden, schickte den jungen Herzog und seine Frau deshalb schon kurz nach den Festlichkeiten nach Pavia, das ihr neues Zuhause werden sollte. Sie durften, wenn sie wünschten, sich von dort jederzeit nach Vigevano, dem Jagdschloss der Sforza, begeben, hatten aber, wenn sie die Hauptstadt betreten wollten, Lodovico zuerst um seine ausdrückliche Erlaubnis hierfür zu fragen. In Pavia muss im Frühjahr 1489 das offizielle Porträt der neuen Herzogin von Mailand vom Hofmaler Leonardo da Vinci erstellt worden sein, das heute zu den bekanntesten Gemälden der Renaissance zählt.

Isabella wurde sehr schnell bewusst, wer das eigentliche Sagen im mailändischen Herzogtum hatte. Wenn sie mit der Erlaubnis ihres Onkels für einige Tage nach Mailand ging, durfte sie auf seine Anordnung hin keiner ihrer Untertanen besuchen. Sie fühlte sich isoliert, ausgeschlossen und behandelt wie eine Gefangene. In Vigevano gestand sie schließlich einigen Herren, die es trotz Lodovicos Verbot wagten, ihr ihren Respekt zu zeigen, dass sie verzweifelt sei. Sie soll sogar um ihren Tod gebeten haben.

Letzte Äußerung hatte jedoch nicht nur mit dem Gefühl des Eingeschlossenseins zu tun. Eine Eheschließung in der Renaissance galt nur dann als vollzogen und unauflösbar, wenn nach der Trauungszeremonie auch der erfolgreiche Beischlaf erfolgt war. Und an Letzterem mangelte es bei Isabella von Aragon und Gian Galeazzo Maria. Denn der junge Herzog hatte Impotenzprobleme – vielleicht wegen seines hohen Alkoholkonsums, vielleicht aus gesundheitlichen oder psychischen Gründen (man sprach von „nervös bedingter Schwäche“) - und konnte die Ehe körperlich nicht vollziehen. Lodovico, dem durch seine zahlreichen Spione alles hinterbracht wurde, was im Herzogtum Mailand geschah, wurde nicht müde, das Versagen seines Neffen sofort laut und breit zu verkünden. Schon bald wusste jeder Hof in Italien über die „Bettprobleme“ des jungen Paares Bescheid.

Das Versagen seines Neffen, die Ehe körperlich zu vollziehen, schien Lodovico geradezu hocherfreut zu haben. Unaufhörlich machte er Witze über Gian Galeazzo Maria, und das vor dem gesamten Hof und sogar vor Isabella. Laut den Aussagen von Zeitgenossen soll Gian Galeazzo Maria sich diese Scherze seines Onkels ohne Widerrede angehört haben, aber seine Augen hätten sich mit Tränen gefüllt. Trotti, der Botschafter aus Ferrara, kommentierte diese Szenen folgendermaßen: „Ich habe sehr viel Mitleid mit ihm (Gian Galeazzo Maria); keiner könnte einen besseren Charakter aufweisen oder gefügiger sein als er, und er hat (doch) die körperliche Fähigkeit, und er ist (zudem noch) ausgesprochen hübsch.“ (in: Lacy Collison-Morley: The story of the Sforza, ebenda, S. 145).

Diese seelischen Misshandlungen gegenüber ihrem Gatten, den sie sehr liebte, ließen Isabella ebenfalls nicht unberührt. Trotti schrieb bereits am 18. Februar 1489 an seinen Herrn: „Die neue Herzogin vergießt mehr Tränen, als sie Speisen zu sich nimmt, und sie ist die unglücklichste Dame, die jemals auf der Welt gelebt hat, und ich schreibe (hiermit nur) die Wahrheit ... Vor einem oder zwei Tagen nahm man sie auf die Jagd mit, auf der sie nicht ein einziges Mal die Lippen öffnete. Sie hielt ihren Zobelpelz vor ihren Augen und ihrem Mund, und jeder glaubt, dass sie weinte.“ (in: Lacy Collison-Morley: A History of the Sforzas, ebenda, S. 144).

Die peinliche Situation mit ihrem zeugungsunfähigen Gatten blieb über Monate bestehen. Es wurde immer unwahrscheinlicher, dass Gian Galeazzo Maria jemals in der Lage sein würde, seine ehelichen Pflichten zu erfüllen. Denn Lodovico schien es geradezu darauf abgesehen zu haben, seinen Neffen für immer impotent zu machen. In der Zwischenzeit hatte er diesen nämlich sogar gezwungen, vor Juristen-, Mediziner- und Klerikerversammlungen ausführlich über seine sexuellen Probleme zu sprechen. Zeugen, die diesen Versammlungen beiwohnten, berichteten, dass Gian Galeazzo Maria bei diesen Anlässen mit hängendem Kopf Ausflüchte zu machen oder zwanghaft zu lachen versuchte, so als ob die ganze Angelegenheit lustig wäre. Sein Onkel Ascanio Maria, der Erzbischof von Mailand und Kardinal, bedrohte ihn sogar mit dem ewigen Höllenfeuer, wenn der erfolgreiche Beischlaf nicht bald erfolgen würde.

Aus einem Brief von Eleonore von Aragon, der Herzogin von Ferrara, die an ihre Schwester Beatrice, die Königin von Ungarn, schrieb, erfahren wir, dass Isabella (ihre gemeinsame Nichte) auch neun Monate nach der Eheschließung immer noch „jungfräulich und rein wie bei ihrer Ankunft“ zu sein scheint, und dass „was man zu sehen und zu hören bekommt, die Aussichten bestehen, dass sie es (auch) noch lange bleiben wird.“ (in: Serge Bramly: Leonardo: The Artist and the man, London, New York, Ringwood, Toronto and Auckland 1994, S. 221).

Isabellas Großvater, der neapolitanische König Ferrante, drohte schließlich, dass er die Mitgift von 200000 Dukaten so lange zurückhalten werde, bis die Ehe endlich körperlich vollzogen sei. Die Zeitgenossen Isabellas verdächtigten schon bald Lodovico Sforza der Hexerei gegenüber seinem Neffen. Denn für ihn konnte es nur von Vorteil sein, wenn der junge mailändische Herzog Gian Galeazzo Maria nicht in der Lage war, Nachwuchs zu produzieren. Laut Francesco Guicciardini wusste obendrein jeder in Italien, dass Lodovico sich in Isabella verliebt hatte und deshalb alles tun würde, um ihre Ehe mit seinem Neffen für ungültig erklären zu lassen. Lorenzo de’ Medici riet Lodovico jedoch, falls es zur Auflösung der Ehe des jungen Herzogspaares kommen sollte, ausdrücklich von einer Heirat mit seiner neapolitanischen Nichte ab.

Isabella, die als eine willensstarke Person beschrieben wurde, hätte sich vermutlich sehr gegen eine Eheschließung mit ihrem Onkel gewehrt. Denn von Anfang an war ihre Beziehung zu Lodovico il Moro alles andere als freundlich zu nennen. Lodovico, der bisher gewohnt war, dass seine Neffen und Nichten sich, ohne Schwierigkeiten zu bereiten, seinen Anweisungen fügten, traf bei Isabella auf heftigen Widerstand. Francesco Guicciardini beschrieb sie als unerschrocken und furchtlos. Sie war eine Kämpfernatur, die auch nach den tiefsten Schlägen, die sie erhielt, wieder aufstand. Laut Philippe de Commines stand somit nur „Donna Isabella zwischen Lodovico und dem Herzogtum von Mailand.“

Der Streit zwischen den beiden begann bereits mit Lodovicos Bekanntgabe, dass er Isabella pro Jahr 13000 Dukaten für ihren Unterhalt zur Verfügung stellen würde. Mit dieser Summe war seine Nichte jedoch nicht einverstanden. Sie verlangte 18000 Dukaten. Und um ihre Forderung durchsetzen zu können, schickte sie einige ihrer Landsleute, die sie auf ihrer Hochzeitsreise nach Mailand begleitet hatten und die noch an ihrem Hof verweilten, zu ihrem Onkel Lodovico. Diese setzten sich für die Enkelin ihres neapolitanischen Königs und deren Forderung ein. Lodovico, der sich in der Öffentlichkeit gern als großzügiger Gönner zeigte, blieb nichts anderes übrig, als zumindest etwas nachzugeben. Denn er wollte es sich mit der neapolitanischen Verwandtschaft seiner Nichte nicht verderben. So fand er sich schließlich bereit, Isabella pro Jahr 15000 Dukaten zu gewähren.

Um jedoch in diesem Machtspiel zwischen ihm und seiner willensstarken Nichte doch noch als Sieger hervorzugehen, entließ er kurze Zeit später deren sämtlichen neapolitanischen Hofdamen, die sich wieder in ihre Heimat zurückbegeben mussten. Isabella erklärte sich daraufhin als „die am unglücklichsten verheiratete Frau der Welt“. Denn nun hatte sie an ihrem Hof niemanden mehr, dem sie vertrauen konnte. Die mailändische Dienerschaft wie auch die mailändischen Hofdamen waren für ihre Positionen an Isabellas Hof sorgfältig von Lodovico ausgesucht worden. Von diesen treuen Untergebenen ihres Onkels wurde alles, was Isabella sagte, sofort gewissenhaft gemeldet. Selbst ihr Gatte war ihr in dieser Situation keine Hilfe. Denn er gehörte zu denen, die ebenfalls alles an Lodovico berichteten. Überdies war Gian Galeazzo Maria der Meinung, dass Isabella den Ratschlägen des Onkels ruhig folgen möge, denn „dieser wäre doch schließlich allwissend“.

Das von Lodovico eingesetzte Dienstpersonal nahm sich schließlich schon bald das Recht heraus, sie, die Herzogin von Mailand, zu kritisieren. Isabella, die keinen Wein trank, liebte wie alle Neapolitaner süße Getränke, woraufhin der Seneschall sich beschwerte, dass sie mehr Zucker als der gesamte Rest des Hofes verbrauchen würde. Sie hätte, so ermahnte er sie, zu lernen, so zu leben, wie die Leute hier in der Lombardei. Isabella legte ihre neapolitanischen Gewohnheiten jedoch nicht ab. Ihre Zähne müssen unter den süßen Getränken sehr gelitten haben. Vielleicht zeigt sie deshalb auf ihrem berühmten Bild „Mona Lisa“ auch nicht ihre vermutlich sehr beschädigten (und vielleicht dunklen) Zähne.

Isabellas Großvater Ferrante schien gegen Ende des Jahres 1489 hinsichtlich des Gatten seiner Enkelin bereits die Geduld verloren zu haben. Es ist zu vermuten, dass Lodovico seinem Ziel, die Ehe seines Neffen für ungültig erklärt zu sehen, sehr nahe war. Deshalb wird er zu diesem Zeitpunkt bereits bei den neapolitanischen Verwandten seiner Nichte um deren Hand angehalten haben. Jedenfalls schickte der neapolitanische König Ferrante im Dezember 1489 zwei Gesandtschaften nach Mailand. Die erste, aus älteren Damen und Herren bestehend, hatten die jungen Eheleute einer medizinischen Untersuchung zu unterziehen, die zweite war hingegen für Lodovico gedacht. Ihre Instruktionen blieben geheim.

Wenn der Traum von Lodovico il Moro in Erfüllung gehen sollte, hatte dieser jedoch noch die angehende Braut für sich zu gewinnen. Im Falle der Auflösung von Isabellas Ehe war nämlich zu befürchten, dass seine Nichte sich eher freiwillig in ein Kloster begeben würde als einer Heirat mit ihm zuzustimmen. Jedenfalls hatte man mit einem heftigen Widerstand von ihrer Seite zu rechnen. So beschloss Lodovico, um sich bei Isabella einzuschmeicheln, am 13. Januar 1490 zu ihren Ehren im mailändischen Schloss einen prächtigen Maskenball zu veranstalten, der als „Il Paradiso“ („Das Paradies“ oder „Das große Maskenspiel der Planeten“) sogar in die Geschichte eingehen sollte.

Die Ideen zu diesem Fest stammten von Lodovico persönlich. Mit der Ausgestaltung hatte er seine besten Leute beauftragt. So war sein Hofmaler Leonardo da Vinci als der Dekorateur der verschiedenen Szenen und als Designer der unzähligen Kostüme für die künstlerische Seite und sein Hofdichter Bernardo Bellincione († 1492) für die gesungenen und gesprochenen Verse verantwortlich.

Der Festtag, an dem die Gäste allesamt in orientalischen Gewändern erschienen, die Leonardo da Vinci für sie entworfen hatte, war gefüllt mit Tänzen, Ballettvorführungen, einer Maskerade, einem Turnier und einer Überraschungsveranstaltung für den Ehrengast Isabella von Aragon, die für die Stunde um Mitternacht geplant war. „Mit großer Erfindungsgabe und großem Kunstverstand“ – laut den Aussagen eines Zeitgenossen – konstruierte Leonardo hierfür in der Kuppel des Schlosses eine Darstellung des nächtlichen Himmels, in dem die zahlreichen goldenen Sterne in Form eines riesigen Kreises angeordnet waren.

Wie der Chronist Prato berichtet, war Isabella an ihrem Ehrentag „mit Juwelen bedeckt und so lieblich und prächtig gekleidet als wäre sie in diesem von Leonardo geplanten Schauspiel die Sonne“. So trug sie zu ihrem Fest ein weißes Samtkleid, das mit Goldborten versehen war.

Um Punkt 24 Uhr Mitternacht ließ Lodovico, der wie alle Anwesenden in ein orientalisches Gewand gehüllt war, die Musik stoppen, und der Vorhang, der bisher den Blick in die Kuppel verhindert hatte, wurde beiseite gezogen und gab – wie der Gesandte aus Ferrara, Trotti, seinem Herrn schrieb -, das Himmelsgewölbe frei, in dem „viele Fackeln die Sterne imitierten; es (das Himmelsgewölbe) war zudem mit Nischen versehen, in denen sich die sieben Planeten gemäß ihres Ranges befanden.“ (in: Serge Bramly: Leonardo: The artist and the man. London, New York, Ringwood, Toronto, Auckland 1994, S. 222).

Die sieben Planeten, deren Rolle von verkleideten Schauspielern bzw. Schauspielerinnen übernommen wurde, begannen sich schließlich auf denen für sie vorgeschriebenen Umlaufbahnen schwebend vorwärts zu bewegen, wobei liebliche Gesänge das Geräusch der unsichtbaren mechanischen Einrichtung, die verantwortlich für diese Drehungen war, übertönen sollten. Nach diesem beeindruckenden Schauspiel entfernten die Planeten sich wie durch Zauberkraft von ihren Sockeln und erschienen auf Wunsch des Gottes Jupiters, der von Gian Galeazzo Maria gespielt wurde, direkt vor der jungen Herzogin, der sie ihre Gedichte, die vom Hofpoeten Bernardo Bellincioni verfasst worden waren, vortrugen.

Jupiter dankte dem allmächtigen Gott schließlich, dass dieser solch eine schöne und tugendsame Frau wie Isabella erschaffen hätte, während Apollo (gespielt von Isabellas Cousin und Schwager Ermes) den Eifersüchtigen spielte, weil es ein „perfekteres Wesen“ als ihn selbst geben würde. Trotzdem fand er sich letztendlich bereit, der auch von ihm Angebeteten ein Buch zu überreichen. Endlich betraten die drei Grazien des heidnischen Kosmos und die sieben Tugenden des Christentums in Begleitung des Planeten Merkur (gespielt von Lodovico, der sich in der Zwischenzeit umgezogen hatte) die Bühne und verbeugten sich nacheinander vor der, wie es hieß, vorzüglichsten aller fürstlichen Damen, die sie in den höchsten Tönen lobten. Sämtliche Szenen waren musikalisch untermalt worden.

Der Erfolg dieses Festes war so groß, dass Leonardo da Vinci fortan mit der Ausgestaltung aller noch folgenden Hochzeiten im Haus der Sforza beauftragt wurde. Mit Sicherheit war der Künstler ebenfalls auf sein „Fest des Paradieses“ stolz. Jedoch finden wir in seinen Aufzeichnungen nicht eine einzige Erwähnung hinsichtlich dieses Maskenballs. Hätten seine Zeitgenossen so wie er geschwiegen, wüssten wir nichts über diesen ereignisreichen Tag im Leben von Isabella von Aragon und Leonardo da Vinci.

Nach der Vorführung beichtete Lodovico dem florentinischen Botschafter Pandolfini, dass zwei Gesandte aus Neapel, die mit zwei alten Frauen wegen des noch nicht vollzogenen Beischlafes gekommen wären, vorgeschlagen hätten, er sollte das Herzogtum und die Braut doch selbst übernehmen. Er hätte dies jedoch abgelehnt. So etwas Schamvolles könnte er doch niemals tun.

Für Isabella sollte dieses Fest in ewiger Erinnerung bleiben, weil sie auf ihm zwei neue, sehr treue Freunde gewann, den Dichter Bernardo Bellincioni und den Hofmaler, Architekten und Dekorateur Leonardo da Vinci. Beide durften sich fortan als enge Freunde des jungen mailändischen Herzogspaar bezeichnen. So war Bellincioni bis zu seinem Tod im Jahr 1492 sehr häufig bei Isabella und ihrem Gatten zu Besuch. Die junge Herzogin liebte es, ihn in Pavia bei sich zu haben. In seinen Aufzeichnungen finden wir Beschreibungen des jungen Ehepaares. So gab er Gian Galeazzo Maria als „blond, schönes Gesicht und sehr sanft“ und Isabella als „eine engelhafte Schönheit, stolz, ernst, gesetzt, mitleidsvoll und erhaben in ihrer Rede“ wieder.

Isabellas Freundschaft mit Leonardo da Vinci ging jedoch noch tiefer als die mit Bellincioni. Zu Beginn des Jahres 1490 war Leonardo mit einem Architekten aus Siena beauftragt worden, in Pavia den Bau der neuen Kathedrale zu überwachen. Seine Unterkunft befand sich seit dieser Zeit im Schloss zu Pavia, in dem auch Isabella und ihr Gatte lebten. Überdies fanden sich dort auch bald Leonardos Schüler ein, von denen der talentierteste Giovanni Antonio Boltraffio war.

Leonardo da Vinci konnte im Gegensatz zu seinem Kollegen Ambrogio de Predis nie das volle Vertrauen Lodovicos gewinnen. Denn er ließ sich von niemandem zum „Werkzeug“ oder Spitzel machen. Für Isabella war er der ideale Freund, auf den sie seit ihrer Ankunft in Mailand sehnsüchtig gewartet hatte. Ein Zeitgenosse sagte über ihn zudem folgendes: „Seine (Leonardos) äußere Gestalt wies so eine strahlende Schönheit auf, dass, ihn nur zu sehen, traurige Herzen glücklich werden ließ.“ Isabellas Herz wurde in der Tat durch ihn glücklich. Sie konnte ihm, der nicht nur überaus schön, sondern auch charmant, höflich, intelligent und witzig war, ihren Kummer anvertrauen, sich ausweinen und durch seine Musik und seine liebliche Singstimme, seinen Humor, seine interessanten Geschichten, die jeden seiner Zuhörer fesselten, wieder Kraft und Freude schöpfen. Selbst Gian Galeazzo Maria liebte die Gesellschaft Leonardos, die ihn aus seiner tiefen Depression riss.

Und das Wunder geschah. In der Nacht des 25. April 1490 soll Gian Galeazzo Maria endlich der erfolgreiche Beischlaf in Vigevano gelungen sein. Laut des päpstlichen Nuntius und Kardinals Enrico Gherardi informierte Isabella den Hof über dieses Ereignis voller Stolz am nächsten Morgen. Der Kardinal gratulierte dem jungen Paar im Namen des Papstes Innozenz VIII.. In seinem Brief an Letzteren schrieb er, dass der junge Herzog von Mailand nun „eher die Zügel als die Sporen“ bräuchte, da er seine junge Gattin täglich aufsuchen würde. Von Trotti erfahren wir, dass Gian Galeazzo Maria sein „Äußerstes gegeben und deshalb nun als Kranker das Bett zu hüten habe.“

Obiger Text ist ein Auszug aus meinem Buch Wer ist Mona Lisa? – Auf der Suche nach ihrer Identität.

Abbildungen von Isabella von Aragon finden Sie in ihrem Bilderkatalog.


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