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Frauenschicksale aus dem 15. und 16. Jahrhundert

Jehanne d'Arc (1412-1431) - Die französische Nationalheldin

Jehanne d'Arc
Abb. 23: Jehanne d'Arc

Jehanne d'Arc, die große Nationalheilige Frankreichs, brauchte nur drei Jahre, um sich einen unvergesslichen Platz in der Geschichte der Menschheit zu verschaffen. Bis zum Jahr 1920, in dem sie heiliggesprochen wurde, waren allein in ihrem Vaterland nicht weniger als 12.000 Werke über sie veröffentlicht worden. Dabei stammte Jehanne noch nicht einmal aus der adligen oder patrizischen Schicht, die dank ihres Reichtums jederzeit einen hervorragenden Geschichtsschreiber mit ihren Biografien beauftragen konnte. Denn Jehanne d'Arc, so wurde sie seit 1429 genannt, ursprünglich hieß sie Jeannette, wurde am 6. Januar 1412 als Tochter des Bauern Jacques d'Arc im Dorf Domrémy geboren.

Ihr Vater stieg zwar 1423 zum Dorfältesten auf und hatte fortan die Wache zu befehligen, Gefangene zu beaufsichtigen, Steuern einzutreiben und Gewichte und Maße zu eichen, aber der Wohlstand blieb auch mit diesem beruflichen Aufstieg in Jehannes Familie bescheiden. Ihre Mutter, Isabelle de Vouthon, stammte sogar aus noch einfacheren Verhältnissen und brachte außer ihrer Arbeitskraft kaum etwas in die Ehe ein. Sie schenkte ihrem Mann jedoch mindestens fünf Kinder: Jacquemin, Catherine († vor 1429), Jean, Jehanne und Pierre. Letzterer wurde im Jahre 1413, ein Jahr später als seine berühmte Schwester, geboren.

Jehanne hatte von klein auf an hart arbeiten müssen. Ihre Eltern besaßen in und um Domrémy ungefähr 20 ha Land, 12 ha davon waren urbar, der Rest bestand aus Wald und Weide. Jehanne, die von ihren Eltern nicht gerade mit Samthandschuhen angefasst wurde und die des Öfteren besonders mit ihrem Vater in Streit geriet, musste entweder mit ihren Geschwistern den Eltern beim Pflügen helfen oder die Lämmer und das Vieh auf der Weide hüten. Aber es muss bei ihnen auch Pferde gegeben haben, die Jehanne und ihre Geschwister ritten. Ihr Vater schien es daher im Laufe seines Lebens, zu einigem Wohlstand gebracht zu haben. Zu Hause bei ihrer Mutter lernte sie außerdem zu nähen und zu spinnen. Vielleicht brachte man ihr auch die Anfangsgründe des Schreibens und Lesens bei. Ihre sehr religiöse Mutter lehrte sie – wie es in jeder Bauernfamilie üblich war – zumindest das Vaterunser, das Ave Maria und das Credo.

Was sie von anderen Mädchen in ihrem Dorf aber unterschied, war ihre ungewöhnliche Frömmigkeit. Sie machte häufig Wallfahrten, ging oft zur Beichte, fastete jeden Freitag und weigerte sich schon als junges Mädchen zu tanzen. Nachdem im Juli 1425 eine englisch-burgundische Kriegshorde ihr Dorf überfallen hatte und nicht nur die Kirche niedergebrannt, sondern auch sämtliche Häuser durchsucht und geplündert und das Vieh weggetrieben worden waren – die Wut der Dorfbewohner auf die Engländer und die Burgunder also sehr groß war –, hörte Jehanne zum ersten Mal, wie sie später zu Protokoll gab, die Stimme Gottes, die ihr zukünftiges Leben so sehr bestimmen sollte. Später erschienen ihr abwechselnd die Erzengel Michael und Gabriel oder die Heiligen Katharina und Margarete, die von ihr stets nur eines forderten, nämlich Frankreich von den Burgundern und Engländern zu befreien und König Karl VII. zu seiner rechtmäßigen Salbung und Krönung nach Reims zu führen. Alles, was sie in Zukunft tat, hatten ihr – wie sie immer wieder betonte – ihre Heiligen befohlen.

Im Juni oder Juli 1428 wurde die gesamte Einwohnerschaft von Domrémy wegen eines erneuten englisch-burgundischen Einfalls zur Flucht in eine Nachbarstadt gezwungen. Jeder Bauer und jede Bäuerin wusste, dass das Leben auf dem Lande erst wieder zur Ruhe und Ordnung fand, wenn die Feinde für immer aus Frankreich vertrieben werden konnten. So verließ Jehanne im Dezember 1428 ihr Dorf und begab sich mit Hilfe eines Verwandten in die Festungsstadt Vaucouleurs, um Robert de Baudricourt, den Kommandanten des Ortes, zu bitten, ihr einige seiner Männer zur Verfügung zu stellen, mit denen sie den König aufsuchen wollte.

Erst nach mehreren Versuchen gelang es ihr endlich, jenen zu überreden, ihr einen Männersitz für das Pferd und sechs seiner Leute als Begleiter zu überlassen, mit denen sie sich am 13. Februar 1429 nach Chinon zum französischen König begab. Sie selbst hatte sich derweil schon Männerkleidung (ein kurzes Wams, Beinkleider mit Schnürbändern, ein Hemd, hohe außen geschnürte Schuhe, einen kurzen, bis an die Knie reichenden Mantel, einen gebogenen Hut, eng anliegende Stiefel, lange Sporen, ein Schwert, einen Dolch, eine Lanze) besorgt.

Am 23. Februar 1429 traf sie in Chinon ein. Doch bevor sie mit dem König schließlich unter vier Augen sprechen durfte, musste sie erst noch eine Prüfung durch einige Kirchenmänner über sich ergehen lassen. Am 25. Februar 1429 teilte Jehanne dem König schließlich ihren Auftrag mit, dass sie nämlich erstens die Belagerung von Orléans aufzuheben und zweitens Karl VII. zu seiner Weihe und Krönung nach Reims zu führen habe.

König Karl VII. von Frankreich
Abb. 24: König Karl VII. von Frankreich kniet vor dem Jesuskind und der Heiligen Maria.

Und nachdem sie sich einer weiteren kirchlichen Glaubensprüfung in Poitiers unterziehen musste – die positiv ausfiel – und ihre Jungfräulichkeit durch die Schwiegermutter des Königs überprüft worden war, durfte sie ihren ersten Auftrag, die Aufhebung der Belagerung von Orléans, erfüllen. Begleitet wurde sie von ihren Brüdern Jean und Pierre. Letzteren machte sie zu einem regulären Mitglied ihres militärischen Gefolges. So war ihr jüngster Bruder stets bei allen Aktionen an ihrer Seite zu finden und wurde schließlich wie sie ebenfalls beim verhängnisvollen Ausfall aus Compiègne im Jahre 1430 gefangen genommen.

In Tours ließ der König für Jehanne jedoch erst noch eine eigene Rüstung anfertigen, bevor sie sich zur Befreiung von Orléans aufmachen durfte. Schließlich begab sie sich an einen gefährlichen Ort, an dem man leicht durch Armbrustbolzen oder Pfeile tödlich verletzt werden konnte. Der Kommandant von Orléans hielt die Stadt schon längst für verloren, aber Jehanne d'Arc gelang es tatsächlich innerhalb von drei Tagen (vom 6. bis zum 8. Mai 1429), die Engländer zur Aufgabe ihrer Belagerung zu zwingen.

Jehanne d'Arc
Abb. 25: Jehanne d'Arc (rechts mit dem Kreuz vor der Brust) hebt mit ihren Kriegern die Belagerung von Orléans auf.

Am 12. Juni 1429 befreite Jehanne auch Jargeau und am 18. Juni 1429 Beaugency und Patay von den Engländern, die gerade in der letzten Schlacht hohen Blutzoll zahlen mussten.

Für das französische Heer wurde Jehanne die Heldin. Sie machte den Kämpfern Mut und verbreitete einen unschlagbaren Optimismus. Wenn ihre Landsleute aufgeben wollten, griff sie erst recht an! Neue Rekruten strömten nun aus allen Teilen des Königreiches herbei, um in ihrem Heer zu dienen. Ihre Anhänger begannen sich, vor die Beine ihrer Pferde zu werfen, küssten ihre Hände, Füße und Kleider. Schon zu ihren Lebzeiten betrachteten einige Franzosen sie als Heilige. Bildnisse von ihr wurden in den Kirchen aufgestellt. Das französische Heer wuchs ihretwegen schließlich auf 12.000 Kämpfer an. Mit ihnen begab sich Jehanne auf die Felder, um sich in den Kriegskünsten ausbilden zu lassen. Dabei kämpfte Jehanne mit der Lanze so gut wie jeder andere und ritt selbst wilde Pferde, die sonst niemand zu reiten wagte. Wie ihre Krieger schlief sie zudem mit ihrer Rüstung auf dem Feldplatz. Der Herzog von Alençon beschrieb sie folgendermaßen: "Jehanne war einfach und jung, aber das Kriegshandwerk verstand sie; sie wußte ebenso gut die Lanze zu führen wie die Armee zu formieren und einen Aufstellungsplan zu entwickeln, besonders was die Artillerie betraf; jeder erstaunte sich darüber, wie sie all das mit Sicherheit und Umsicht regelte, so, als hätte sie seit zwanzig oder dreißig Jahren Krieg geführt." Ein anderer Augenzeuge, Dunois, ein unehelicher Sohn von Ludwig von Orléans († 1407), berichtete obendrein: "Die Positionen, die sie wählte, waren so bewunderungswürdig, daß die berühmtesten und erfahrensten Hauptleute keinen so guten Schlachtplan hätten entwerfen können."

Trotzdem hatte Jehanne nicht nur Freunde im Heer. So protestierte ein Ritter namens Jean de Gamaches, dass es ungerecht sei, "wenn man den Rat eines Mädchens von geringem Stand dem eines Ritters, wie ich einer bin, vorzieht." Außerdem sagte sie oft "B", wenn die Hauptleute des Heeres sich für "A" entschieden hatten.

Ohne Wunden kam Jehanne bei diesen Feldzügen natürlich nicht davon. Bei der Bestürmung von Orléans hatte sie sich gleich am ersten Tag, am 6. Mai 1429, durch ein Fußeisen, die wie üblich zur Abwehr von Feinden verstreut im Graben vor der Befestigung lagen, am Fuß verletzt. Am zweiten Tag, am 7. Mai, wurde sie, als sie gerade in vorderster Linie eine Sturmleiter gegen ein Erdwerk lehnte, durch einen Armbrustbolzen in den Hals getroffen, der auch ihre Schulter durchbohrte. Die Wunde machte sie jedoch nicht kampfunfähig. Beim Angriff auf Jargeau wurde sie am 12. Juni, als sie mit dem Banner in der Hand eine Leiter erkletterte, von einem Steinwurf so heftig am Kopf getroffen, dass sie in den Graben stürzte. Dank ihres Eisenhutes verlor sie allerdings nur für kurze Zeit ihr Bewusstsein und nicht ihr Leben.

Kanzler Nicholas Rolin
Abb. 26: Der berühmte burgundische Kanzler Nicholas Rolin mit der burgundischen Frisur, die auch Jeanne d'Arc trug

Von ihren Zeitgenossen wurde Jehanne als arrogant, jähzornig, ungeduldig, hartnäckig, stur, besessen und als sehr selbstbewusst beschrieben. Als ihre Eltern sie zum Beispiel im Jahr 1428 verheiraten wollten, weigerte sie sich und war sogar bereit, die Familienauseinandersetzung in die Öffentlichkeit und vor Gericht zu tragen. Zudem galt sie als schlagfertig, mutig, aber auch wehleidig. Wie sie selbst zugab, fürchtete sie sich sehr vor Verletzungen. Wenn sie bei ihren Kämpfen Wunden erlitt, hielt sie sich nicht zurück, wegen der Schmerzen zu weinen. Von Gestalt her war sie mittelgroß und zierlich. Einige Zeitgenossen behaupteten, sie wäre zudem schön gewesen. Vielleicht war es jedoch auch nur die Faszination oder das Mystische, das von ihr ausging, was sie als "schön" erscheinen ließ. Sie hatte schwarzes, kurzes, topfförmig geschnittenes Haar, das sie nach Art der Burgunder trug, das heißt, ihre kurz geschnittenen Haare wurden über den Ohren und im Nacken ausrasiert und vom Wirbel nach allen Seiten gleichmäßig gekämmt. Ihr Teint war rötlich, und ihre Stimme war "fraulich-sanft", konnte aber auch sehr eindringlich werden. Außerdem berichteten Augenzeugen, dass Jehanne eine ausgesprochene Abneigung gegen jede Art körperlicher Berührung hatte. Und sie verfügte über ein ausgezeichnetes Gedächtnis.

Am 17. Juli 1429 konnte Jehanne ihren zweiten "heiligen" Auftrag erfüllen. Karl VII. wurde in Reims zum König von Frankreich gesalbt und gekrönt. Nach dieser feierlichen Zeremonie, bei der sie die ganze Zeit über in der Nähe des Königs gestanden und ihr Banner in der Hand gehalten hatte, benötigte Karl VII. sie nicht mehr, denn seitdem er mit dem burgundischen Herzog Philipp dem Guten in Friedensverhandlungen getreten war, war er an weiteren Kämpfen nicht mehr interessiert.

Jehanne wollte jedoch Paris mit seinen 200.000 Einwohnern einnehmen, das von ungefähr 3.000 Burgundern und Engländern immer noch besetzt gehalten wurde. Doch schon am ersten Tag des Angriffs, am 8. September 1429, wurde sie durch einen Armbrustschützen in den rechten Oberschenkel getroffen. Nachdem sie sich in die Deckung eines Grabens geschleppt hatte, versuchte sie hier, ihren Leuten weitere Anweisungen zu geben. Leider entwickelte sich dieser Tag für die Franzosen zu einem Unglückstag. 500 bis 700 französische Kämpfer verloren das Leben. Das ganze Desaster wurde eigentlich nur durch die Uneinigkeit der Hauptleute verursacht, aber jeder hielt letztendlich Jehanne für verantwortlich. Der Rückzug von Paris am 13. September 1429 bedeutete für sie deshalb einen entscheidenden Bruch in ihrer Laufbahn. Die Erstürmung von La Charité am 9. November 1429 gelang ihr ebenfalls nicht.

Im Dezember 1429 wurde Jehanne mit ihrer Familie vom französischen König zwar geadelt, aber in Zukunft war sie nur noch an kleinen Scharmützeln beteiligt. Als sie am 14. und 15. Mai 1430 die Truppen des burgundischen Herzogs in der Nähe von Compiègne erfolglos angegriffen hatte und sich mit ihren Leuten zurückziehen musste, geriet Jehanne in eine tiefe Depression. Nachdem sie am 22. Mai 1430 jedoch erfuhr, dass die Burgunder und Engländer vor zwei Tagen mit der Belagerung von Compiègne begonnen hätten, machte sie sich sogleich erneut zu dieser Stadt auf. Hier wurde sie aber schon bei ihrem ersten Angriff am 23. Mai 1430 von einem Verbündeten der Burgunder, der zu den Leuten von Johann von Luxemburg gehörte, vom Pferd gerissen und gefangen genommen. Die Universität von Paris, die sich auf burgundischer Seite befand, forderte sofort ihre Verbrennung als Ketzerin.

Johann von Luxemburg übergab Jehanne Ende Dezember 1430, nachdem sie zuerst in seinem Schloss Beaulieu einen Fluchtversuch und dann in seinem Schloss Beaurevoir einen Selbstmordversuch unternommen hatte, indem sie aus einer Höhe von 18 bis 21 m aus einem Turm gesprungen war, für eine Summe von 10.000 Livres an die Engländer, die sie unbedingt haben wollten. Denn die englischen Kämpfer waren wie die burgundischen furchtsam und ängstlich geworden und hatten, seitdem Jehanne in den Kriegen mitmischte, jegliches Selbstvertrauen verloren. Schrieb jene doch an den burgundischen Herzog Philipp den Guten am 17. Juli 1429: "Du wirst keine Schlacht gegen die treuen Franzosen gewinnen, und alle, die Kriege gegen das heilige Reich Frankreich führen, führen Krieg gegen König Jesus, den König des Himmels und der Welt, meinen rechtmäßigen und erhabenen Herrn". Nur mit ihrer Verbrennung glaubten der englische König und seine Feldherren, ihren Kämpfern zeigen und beweisen zu können, dass Gott nicht schützend seine Hand über Jehanne halte und dass England deshalb jederzeit in der Lage sei, Frankreich zu besiegen.

Der stets passive und willensschwache Karl VII. rührte wie üblich keine Hand, um ihr zu helfen. Dabei hätte er sie gegen den berühmten John Talbot (um 1387-1453), den ersten Grafen von Shrewsbury und ersten Grafen von Waterford und Bedeutendsten der englischen Oberbefehlshaber, der von den Franzosen gefangen genommen worden war, ein- bzw. austauschen können. In Orléans, Tours und Blois wurden für Jehanne derweil öffentliche Gebete für ihre Befreiung gesprochen.

Der Prozess in Rouen, eröffnet am 9. Januar 1431, war mit seinen 95 Gerichtsmitgliedern eine bloße Farce, da von Anfang an das Urteil, die Verbrennung Jehannes als Ketzerin und Hexe, feststand. Einen Rechtsbeistand erhielt Jehanne deshalb nicht. Jeder, der sich in diesem Gerichtsverfahren für sie einsetzen wollte, wurde von den Engländern mit dem Tode bedroht. Am 9. Mai 1431 versuchte man, Jehanne durch die Androhung der Folter einzuschüchtern, die man letztendlich doch nicht anwandte.

Als man ihr Todesurteil - Verbrennen auf dem Scheiterhaufen - am 24. Mai 1431 auf dem Friedhof Saint-Ouen verkündete, schwor Jehanne aus Angst vor den ihr bevorstehenden Qualen öffentlich ihren Irrtümern ab. Ihr Todesurteil wurde daraufhin in eine lebenslange Kerkerhaft - mit eventueller Strafmilderung bei guter Führung - umgewandelt. "Ich, Jehanne, die Jungfrau genannt, armselige Sünderin, bekenne, daß ich abtrünnig war und irrgläubig; nachdem ich die Fallstricke der Irrtümer, in denen ich befangen war, erkannt habe, bin ich durch die Gnade Gottes zu unserer heiligen Mutter, der Kirche, zurückgekehrt; damit man sehe, daß ich nicht nur scheinbar, sondern aufrichtigen Herzens und guten Willens zurückgekehrt bin, bekenne ich, daß ich schwer gesündigt habe, in dem ich lügnerisch vorgab, Offenbarungen und Erscheinungen von Gott, durch die Engel, die Heilige Katharina und die Heilige Margareta gehabt zu haben, andere verführte, und, indem ich leichtfertig und töricht glaubte, abergläubisch wahrsagte, Gott und seine Heiligen lästerte, das göttliche Gesetz, die Heilige Schrift und die kanonischen Verordnungen übertrat, unanständige Kleider trug, die Haare nach Männerart geschnitten gegen alle Schicklichkeit des weiblichen Geschlechtes, daß ich auch Rüstung trug in großer Anmaßung, auf grausames Blutvergießen aus war, und sagte, ich hätte alles auf Befehl Gottes, der Engel und der oben genannten Heiligen getan, und ich hätte darin recht gehandelt und nicht gefehlt; daß ich Gott und seine Sakramente verächtlich gemacht habe, daß ich Aufruhr erregt und Götzendienerei getrieben, indem ich die bösen Geister verehrte und anrief ..." Nach diesem Widerruf rasierte man ihr die Haare vollständig ab, und sie erhielt Frauenkleidung.

Natürlich erfüllte dieses Urteil, dass Jehanne am Leben ließ, überhaupt nicht die Erwartungen des englischen Königs und seiner Feldherren. Denn sie würden, so glaubten sie, solange diese französische Kämpferin lebte, auch weiterhin nur Niederlagen erleiden. Ihre Soldaten hatten zu viel Respekt und Angst vor dieser vielleicht doch heiligen Frau. Wie es den Engländern schließlich gelang, Jehanne doch noch auf den Scheiterhaufen zu bringen, berichtet ein Augenzeuge: "... Die Männerkleidung wurde in einem Sack in ihrer Zelle verstaut. Und sie (Jehanne) blieb dort in der Bewachung von fünf Engländern, von denen drei auch die Nacht in dem Raum verbrachten, während draußen die beiden anderen Wachen standen. Ich weiß von anderen, daß Jehanne mit gefesselten Füßen schlief. Sie war an eine kurze Kette angebunden, die unter den Bettpfosten herlief und an einem großen, fünf oder sechs Fuß langen Holzklotz mit einem Schloß befestigt war. Darum konnte sie sich nicht rühren. Und als der Sonntagmorgen ... herbeikam und sie aufstehen mußte, sagte sie zu den englischen Wachen: ,Entfernt Euch, wenn ich aufstehe!' Da nahm ihr einer der Engländer die Frauenkleider weg, die sie trug, und sie leerten den Sack mit den Männerkleidern, warfen sie ihr hin und riefen: ,Steht auf!' und stopften die Frauenkleider in den Sack. Sie zog die Männerkleider an und sagte: ,Ihr wißt, daß es mir verboten ist, und ich ziehe sie nie wieder an!' Trotzdem wollten sie ihr keine anderen Kleider geben, und der Streit dauerte bis zur Mittagsstunde. Zuletzt zwang sie ein menschliches Bedürfnis hinauszugehen, sie war in Männerkleidern; nach ihrer Rückkehr verweigerten sie Jehanne die Frauenkleider, wie sehr sie auch bat und flehte." Das Tragen der Männerkleidung wurde von ihren Richtern als Rückfall in ihre alten Gewohnheiten interpretiert, das heißt, sie wäre hiermit angeblich in ihre sämtlichen früheren Irrtümer zurückgefallen. Andere Augenzeugen berichten zudem, dass sie von ihren Wächtern "belästigt und geschlagen worden" sei. Laut den englischen Quellen war Jehanne dem Feuertod am 24. Mai sowieso nur entgangen, weil sie behauptet hätte, schwanger zu sein. Nachdem dies als Lüge entpuppt werden konnte, stand ihrer Hinrichtung nichts mehr im Wege.

Am 30. Mai 1431 wurde Jehanne, die solch eine Angst vor dem Feuertod hatte, bekleidet mit einem schwarzen Hemd und einem Tuch auf dem Kopf, auf einem Karren, auf dem sie unaufhörlich weinte, zur Place des Vieux Marché in Rouen gefahren und dort lebendig verbrannt. Ihre letzten Augenblicke beschrieb ein Zeuge namens Bruder Ysambert de al Pierre: "Als sie ihrem Ende nahe war, bat und flehte das fromme Mädchen inständig und demütig, ich sollte in die nächste Kirche gehen, um ihr von dort ein Kreuz zu bringen, um es emporzuhalten, ihr vor die Augen, bis zum letzten Atemzug, damit das Kreuz, an dem der Heiland hing, unausgesetzt vor ihrem Blick bliebe, solange noch Leben in ihr war. Während sie schon in Flammen stand, rief sie unaufhörlich bis zuletzt mit lauter Stimme den Namen Jesu, dann rief sie flehend und unablässig die Heiligen des Paradieses um Hilfe an. Und dann - zum Zeichen ihres inbrünstigen Glaubens an Gott - brachte sie, noch als sie ihr Haupt neigte und ihren Geist aufgab, den Namen Jesus hervor, so wie wir es vom Heiligen Ignatius und anderen Märtyrern lesen ..."

Die Verbrennung von Jehanne d'Arc
Abb. 27: Die Verbrennung von Jehanne d'Arc

Es dauerte lange, bis Jehanne starb. Laut des Henkers sei die Hinrichtung sehr grausam gewesen, denn das Gerüst wäre so hoch errichtet worden, dass er nicht wie üblich hinaufklettern und ihrem Leiden durch einen Dolchstich ins Herz oder durch Erdrosseln ein rasches Ende bereiten konnte. Ihre Asche wurde in die Seine geworfen.

Aber die Stadt Orléans vergaß ihre Heldin nie. Auch während ihrer Verurteilung zur Ketzerin hielten die Einwohner zu ihr. Nach ihrem Tod zeigte sich die Stadt ihrer Familie gegenüber sehr großzügig. Ihre Mutter lebte dort als städtische Pensionärin bis zu ihrem Tode im November 1458. Auch ihre Brüder Jean und Pierre erfuhren verschiedene städtische Vergünstigungen. Karl VII. vergaß ihre Brüder ebenfalls nicht. Als der französische König im Jahre 1437 endlich in Paris einziehen konnte, war es Jehannes Bruder Jean, der die Zügel des königlichen Pferdes hielt und neben Karl VII. einherschritt.

19 Jahre nach ihrem Tod wurde ihr Prozess zudem von neuem aufgerollt. In diesem Rehabilitationsverfahren erklärte man Jehanne d'Arc schließlich am 7. Juli 1456 für unschuldig. Auch die katholische Kirche versuchte ihren Fehler – schließlich wurde das Urteil von ihren Theologen gefällt – wiedergutzumachen. So wurde Jehanne am 16. Mai 1920 heiliggesprochen.


Lese-/Videotipps:
  • Edward Lucie-Smith: Johanna von Orléans – Eine Biographie. Düsseldorf 1977
  • Der Prozeß Jeanne d'Arc – Akten und Protokolle (1431 und 1456), übersetzt und herausgegeben von Ruth Schirmer-Imhoff. München 19874

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