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Die Entwicklung der Menschheit

Homo sapiens

Homo sapiens idaltu
Abb. 20: Homo sapiens idaltu war ein Vorfahre von Homo sapiens sapiens. Er lebte vor rund 160.000 Jahren in Afrika. Knochenreste von ihm sind in Herto, Äthiopien, im Jahr 1997 gefunden worden.

Der direkte Vorfahre des Homo sapiens stammte aus Afrika, wo er zum ersten Mal vor 200.000 oder 150.000 Jahren auftrat (Abb. 20). Laut Stanley H. Ambrose von der Universität von Illinois ging die Population des Homo sapiens vor 74.000 Jahren, wie genetische Befunde zeigen, fast zu Grunde. Etwa um diese Zeit brach auf Sumatra der Mt. Toba aus, was zu sechs Jahren Winter und dann 1000 Jahren Eiszeit geführt haben könnte. Die größten Überlebenschancen hatten nun die Menschen, die miteinander – auch mit Angehörigen fremder Gruppen – kooperierten und Resourcen teilten. Laut des Biologen und Genforschers Spencer Wells verließ eine kleinere Gruppe unserer direkten Vorfahren zum ersten Mal vor 50.000 oder 60.000 Jahren Afrika. Sie folgte der südlichen Küstenlinie und bevölkerte das südliche Indien, Südostasien und schließlich Australien, das sie vor ungefähr 50.000 Jahren betrat. Die zweite Auswanderungswelle unserer Vorfahren aus Afrika fand vor ungefähr 45.000 Jahren statt. Sie führte in den Mittleren Osten, nach Indien, nach China und nach Amerika. Die Vertreter von Homo sapiens, die sich im Mittleren Osten niedergelassen hatten, brachen schließlich vor rund 35.000 Jahren nach Zentralasien und von dort sogleich nach Europa und vor 20.000 Jahren nach Sibirien und in den arktischen Zirkel auf. Vor 15.000 Jahren folgte schlussendlich eine kleine Gruppe unserer Vorfahren, die sich im arktischen Zirkel niedergelassen hatte, ihrer Rentierherde über die Beringstraße nach Nordamerika. Es handelte sich um die zweite Einwanderungswelle nach Amerika. Gemäß der genetischen Daten kann es sich laut Spencer Wells bei der letzteren nur um zwei oder drei Männer und nicht mehr als 10 bis 20 Menschen gehandelt haben, deren Nachkommen im Laufe von rund 800 Jahren den gesamten amerikanischen Kontinent bevölkerten. Alle Menschen, die heute auf unserer Erde existieren, seien sie Weiße, Schwarze, Chinesen, Indianer oder Aborigines, die Ureinwohner von Australien, stammen also von einem gemeinsamen Vorfahren ab.

In Europa trafen die Vertreter des Homo sapiens, die uns morphologisch und anatomisch bereits glichen, auf die Neandertaler, die hier seit 160.000 Jahren die unumschränkten Herren waren. In der wissenschaftlichen Fachsprache werden diese ersten Vertreter des Homo sapiens in Europa "Cro-Magnon-Menschen" genannt und zwar nach einer Höhle bei Cro-Magnon im südwestlichen Frankreich, in der man bei Straßenarbeiten im Jahre 1868 die ersten Fossilien unseres Vorfahren gefunden hatte.

Von den Neandertalern unterschieden sich die Cro-Magnon-Menschen schon rein äußerlich. So waren sie mit ihren 1,73 m größer und schlanker als die Neandertaler. Zudem fehlten ihnen die starken Überaugenwülste, und sie verfügten bereits über eine hohe Stirn, ein hervorstehendes Kinn, eine Adlernase und kleine, ebenmäßige Zähne (Abb. 21).

Mit den Neandertalern hatten sie jedoch auch einiges gemeinsam. So besaßen beide ein großes Gehirn, gingen beide aufrecht und dauerte die Kindheit bei beiden im Gegensatz zu ihren Vorgängern weitaus länger. Sie aßen beide Fleisch und waren beide in der Lager, für Feuer zu sorgen. Sie lebten zudem beide in Höhlen und selbstkonstruierten primitiven Hütten, die aus Zweigen und Fellen gefertigt wurden. Beide waren hervorragende Jäger und ausgezeichnete Hersteller von Steinwerkzeugen. Und letztendlich verfügten beide über die Fähigkeit, sich sprachlich mit Ihresgleichen unterhalten zu können.

Cro-Magnon-Mensch
Abb. 21: Die Darstellung eines Cro-Magnon-Menschen auf der Basis eines gefundenen Schädels durch Mikhail Gerasimov.
ein Burian
Abb. 22: Ein Burian (zum Einritzen von Formen und Symbolen auf Horn, Knochen und Holz) und eine Nähnadel, die von der Menschheit seit mindestens 26.000 Jahren in Gebrauch ist.

Ihr Zusammen- oder besser Nebeneinanderleben währte immerhin über 10.000 Jahre, bis schließlich das Einsetzen einer neuen Eiszeit das Klima in Europa wieder rauer werden ließ und sich die Konkurrenz um den zunehmend knapperen Lebensraum zu Ungunsten des Homo neanderthalensis verschärfte. Denn der Homo sapiens verfügte nicht nur über eine fortschrittlichere Kultur, sondern auch über ein überlegeneres Sozialverhalten als der Neandertaler. Und er besaß die Fähigkeit zum abstrakten und symbolischen Denken, was sich besonders in seiner Erstellung von einzigartigen Kunstwerken offenbarte.

wolliges Rhinozeros
Abb. 23: Ein fettes und wolliges Rhinozeros, gezeichnet von einem Urmenschen, das leider von einem Touristen des 20. Jahrhunderts mit Graffiti verunstaltet wurde (aus der Höhle Rouffignac).

Auf welchen Gebieten und in welchen Bereichen die Cro-Magnon-Menschen den Neandertalern überlegen waren, soll folgende Liste zeigen:

  1. Die Cro-Magnon-Menschen besaßen hochentwickeltere und spezialisiertere Werkzeuge und Waffen, die sie aus unterschiedlichen Materialien wie Stein, Holz, Knochen, Elfenbein und Horn (Geweih von Rentieren und Hirschen) gefertigt hatten. Überdies waren sie, um gutes Rohmaterial zu erhalten, bereit, lange Märsche in Kauf zu nehmen. "Die Steinklingen waren ohne Frage scharf und leistungsfähig. Moderne Experimente haben gezeigt, dass die Speerspitzen, aus Feuerstein gefertigt, schärfer als die Eisenspitzen sind und weitaus tiefer in den tierischen Körper eindringen. So gleichen die Feuersteinmesser in ihrer Schneidekraft den Stahlmessern, wenn sie diesen nicht sogar überlegen sind. Der einzige Nachteil von beiden (der Feuersteinspeerspitze und dem Feuersteinmesser) ist, dass sie wegen ihrer Sprödigkeit leichter zerbrechen und daher öfter ersetzt werden müssen." (in: Tom Prideaux: Cro-Magnon Man. Time-Life International Niederlande 1973, S. 62). Unsere Vorfahren stellten aus Steinmaterial Schaber, Schneidewerkzeuge, zugespitzte Burins (Steine, mit denen man Gravierungen auf Knochen, Elfenbein, Holz und Horn vornahm) und Nähnadeln her, mit denen sie schließlich komfortable Kleidung, Schmuckgegenstände, behagliche Unterkünfte und viele andere Lebensnotwendigkeiten als auch Luxusgegenstände fertigen konnten. Die Nähnadeln wurden z.B. aus dem Geweih der Rentiere geschnitzt (Abb. 22). Die bei Ausgrabungen vorgefundenen riesigen Abfallberge an Steinbruchstücken, die im Prozess der Steinbearbeitung entstanden, deuten auf eine Arbeitsteilung innerhalb der Cro-Magnon-Gesellschaft hin. Hier waren also schon Steinspezialisten am Werk gewesen.
  2. Ihre handwerklichen Fähigkeiten waren die Voraussetzung für die Herstellung von schärferen Speerspitzen, Lanzen und mit Widerhaken versehener Harpunespitzen, mit denen sie auf ihren Jagdunternehmen erfolgreicher als die Neandertaler waren.
  3. Ihr Nahrungsangebot war vielfältiger, da sie nicht nur Säugetiere wie den Bison, das Wildpferd, das Mammut, das Rentier, das Rhinozeros (Abb. 23), das Rotwild und das Wildschwein jagten, sondern sich im Gegensatz zu den Neandertalern auch von Fischen ernährten. Außerdem wurde der Speiseplan durch gesammelte Beeren, Nüsse und andere pflanzliche Produkte erweitert. Bei der Zubereitung ihres Essens verwerteten sie bereits in Feuer erhitzte Steine, mit denen Wasser in mit Häuten ausgelegten Gruben erhitzt wurde. In der Winterzeit, in der das Nahrungsangebot stets knapp war, ernährten sie sich von den in den günstigeren Jahreszeiten erjagten Tieren, deren Fleisch sie in der Sonne getrocknet oder über Feuer geräuchert hatten.
  4. Sie betrieben bereits über große Entfernungen Handel. So fand man in Südeuropa z.B. Bernstein aus dem Baltikum und in der Ukraine Muschelschalen, die aus dem Mittelmeer stammten.
  5. Sie waren zudem viel flexibler als die Neandertaler und waren bereit ihren Wohnsitz aufzugeben und dem Wild zu folgen. Auf der Suche nach lebensgünstigeren Orten bauten sie schließlich sogar Boote, um tiefe Gewässer überwinden zu können.
  6. Auch in unwirtlichen Gegenden wie in Sibirien oder in anderen arktischen Regionen ließen sie sich nieder und errichteten, falls Höhlen nicht zur Verfügung standen und falls auch Holz nicht vorhanden war, ihre Unterkünfte, die Platz für bis zu 20 Personen boten, aus den Knochen und dem Elfenbein verstorbener Mammuts, die mit Häuten und Pelzen abgedeckt wurden.
  7. Die Cro-Magnon-Menschen waren obendrein selbst in der Lage, Feuer zu bereiten, wozu sie sich des messinggelben Minerals Pyrit bedienten, der einen metallähnlichen Glanz aufweist und der zu den wenigen Mineralien gehört, mit deren Hilfe durch Feuersteine Funken erzeugt werden können, die schließlich mit Zugabe von trockenem Zunder das wertvolle Feuer erschaffen. In Russland und Frankreich fand man zudem unter den Herdstellen eine Reihe von flachen Furchen und einen schwanzförmigen Kanal, der von den Brandstätten wegführte. Mit diesen Einrichtungen wurde dem Feuer mehr Sauerstoff zugeführt, und somit war die Hitze, die diese kleinen Herdstellen produzierten, weitaus höher als unter den normalen Bedingungen. Als Brennstoff wurde, falls Holz nicht vorhanden war, auf die Knochen der verstorbenen Mammuts oder auf getrockneten Dung zurückgegriffen.
  8. Unsere Vorfahren machten ihre Waffen, die sie auf der Jagd und bei kriegerischen Auseinandersetzungen verwendeten, zudem effektiver und erfanden sogar neue wie den Speerwerfer oder Atlatel, mit dem die Reichweite des geworfenen Speeres beträchtlich zunahm. So haben moderne Demonstrationen gezeigt, dass ein kurzer Speer, aus der Hand geworfen, ungefähr 60 m fliegt, bevor er zu Boden fällt. Mit dem Speerwerfer wird die Entfernung auf mehr als 150 m erhöht. Wer mehr über diese neue Waffe, die ungefähr 60 cm lang ist und an einem Ende mit einem Griff und am anderen Ende mit einem kleinen, scharfen Stachel oder Sporn versehen ist, mit dem das Ende des Speeres verbunden wird, sollte einmal auf folgende Webseite schauen: www.atlatl.net. Die Jagd ist mit Hilfe dieser Speerwerfer sehr viel sicherer geworden, denn nun konnten die Tiere, die z.T. mit gefährlichen Zähnen oder mächtigen Hufen ausgestattet waren, aus einer größeren Entfernung getötet werden. Die Speerwerfer, die vermutlich schon seit 40.000 Jahren in Nordafrika und seit 25.000 Jahren in Europa in Gebrauch waren, wurden aus Holz und aus Rentier-Geweihen hergestellt und mit herrlichen Figuren und Tieren wie dem Bison, dem Hirsch, dem Wildpferd, den Vögeln und unterschiedlichen Fischarten in Form von Eingravierungen verziert.

Mit diesen Fähigkeiten ausgestattet, ging der Cro-Magnon-Mensch im Konkurrenzkampf mit den Neandertalern als Sieger hervor. Während die Geburtenrate bei Letzteren von vor 40.000 bis 30.000 Jahren drastisch abnahm, vermehrten sich die Vertreter des Homo sapiens in diesem Zeitraum um das Zehnfache, so dass sie schließlich in ganz Europa anzutreffen waren. Dabei erreichten ihre Männer ohne Probleme das Alter von 60 Jahren, während die Frauen wegen der gefahrvollen Geburten selten das 40. Lebensjahr erblickten. Die Kindersterblichkeit war zudem sehr hoch.

Bei einer so langen Koexistenz zwischen den Neandertalern und den Cro-Magnon-Menschen sind Vermischungen natürlich nicht auszuschließen. Aber wir wissen nicht, ob deren Nachwuchs sich auch weiterhin vermehren konnte. Die Neandertaler-DNA weicht in 27 Positionen vom Erbgut des heutigen Menschen ab. "Die anatomisch modernen Menschen untereinander, Negride, Mongolide, Europide, Australide und andere, sind sich nur in acht Positionen ungleich. Damit scheint das Mitwirken des Neandertalers an der Menschwerdung ausgeschlossen. Unsere Gene sind neandertalerfrei ... Das schottische Team (von William Goodwin von der Universität in Glasgow) ... wies nach, dass der Genpool des Neandertalers so weit vom heute lebenden Menschen entfernt ist wie der Mensch und Schimpanse." (in: Dirk Husemann: Die Neandertaler – Genies der Eiszeit. Frankfurt am Main und New York 2005, S. 235). Außerden überzeugt Günter Bräuer das etwa 24.500 Jahre alte Kinderskelett, das in Lagar Velho in Portugal gefunden wurde und das Hinweise auf Vermischungen mit Neandertalern aufweisen soll, nicht, dass es tatsächlich als Produkt einer sexuellen Beziehung zwischen Neandertalern und Cro-Magnon-Menschen hervorgegangen ist. "Dieses Kind war zwar stämmig und hatte kurze Unterschenkel, doch könnte es sich dabei genauso gut um eine individuelle Ausprägung innerhalb der normalen Streubreite wie um eine Neuanpassung dieser Menschen an das Eiszeitklima handeln. Auch Mangelernährung wäre möglich. Zudem erscheint zweifelhaft, das sich ein Merkmal der Neandertaler nach deren Aussterben noch über einige hundert Generationen so deutlich erhalten haben soll, während sonst Spuren von Vermischungen kaum sichtbar sind." (in: Günter Bräuer: Der Ursprung lag in Afrika, S. 43, in: Spektrum der Wissenschaft März 2002, S. 38-46).

Was die Vertreter des Homo sapiens jedoch besonders von denen des Homo neanderthalensis unterschied, waren ihre herrlichen Kunstwerke, die sie erschufen. In Südfrankreich und Spanien sind noch heute in vielen Höhlen ihre großartigen Malereien zu bewundern, mit denen sie die Wände von tief im Erdreich liegenden, verborgenen Kammern schmückten. Als Motive dienten häufig das Rentier, der Hirsch, das Wildpferd, der Bison, das Mammut, das wollige Rhinozeros und andere Tiere oder geometrische oder abstrakte Zeichen. Um ihre mit Manganoxid oder Holzkohle schwarz umrahmten Darstellungen farblich auszuschmücken, bedienten sie sich des Minerals Ocker, der in einem weiten Spektrum von Rot, Gelb bis zu einem tiefen Braun vorhanden ist. All diese bunten Mineralien wurden zu einem feinen Puder zerrieben und dann mit Blut, tierischem Fett, Urin, Eiweiß, Fischleim oder pflanzlichen Säften vermischt.

Ein Cro-Magnon-Künstler malt ein Wildpferd
Abb. 24: Ein Cro-Magnon-Künstler (in der Mitte) malt ein Wildpferd auf die Höhlenwand, während einer seiner Gehilfen (rechts) den Ocker zu einem feinen Pulver zerreibt und ein anderer das künstliche Licht zu halten hat.

In diesen tiefdunklen Kammern der Höhlen hatten sich die Maler künstlicher Lichtquellen zu bedienen, die aus Meeresmuscheln oder Schädeln erstellt wurden, in die man tierische Fette einließ. Kleine Haarlocken oder Moos dienten als Docht. Gemalt wurde mit Pinseln, die aus tierischem Haar hergestellt wurden, oder mit Stöcken oder einer Art Kreide, die aus einer getrockneten Paste gewonnen wurde (Abb. 24).

Knochenflöte
Abb. 25: Das Alter der Knochenflöte in der Mitte wird auf 27.000 Jahre geschätzt. (gefunden in der französischen Höhle Pair-non-Pair)

Außerdem schnitzten die Künstler aus Knochen, Holz, Elfenbein und aus Horn kleine Skulpturen, die Tiere und Menschen wiedergaben, und kleine Flöten (Abb. 25) und erstellten wunderschöne Schmuckstücke für sich und ihre Liebsten. Muscheln und die Zähne der verschiedensten Tierarten, beide mit kleinen Löchern versehen, ergaben Arm- und Halsketten oder wurden auf Fellen oder auf Leder, die als Kleidungsstücke dienten, aufgenäht. Auch mit Lehm begannen die Cro-Magnon-Menschen schon bald zu arbeiten. Aus pflanzlichen Fasern webten sie zudem die ersten Körbe.

Besonders berühmt sind ihre kleinen "Venus-Statuen" geworden, die mit riesigen Brüsten und Bäuchen und breiten Hüften und Oberschenkeln dargestellt wurden, denen jedoch häufig die Füße fehlen und deren Arme man nur leicht andeutete. Von ihnen hat man mittlerweile über 60 Exemplare in Frankreich bis Sibirien gefunden. Ihr Alter wird auf 27.000 bis 20.000 Jahre geschätzt. Vermutlich stellen sie Fruchtbarkeitssymbole oder sogar die von den Cro-Magnon-Menschen verehrte Muttergottheit dar (Abbn. 26 und 26b).

Mit all diesen Kunstgegenständen, dem herrlichen Schmuck und zuweilen auch mit den Steinwerkzeugen und Waffen versehen, wurden die mit Ocker bemalten, verstorbenen Angehörigen des Cro-Magnon-Menschen beigesetzt. So fand man in Sibirien das Grab eines Kindes, das vor 15.000 Jahren verstarb und das man mit einem Halsband, einer Art von Diadem und einem Spielzeug, das einen kleinen Vogel darstellte, beerdigte.

Ein Cro-Magnon-Künster erstellt eine Venus-Statue
Abb. 26: Ein Cro-Magnon-Künster erstellt eine Venus-Statue (Werk von Z. Burian).
Die Venus von Willendorf
Abb. 26b: Die Venus von Willendorf, die vor 25.000 Jahren erstellt wurde

In einem anderen Grab, das sich 208 km nordöstlich von Moskau befand und das vor 23.000 Jahren angelegt worden war, wurden im Jahr 1964 zwei Skelette des Cro-Magnon-Menschen entdeckt. Das besser erhaltene von beiden gehörte einem Mann, der um die 55 Jahre alt war, als er starb. Er war mit einem Pelzgewand bekleidet worden, das mit unzähligen kleinen Elfenbeinperlen bestickt worden war. Bevor er in sein Grab gelegt wurde, hatte man dieses mit rotem Ocker bestreut. Dann legte man den Toten in seine letzte Ruhestätte und bestreute ihn ebenfalls mit Ocker, der, wenn das Fleisch verwest ist, die Knochen des Skelettes mit einem pulvrigen Scharlachrot umhüllt. Man vermutet, dass der rote Ocker mit dem Blut der Lebenden gleichgesetzt wurde und den Toten für seine Familie somit unsterblich werden ließ. Unter und über dem Leichnam fand man zudem über 1500 Schmuckstücke, die aus Knochen angefertigt worden waren, wie auch durchlöcherte Eckzähne des arktischen Fuchses, die vermutlich einst auf einem Halsband aufgereiht den Toten schmückten. Zwei Dutzend Armbänder, aus Elfenbein gefertigt, und kleine Perlen aus dem gleichen Material waren in Form von Reihen auf die Lederbekleidung des Mannes genäht worden.

Der Unterschied der Grabbeigaben deutet zudem daraufhin, dass einige Mitglieder in den familiären Gruppen des Cro-Magnon-Menschen höheres Ansehen als andere genossen. Wir wissen jedoch nicht, ob sich die hohen Positionen der Eltern auf ihre Kinder übertrugen und somit bereits unterschiedliche Schichten in der Cro-Magnon-Gesellschaft vorhanden waren.

Durch die Fähigkeit des Homo sapiens, abstrakt und symbolisch zu denken, veränderte sich die Welt um ihn erheblich. Der technische und kulturelle Fortschritt führte schließlich zu neuen Erfindungen auf allen erdenklichen Gebieten:
Vor 26.000 Jahren gab es in Frankreich bereits domestizierte Wölfe, unsere Hunde.
Vor 17.000 Jahren benutzten die Einwohner der Kom Ombo Ebene, die sich ungefähr 5 km nördlich vom heutigen Assuan Staudamm befindet, bereits Steinsicheln und massive Mahlsteine zum Verarbeiten des geernteten Wildgetreides. Wir wissen jedoch nicht, ob sie aus dem gewonnenen Mehl schon Brote und aus dem Getreide vielleicht auch schon Bier herstellten.
Vor 15.000 Jahren wurden als neue Waffen der Pfeil und Bogen eingeführt.
Vor 12.000 Jahren stellte man in Japan die ersten Töpferwaren her.
Vor 11.000 Jahren wurden im Vorderen Orient als erste Tiere die Schafe domestiziert.
Vor 10.000 Jahren wurde die erste Stadt, Jericho, die 4 ha groß war und 2000 Einwohner aufwies, mit einer 1,8 m starken Verteidigungsmauer und einem 9 m hohen Turm versehen. In Persien wurde zur gleichen Zeit die Domestizierung der Ziegen unternommen, während im Vorderen Orient die Bewohner das erste Getreide, nämlich Weizen und Gerste, anbauten.
Vor 9000 Jahren erfand man im Vorderen Orient den Webstuhl und domestizierte die Rinder.
Vor 8000 Jahren verdrängte der Ackerbau allmählich die Jagd. In Mexiko wurde zu dieser Zeit bereits Mais angebaut. Vor 7000 Jahren begann die zweite große Kulturrevolution der Menschheit (die Erste fand vor 45.000 bis 35.000 Jahren unter den Cro-Magnon Menschen statt). Die Agrikultur bzw. der Ackerbau hatte sich endlich überall durchgesetzt und die Jäger-Sammler-Kultur weitgehend abgelöst. Die Agrikultur führte zur Sesshaftigkeit der Menschen, zur Gründung von Dörfern und schließlich Städten und zum Bau von riesigen Monumenten (Pyramiden, Stonehenge etc.), zur Bildung von großen Gesellschaften (die Sumerer, die Babylonier, die Perser, die Chinesen, die Ägypter ...), zur sozialen Ungleichheit unter den Menschen (Herrschende und Diener), zur Entwicklung der Schrift und zum Beginn der Klimaerwärmung. So setzte vor rund 8.200 Jahren eine Eisschmelze ein, die bis vor 7.000 Jahren währte und die nicht nur zu der in der Bibel erwähnten Sintflut, sondern zum Anstieg des gesamten Meeresspiegels um 120 m führte.
Vor 6000 Jahren benutzte man in Ägypten die ersten Segelboote, und im Reich der Sumerer entstanden die ersten Städte.
Vor 5500 Jahren baute man in Südamerika die ersten Kartoffeln und im Fernen Osten den ersten Reis an. In China begann man mit Seidenraupen zu arbeiten, und im Vorderen Orient stellte man die erste Bilderschrift zusammen. Das Mittelmeer wurde zudem von ägyptischen Handelsschiffen befahren.
Vor 5000 Jahren stellte man im Vorderen Orient die ersten Werkzeuge aus Bronze her. Außerdem entwickelte man hier den ersten Pflug. Die minoischen Seefahrer von Kreta wagten sich mit ihren Schiffen außerhalb des Mittelmeeres vor, und die Ägypter erstellten im Jahre 2769 v. Chr. den ersten Kalender.
Vor 4400 Jahren wurde im Reich der Sumerer die erste schriftliche Gesetzessammlung verfasst.
Vor 4000 Jahren domestizierte man im Tal des Indus die Hühner und die Elefanten, während in Zentralasien die Hirten die noch wilden Pferde zu zähmen und zu reiten begannen. Um diese Zeit herum wurde auch das Rad erfunden.
Vor 3600 Jahren wurde die 32 cm große Bronzescheibe, die mit ihren eingelegten Goldblechen einen "naturalistischen" Nachthimmel abbildet, in Sachsen erstellt. Wer mehr über die "Himmelsscheibe von Nebra" wissen möchte, sollte unbedingt folgenden Artikel: "Uwe Reichert: Der geschmiedete Himmel, S. 52-59, in: Spektrum der Wissenschaft November 2004" lesen und diese Webseite besuchen.
Vor 3400 Jahren verwendete man im Vorderen Orient zur Herstellung von Waffen und Werkzeugen bereits Eisen, und
vor 2900 Jahren entwickelten die Phönizier das moderne Alphabet, das mir schließlich ermöglicht, mit Ihnen mein Wissen über die Urzeit der Menschheit zu teilen.

eiszeitlicher Künstler
Abb. 26c: Eiszeitlicher Künstler, vor 27.000 Jahren

Lese-/Videotipps:

Folgende interessante Lese- und Videotipps bieten Ihnen die Möglichkeit noch tiefer in die Urzeit der Menschheit einzusteigen:

Weiterer Lesetipp von Torsten Kreutzfeldt:

  • Höhlenmalerei. Ein Handbuch. Von Michael Lorblanchet und Gerhard Bosinski (Herausgeber). Gebundene Ausgabe, 340 Seiten, Jan Thorbecke Verlag, Stuttgart, erschienen 2000, ISBN-Nr: 3799590250, Preis: Eur 34,00.

Besuchen Sie zudem folgende Webseiten, die sich mit den Kunstwerken unserer Vorfahren beschäftigen:
Lacaux – A visit to the cave (Höhlenmalerei, die Werke wurden zwischen 17.000 und 15.000 v. Chr. erstellt)
und
www.stoneage-art.de

Auch auf den anderen Kontinenten z.B. in Afrika können die Kunstwerke unserer Vorfahren bewundert werden wie die Felsgravierungen in Twyfelfontein (Abb. 27) und "Die weiße Dame von Brandberg" (Abb. 28) – beide Werke sind in Nambia zu finden.

die Felsgravierungen in Twyfelfontein in Nambia
Abb. 27: Felsgravierungen in Twyfelfontein in Nambia, die bis zu 6.000 Jahre alt sein können (Foto von Dr. Martin Lüerssen)
Die weiße Dame von Brandberg
Abb. 28: "Die weiße Dame von Brandberg", eine Zeichnung, die mindestens 2.000 Jahre alt ist (Foto von Dr. Martin Lüerssen)

Die Epochen der Urzeit lassen sich in die Altsteinzeit, die Mittelsteinzeit, die Jungsteinzeit, die ältere Bronzezeit, die jüngere Bronzezeit, die ältere Eisenzeit und die jüngere Eisenzeit einteilen. Die Altsteinzeit währte bis 8000 Jahre v. Chr., die Mittelsteinzeit bis 3500 Jahre v. Chr., die Jungsteinzeit bis 1700 Jahre v. Chr., die ältere Bronzezeit bis 1200 Jahre v. Chr., die jüngere Bronzesteinzeit bis 700 Jahre v. Chr., die ältere Eisenzeit bis 300 Jahre v. Chr. und die jüngere Eisenzeit bis zur Geburt Christi.

Einen sehr interessanten Einblick in die Steinzeit bietet die bereits oben erwähnte Sendung "Eine Zeitreise in die Steinzeit" vom SWR: Steinzeit – Das Experiment


Das Schlusswort soll Erich Kästner gehören:

Die Entwicklung der Menschheit:

Einst haben die Kerls auf den Bäumen gehockt,
behaart und mit böser Visage.
Dann hat man sie aus dem Urwald gelockt
und die Welt asphaltiert und aufgestockt,
bis zur dreißigsten Etage.

Da saßen sie nun, den Flöhen entflohn,
in zentralgeheizten Räumen.
Da sitzen sie nun am Telephon.
Und es herrscht noch genau derselbe Ton
wie seinerzeit auf den Bäumen.

Sie hören weit. Sie sehen fern.
Sie sind mit dem Weltall in Fühlung.
Sie putzen die Zähne. Sie atmen modern.
Die Erde ist ein gebildeter Stern
mit sehr viel Wasserspülung.

Sie schießen die Briefschaften durch ein Rohr.
Sie jagen und züchten Mikroben.
Sie versehn die Natur mit allem Komfort.
Sie fliegen steil in den Himmel empor
Und bleiben zwei Wochen oben.

Was ihre Verdauung übriglässt,
das verarbeiten sie zu Watte.
Sie spalten Atome. Sie heilen Inzest.
Und sie stellen durch Stiluntersuchungen fest,
dass Cäsar Plattfüße hatte.

So haben sie mit dem Kopf und dem Mund
den Fortschritt der Menschheit geschaffen.
Doch davon mal abgesehen und
bei Lichte betrachtet, sind sie im Grund
noch immer die alten Affen.