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07/08/2020

Margaret Lindsay of Evelick

Heirat aus Liebe

Im 21. Jahrhundert ist es mittlerweile eine Selbstverständlichkeit, wenn man denn überhaupt noch heiratet, dann mit Sicherheit nur aus Liebe. Aber das war in der Vergangenheit unserer Geschichte nicht der Fall. Gerade Mädchen und junge Frauen besaßen nicht das Recht, sich ihren Gatten selbst auszuwählen. Das taten die Väter, die Brüder, die Onkel oder die männlichen Vormunde. Schließlich war der Stand, dem der Bräutigam angehörte, sein Reichtum, seine politischen Verbindungen und seine Position in der Gesellschaft von eminenter Wichtigkeit. Wie er aussah, welche Charakterzüge er besaß, war nicht von Interesse. Und doch hielten sich nicht alle jungen Frauen und auch jungen Männer – die älteren Herren waren durch den Tod ihrer Väter nicht mehr gezwungen, Frauen zu ehelichen, die sie nicht mochten – an die gesellschaftlichen Verpflichtungen ihrer Zeit, nämlich auf keinen Fall unter ihrem Stande zu heiraten, wie zum Beispiel Margaret Lindsay of Evelick (Abb. 1).

Abb. 1: Margaret Lindsay of Evelick, ein Porträt von ihr, erstellt von ihrem Gatten, dem großen schottischen Maler Allan Ramsay, als sie ungefähr 23 bis 25 Jahre alt war, um 1758-1760 (Edinburgh, Scottish National Gallery)

Margaret Lindsay of Evelick, wie ihr Porträt zeigt, wurde um 1733 bis 1735 geboren. Sie war die ältere Tochter von Sir Alexander Lindsay of Evelick (1683-1762), dem dritten Baronet, und seiner Gattin Amelia Murray (um 1700-1774), einer Tochter von David Murray (1665-1731), dem fünften Viscount von Stormont, und Schwester von William Murray (1705-1793), dem ersten Grafen von Mansfield. Margaret hatte einen älteren Bruder, Sir David Lindsay (um 1732-1797), den zukünftigen vierten Baronet, und zwei jüngere Geschwister, die Zwillinge Katherine Lindsay (1737-1828) und John Lindsay (1737-1788), den zukünftigen königlichen Marineoffizier. Wie alle Töchter der oberen Stände, des höheren und des niederen Adels, wurde Margaret nicht nur im Sticken, Stricken und Nähen ausgebildet, sondern erhielt auch Unterricht in verschiedenen Sprachen, im Tanzen und – wie es seit dem Ende des 15. Jahrhunderts Tradition geworden war – im Malen (siehe: Sofonisba Anguisciola und ihre Schwestern). In Margarets Fall hatte sich ihr Vater als ihren Lehrer einen der besten Maler seiner Zeit ausgesucht: den schottischen Porträtmaler Allan Ramsay (1713-1784) (Abb. 2).

Abb. 2: Allan Ramsay (Selbstporträt) als junger Mann, um 1737-1740 (London, National Portrait Gallery)

Allan Ramsay war das erste Kind von Allan Ramsay (1686-1758) und seiner Gattin Christian Ross, die ihm insgesamt sechs Kinder schenken sollte. Er erblickte am 13. Oktober 1713 in Edinburgh das Licht der Welt. Sein Vater hatte seinen Lebensunterhalt zuerst als berühmter Perückenhersteller verdient, bis er sich dann voll seiner großen Leidenschaft, der Dichtkunst, hingab. Bei seinem Ältesten entdeckte er schon sehr früh das Talent des Malens und schrieb ihn daher im Oktober 1729, als dieser gerade 16 Jahre alt war, in der neu gegründeten Akademie des Heiligen Lukas in Edinburgh ein. Der Heilige Lukas ist übrigens der Schutzheilige der Maler.

Im Jahr 1736, also um die Zeit herum, als Margaret gerade geboren worden war, unternahm er seine erste große Reise nach Italien. Über Paris ging es nach Rom, wo er sogleich Kontakt mit dem dortigen berühmten Maler Francesco Imperiali (1679-1740) und dessen Schüler Pompeo Batoni (1708-1787) aufnahm. Im Sommer 1737 traf man ihn dann im Atelier des großen neapolitanischen Meisters Francesco Solimena (1657-1747) an. Nach Rom kehrte er erst am 1. Oktober 1737 zurück, und seine Familie sah ihn erst wieder, als er im Juni 1738 in London eintraf.

Schon vor seiner ersten Italienreise, also um 1736, wusste er, wer seine zukünftige Gattin werden sollte: eine gewisse Anne Bayne (Abb. 3), eine Tochter von Alexander Bayne of Logie (1685-1737), der Professor für Stadtrecht an der Universität von Edinburgh war, und dessen Gattin Mary Carstairs. Allan und Anne hatten sich versprochen, nach seiner Rückkehr aus Italien zu heiraten, was sie auch im Jahr 1739 taten.

Abb. 3: Anne Bayne, die erste Gattin von Allan Ramsay, um 1739-1742 (Edinburgh, Scottish National Portrait Gallery)
Abb. 4: Allan Ramsays erstes Kind, sein Sohn Allan, der bereits im Jahr 1741 verstarb und nicht einmal zwei Jahre alt wurde (die Kindersterblichkeit war auch im 18. Jahrhundert noch sehr hoch) (Glasgow Museums)

Sie führten eine glückliche, wenn auch sehr kurze Ehe, aus der drei Kinder hervorgingen: Allan (1740-1741) (Abb. 4), Bayne (1741-1748) und Anne (1743-1753). Allans erste Gattin, Anne Bayne, starb nämlich am 4. Februar 1743 an der Geburt ihres dritten Kindes, ihrer Tochter Anne.

Wann Allan Ramsay Margaret Lindsay of Evelick, seiner zukünftigen zweiten Gattin, zum ersten Mal begegnet war, wissen wir nicht. Vielleicht war er schon seit einigen Jahren Mallehrer der jungen Tochter von Sir Alexander Lindsay, bevor die beiden sich ineinander verliebten. Selbstverständlich fand dieser Unterricht stets unter den wachsamen Augen der Erzieherin oder Gouvernante von Margaret Lindsay of Evelick statt. Junge Mädchen bzw. junge Damen wurden nie allein mit Männern, egal welchen Alters, gelassen. Die Ehre des weiblichen Geschlechtes musste schließlich bewahrt werden.

Spätestens gegen Ende des Jahres 1751 geschah es jedoch. Allan und Margaret tauschten erst verliebte Blicke aus, berührten sich heimlich bei der Korrektur der Pinselführung und hatten dann ihren ersten Geschlechtsverkehr. Wir können sicher sein, dass die Gouvernante dem Liebespaar freie Minuten unter sich gegönnt hatte, was ihr hinterher ihre Stellung gekostet haben wird. Wer aber konnte dem charmanten, freundlichen, redebegabten und intelligenten Allan Ramsay – er beherrschte fünf fremde Sprachen, Latein, Französisch, Griechisch, Italienisch und Deutsch, perfekt – und der "süßen, liebenswürdigen, gesprächigen" Margaret Lindsay of Evelick auch widerstehen?

Abb. 5: Allan Ramsays Schwester Janet, 1749 (Ausschnitt) (Edinburgh, Scottish National Portrait Gallery)

Im Januar 1752 wurde Margaret jedoch bei diesen Liebesspielen schwanger, und den beiden blieb letztendlich nichts anderes übrig, als zu fliehen, heimlich zu heiraten und Margarets Eltern erst hinterher zu beichten, dass sie sich ohne deren ausdrückliche Erlaubnis am 1. März 1752 in Edinburgh vermählt hätten. Sir Alexander Lindsay of Evelick war empört. Wie konnte seine ältere Tochter ihm dies antun? Einen Mann unter ihrem Stande zu ehelichen, der sich sein Geld durch die Malerei verdienen musste, und der zudem noch finanziell für seine beiden Schwestern Janet (Abb. 5) und Catherine (Abb. 6) und seine neunjährige Tochter Anne zu sorgen hatte. Da halfen auch nicht Allan Ramsays Erklärungen, dass er Margaret nicht wegen ihres Geldes, sondern aus Liebe geheiratet hätte und dass er als mittlerweile sehr angesehener Maler finanziell sehr gut in der Lage wäre, für seine Liebsten zu sorgen. Im Gegenteil, Sir Alexander Lindsay of Evelick schloss seine Tochter Margaret fortan von der Familie aus und enterbte sie. Niemand aus der Familie sollte von nun an noch Kontakt mit ihr pflegen. Alle gehorchten, mit Ausnahme des jüngsten Bruders John, der ihr gegenüber bis zu ihrem Tod loyal blieb.

Am 14. Oktober 1752 brachte Margaret in London Zwillinge auf die Welt, die sie und ihr Gatte – immer noch auf eine Versöhnung mit ihren Eltern hoffend – nach jenen "Alexander und Amelia" nannten. Am 17. Oktober 1752 starben die Zwillinge jedoch bereits kurz nach ihrer Taufe. Gegen Ende des Jahres 1753 kehrten Margaret und ihr Gatte nach Edinburgh zurück. Allan Ramsay war mittlerweile beim niederen Adel als Porträtmaler sehr begehrt. Von Ende 1753 bis Juni 1754 gingen aus seiner Werkstatt mehr als 40 Porträts hervor. Im Februar 1754 wurde zudem Margarets nächstes Kind, ein weiterer Sohn geboren, den sie wieder nach ihrem Vater "Alexander" nannte.

Allan Ramsay hatte zu dieser Zeit bereits den Plan gefasst, erneut eine Reise in sein geliebtes Italien zu unternehmen. Im Juli 1754 brach er mit Margaret und seiner Schwester Catherine (Abb. 6) von London aus nach Italien auf. Sein erst fünf Monate alter Sohn Alexander blieb in der Obhut seiner Schwester Janet in Schottland zurück. Margaret sollte ihn nie wiedersehen. Er starb bereits am 22. Juni 1755. Auch ihrem dritten Kind war keine lange Lebenszeit beschert worden.

Abb. 6: Allan Ramsays Schwester Catherine, 1758-1760 (New Haven, Yale University, Yale Center for British Art, Paul Mellon Collection)

Anfang Oktober 1754 trafen Margaret, ihr Gatte und dessen Schwester Catherine, schließlich in Florenz ein. Von Mitte Dezember 1754 bis Ende April 1757 nannten sie Rom ihr Zuhause. Hier brachte Margaret im März 1755 ihr viertes Kind, eine Tochter auf die Welt, die sie nach ihrer Mutter "Amelia" nannte. Von Rom aus wurde im Frühling 1756 ein kurzer Abstecher nach Neapel unternommen. Schließlich verbrachte man noch einmal von Mai bis Anfang Juni 1757 einige Wochen in Florenz, bevor man sich über Venedig, Düsseldorf und Rotterdam zurück in die Heimat begab. Im August 1757 kehrte man schließlich mit der zweijährigen Amelia nach London zurück, wo man ein neues Haus an der Soho Square 31 bezog, in dem in Zukunft Margarets Porträt (Abb. 1) bewundert werden konnte und in dem sie drei weitere Töchter, Elizabeth († 1762), geboren am 9. November 1758, Frances († 1765) (Abb. 7), geboren am 16. Februar 1760, und Grizelda († 1761), geboren am 19. Juli 1761, gebar, die bereits kurz nach der Geburt oder als kleine Mädchen starben.

Abb. 7: Frances Ramsay (oder ihre Schwester Charlotte), um 1765 oder um 1770 (auf keinen Fall der zukünftige englische König Georg IV. als Kind) (Edinburgh, National Galleries of Scotland)

Am 6. Mai 1762 starb Margarets Vater, der nie zu einer Aussöhnung mit seiner Tochter und seinem Schwiegersohn bereit war, obwohl Letzterer im Dezember 1761 von George III. (Abb. 8) – seit Oktober 1760 der neue König von England – zu einem seiner Königlichen Hauptmaler erhoben worden war und der nun in seiner Werkstatt die unzähligen Kopien der Krönungsporträts des englischen Königspaares, George III. und seiner Gattin Charlotte (Abb. 9), deren Originale ebenfalls von ihm erstellt worden waren, anzufertigen hatte. Wie übrigens auch der mailändische Hofmaler Leonardo da Vinci in seiner Werkstatt unzählige Kopien des ersten Porträts der neuen mailändischen Herzogin Isabella von Aragon (1470-1524) (Abb. 10), das ebenfalls aus seinen Händen stammte, zu erstellen hatte (deshalb gibt es auch heute noch so viele "Mona Lisas"!).

Abb. 8: Das Krönungsporträt des englischen Königs George III. (eine der vielen Kopien) (Edinburgh, Scottish National Portrait Gallery)
Abb. 9: Das Krönungsporträt der englischen Königin Charlotte (Kassel, Schloss Wilhelmshöhe)
Abb. 10: Das erste Porträt der mailändischen Herzogin Isabella von Aragon (heute unter dem Titel "Mona Lisa" bekannt), erstellt von ihrem Lieblingshofmaler Leonardo da Vinci, 1489 (eines der vielen Kopien des Originals) (Paris, Louvre)

Allan Ramsay stieg zudem bereits in kürzester Zeit zum Liebling des englischen Königs auf, mit dem er sich sehr gut verstand. Auch die Königin Charlotte war sehr angetan von ihm, konnte sie sich mit ihm doch in ihrer Muttersprache, Deutsch, unterhalten. Im Jahr 1765 brachte Margaret (Abb. 11) ihr achtes Kind auf die Welt, erneut eine Tochter, die nach der englischen Königin Charlotte genannt wurde. Dieses Kind erwies sich im Gegensatz zu vielen seiner Geschwister als kräftig und gesund und sollte das Erwachsenenalter erreichen. Noch in diesem Jahr, in den Monaten September und Oktober 1765, unternahm Allan Ramsay mit seiner Gattin Margaret und seiner mittlerweile 10-jährigen Tochter Amelia, seinem Liebling, eine kurze Reise nach Paris und Genf. Die kleine Charlotte blieb bei ihren Tanten Janet und Catherine zurück.

Abb. 11: Margaret Lindsay of Evelick, um 1763-65 (Edinburgh, National Gallery of Scotland.)

Im März 1767 wurde Margarets Gatte nach dem Tod von John Shackleton zum Ersten Maler des englischen Königs George III. erhoben. Mit diesem großen gesellschaftlichen Aufstieg kam ein erneuter Umzug hinzu. Margarets und Allans neues Zuhause stellte nun eine Residenz in der Harley Street Nr. 67 dar. Im Sommer 1767 begab Allan Ramsay sich noch nach Schottland, um dort die Renovierung und den Umbau eines seiner Besitztümer zu überprüfen, in dem nun seine Schwiegermutter lebte. Amelia Murray, Margarets Mutter, hatte sich nach dem Tod ihres Gatten im Jahr 1762 mit ihrer Tochter und ihrem Schwiegersohn, die sich nun um sie kümmerten, ausgesöhnt. Am 14. Juni 1768 brachte Margaret ihr letztes Kind, einen Sohn, auf die Welt, der den Namen John nach ihrem Lieblingsbruder erhielt.

Am 15. März 1773 fand man schließlich auch einen Gatten für Margarets jüngere Schwester Katherine, den schottischen Richter und Politiker Alexander Murray (1736-1795), Lord Henderland, den sie an diesem Tag heiratete und dem sie zwei Söhne schenken sollte. Um diese Zeit herum fiel Allan Ramsay von einer Leiter herunter und verletzte sich sehr schwer am rechten Arm. Da keine vollständige Heilung in Aussicht stand, beschloss er, mit der Malerei aufzuhören. Wie Leonardo da Vinci war er ein Perfektionist. Im Sommer brach er mit seiner Gattin und seiner ältesten Tochter Amelia nach Schottland auf, um seiner Schwiegermutter, die sich seit einiger Zeit körperlich unwohl fühlte, einen Besuch abzustatten. Während Margaret (Abb. 12) und Amelia bei ihrer Mutter bzw. Großmutter blieben, begleiteten Allan und seine Schwester Janet eine gewisse Rachel Hamilton im September und Oktober 1773 nach Genf, wo Letztere ihre Schwester, eine gewisse Lady Stanhope, besuchen wollte, die durch einen Sturz nicht mehr fähig war zu gehen. Im Februar 1774 starb Margarets Mutter. Und im Jahr 1775 wünschte sich Allan Ramsay, noch einmal mit seiner Gattin und seiner Lieblingstochter Amelia (Abb. 13) nach Italien zu reisen. So verließen sie im August 1775 London und begaben sich über Paris nach Rom. Den Juli und August 1776 verbrachten sie auf der Insel Ischia und den Sommer 1777 als Gäste des Grafen Orsini in dessen Palast in Licenza. Im Oktober 1777 kehrte man wieder nach London und den beiden in England verbliebenen Kindern, der mittlerweile 12-jährigen Charlotte und dem neunjährigen John, zurück.

Abb. 12: Margaret Lindsay of Evelick, 1776 (Edinburgh, National Gallery of Scotland.)
Abb. 13: Amelia Ramsay, der Liebling ihrer Eltern, 1776 (Edinburgh, National Gallery of Scotland)

Am 8. Juli 1779 erlebte Margaret noch die Hochzeit ihrer mittlerweile 24-jährigen Tochter Amelia mit, die die Gattin des 39-jährigen britischen Armeeoffiziers Archibald Campbell of Inverneil (1739-1793) wurde. Amelia, die als eine ausgesprochene Schönheit galt, brachte ihrem Gatten eine Mitgift von £4,000 in ihre Ehe mit. Im Sommer 1780 machte Letztere sich mit ihrer 15-jährigen Schwester Charlotte nach Jamaika auf, wo ihr Gatte stationiert war und wo er 1781 oder 1782 zum Gouverneur aufsteigen sollte. Margaret sollte ihre beiden Töchter nicht wiedersehen, denn sie starb bereits am 4. März 1782 im Alter von ungefähr 47 bis 49 Jahren.

Nach ihrem Tod brach ihr Gatte Allan Ramsay mit seinem 14-jährigen Sohn John im September 1782 noch einmal von London nach Rom auf, in dem er im Dezember eintraf. Drei Monate verbrachten die beiden im Frühling 1783 in Neapel und besuchten schließlich noch Pompeji und Florenz. Im Sommer 1784 erfuhr Allan Ramsay von der baldigen Rückkehr seiner beiden Töchter Amelia und Charlotte von Jamaika und beschloss sogleich, ihnen nach London vorauszueilen. Jedoch wurde die Rückreise zu viel für ihn. Er starb schon bald nach der Landung in Dover am 10. August 1784. Sein mittlerweile 16-jähriger Sohn John schlug wie sein Onkel John Lindsay und sein Schwager Archibald Campbell die militärische Laufbahn ein und stieg bis zum Generalmajor auf. Er blieb unverheiratet und starb im Jahr 1845 in Genf.

Amelia begleitete ihren Gatten Archibald Campbell, der am 30. September 1781 zum Ritter geschlagen wurde, im Oktober des gleichen Jahres nach Madras (heute: Chennai, Indien), wo er erneut als Gouverneur tätig war. Aus gesundheitlichen Gründen hatte sich ihr Gatte jedoch im Jahr 1789 mit ihr nach England zurückzubegeben. Er starb bereits am 31. März 1791. Aus ihrer Ehe waren keine Kinder hervorgegangen. Auf Madras hatte sich Amelia sehr für die Erziehung und für die Gesundheit der dortigen englischen Kinder eingesetzt. Sie hatte im Jahr 1787 z. B. das militärische weibliche Waisenheim errichtet. Amelia starb um den 14. Juli 1813. Margarets Tochter Charlotte heiratete am 1. Februar 1787 den Oberstleutnant Henry Malcolm († 1834), der auch in Indien stationiert war. Ihre Ehe blieb ebenfalls kinderlos, und sie starb um den 5. Januar 1837.

Margarets Lieblingsbruder John Lindsay, der am 4. Juni 1788, sechs Jahre nach ihr, starb, hatte am 19. September 1768 Mary, die Tochter von Sir William Milner, geehelicht. Aus seiner Ehe waren ebenfalls keine Kinder hervorgegangen, er hatte jedoch drei uneheliche Kinder, die ihm drei verschiedene Frauen geboren hatten, zwei Töchter und einen Sohn. Am bekanntesten war seine erste Tochter, die ihm eine versklavte Afrikanerin namens Maria Belle auf den westindischen Inseln geboren hatte. Sie erblickte im Jahr 1761 das Licht der Welt und erhielt den Namen Dido Elizabeth Belle. Alle Kinder, die aus standesungleichen Ehen hervorgingen, erbten, wenn man ihre Herkunft kannte, den Stand des Elternteiles, der den niederen aufwies. Das heißt, Johns Tochter war eine Sklavin und gehörte dem Sklavenbesitzer ihrer Mutter. Ihr Vater hatte sie also loszukaufen, bevor er sie nach England bringen konnte, wo er sie schließlich bei seinem Onkel William Murray, dem ersten Grafen von Mansfield und jüngeren Bruder seiner Mutter, aufwachsen ließ. William Murray und seine Gattin Elizabeth Finch hatten selbst keine Kinder. Neben Belle (Abb. 14) nahmen sie noch die Tochter seines Neffen David Murray (1727-1796), Elizabeth Murray (1760-1825), nach dem Tod ihrer Mutter Henriette Frederike von Bünau im Jahr 1766 bei sich auf. Belle lebte letztendlich 30 Jahre lang bei ihren Pflegeeltern. Als William Murray am 20. März 1793 verstarb, bedachte er Belle mit einer großen Summe und einer großzügigen Jahresrente in seinem Testament. Das interessante Leben von Belle, die am 5. Dezember 1793 den Franzosen John Davinier, einen Verwalter bei einem Höfling, heiratete, mit dem sie mindestens drei Söhne hatte, die Zwillinge Charles und John, getauft am 8. Mai 1795, und den Sohn William Thomas, getauft am 26. Januar 1802, und die bereits im Juli 1804 verstarb, wurde im Jahr 2013 zur Produktion eines Spielfilmes, "Belle", verwandt, der sich jedoch selten an die überlieferten Wahrheiten gehalten hat. Belle wurde z. B. von ihrem leiblichen Vater im Gegensatz zu ihren ebenfalls illegitimen Halbgeschwistern in seinem Testament nicht erwähnt und erhielt von ihm keine finanzielle Unterstützung, um fortan unabhängig leben zu können.Trotzdem gewährt der Film einen schönen Einblick in eine für uns fremde Zeit.

Abb. 14: Dido Elizabeth Belle (links), eine Nichte von Margaret Lindsay of Evelick, und Elizabeth Murray (rechts), die beiden Pflegekinder von William Murray, dem ersten Grafen von Mansfield (Schottland, Perthshire, Scone Palace)
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