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01/06/2026

Maike Vogt-Lüerssen: Diana (oder Diane) de Poitiers (1499/1500-1566)

Die "mütterliche Freundin" und nicht Hauptmätresse des französischen Königs Heinrich II. (1519-1559)

„Die wahrliche Wahrheit ist einfach, doch paradoxerweise ist sie deshalb vielen Menschen suspekt.“ (Unbekannter Verfasser)

Unsere Geschichte ist gefüllt mit Gerüchten und Lügen. Die Wahrheit hat es sehr schwer, Letztere zu vertreiben, denn leider begnügen sich auch viele Historiker damit, die von der Gesellschaft über Jahrhunderte akzeptierten Gerüchte und Lügen in ihren Büchern zu übernehmen, anstatt sich die zeitgenössischen Quellen über die Personen, über die sie schreiben möchten, noch einmal gründlich anzuschauen. War Diana de Poitiers (Abb. 1) wirklich die Geliebte des französischen Königs Heinrich II.? Jede ältere Frau fühlt sich selbstverständlich geschmeichelt zu lesen, dass es Diana de Poitiers gelungen war, als 36-Jährige von einem 17-jährigen Prinzen begehrt worden zu sein. Und selbstverständlich kann es nur durch die sexuelle Beziehung, die diese beiden hatten, Letzterer möglich gewesen sein, solch einen großen Einfluss auf den jungen König bis zu seinem Tod im Jahr 1559 ausgeübt zu haben. Denn nur auf diese Art und Weise hätte sie die mächtigste und reichste Frau Frankreichs werden können. Nur naive Menschen würden so etwas doch leugnen.

Abb. 1: Diana de Poitiers (1499/1500-1566)

Lassen Sie mich deshalb diese „naive“ Person sein, denn die Behauptung, dass Diana de Poitiers die Hauptmätresse oder Favoritin des französischen Königs Heinrich II. gewesen sei, findet keine Unterstützung in den zeitgenössischen Quellen des 16. Jahrhunderts, weder in den schriftlichen Unterlagen von Diana de Poitiers, noch in denen von Heinrich II., seiner Gattin Katharina de’ Medici oder irgendeiner Person, die diesen drei nahestanden. Selbst auf der deutschen Wikipedia liest man: „Wegen des Altersunterschiedes von rund 19 Jahren zwischen dem jungen Heinrich und seiner älteren Mätresse ist die Beziehung bis heute Ziel von Spekulationen. Obwohl Diana nach dem Tod ihres Mannes Louis de Brézé ein ruhiges Leben als wohlhabende Witwe in der Provinz hätte führen können, kehrte sie aus nicht abschließend geklärten Gründen an den französischen Hof zurück. Sie umsorgte Heinrich, organisierte sein Liebesleben und war unanfechtbarer Mittelpunkt des Hofes. Erst als Heinrich starb, verließ sie den Hof und zog sich auf ihre Güter zurück.“

Was dachten eigentlich die Zeitgenossen über die Beziehung zwischen der älteren Diana de Poitiers und dem jungen Prinzen, der im Jahr 1547 den französischen Königsstuhl besteigen sollte? Im Gegensatz zu den Menschen der darauf folgenden Jahrhunderte, also des 17. bis 20. Jahrhunderts, und besonders unserer heutigen Zeit sahen sie in Diana de Poitiers nur die Gouvernante des Prinzen Heinrich, die es geschafft hatte, völlige Kontrolle über ihn zu gewinnen und daher in der Lage war, seine politischen Handlungen zu beeinflussen: „Tatsächlich war die Öffentlichkeit noch lange davon überzeugt, sie [Diana de Poitiers] sei lediglich die Gouvernante des Dauphins, die ihm mit Rat und Tat zur Seite stand und sein uneingeschränktes Vertrauen besaß.“ (in: Helga Thoma: „Madame, meine teure Geliebte …“ - Die Mätressen der französischen Könige, Wien 1996, S. 21). Außerdem schmückte Diana de Poitiers sich selbst nie mit dem Titel „Hauptmätresse des Königs Heinrich II.“. (in: Catherine Charlotte Jackson: The Court of France in the Sixteenth Century, 1514-1559, Vol. II, New York 1886, p. 193). Versuchen wir daher erst einmal zu verstehen, wer Diana de Poitiers und wer Heinrich II. von Frankreich (Abb. 2) waren, bevor wir uns mit ihrer speziellen Beziehung zueinander beschäftigen.

Abb. 2: Heinrich II. (oder Henri II.) (1519-1559), König von Frankreich von 1547 bis 1559

Diana de Poitiers stammte aus einer alten und in Frankreich sehr angesehenen Familie. Ihr Vater war Jean de Poitiers (1475-1539), Seigneur de Saint-Vallier und Vicomte d’Estoile, und ihre Mutter, dessen erste Gattin, Jeanne de Batarnay, die seit dem 4. März 1489 miteinander verheiratet waren. Fünf Kinder gingen aus ihrer Ehe hervor, zwei Söhne und drei Töchter. Unter Letzteren befand sich Diana. Ihr genaues Geburtsdatum ist nicht bekannt. Sie erblickte das Licht der Welt entweder am 3. September 1499 oder am 31. Dezember 1499 oder am 9. Januar 1500. Aber wir kennen ihr Todesdatum. Sie starb am 22. April 1566, vermutlich an den Folgen eines schweren Reitunfalls, der sich im Jahr 1564 ereignet hatte. „... Dianes Kindheit liegt in geheimnisvollem Dunkel, sie verrät nur, daß ihr Vater sie seit ihrem sechsten Lebensjahr mit auf die Jagd nahm und damit sehr wahrscheinlich den Grundstein für ihre unerschütterliche Gesundheit und so lange konservierte Schönheit legte, denn seither steht sie stets ‚mit dem Tag’ auf, nimmt kalte Bäder und begibt sich dann auf einen langen Ausritt, wobei sie den zarten Teint zeitgemäß mit einer schwarzen Velourmaske vor der Sonne und peitschenden Zweigen schützt, denn sie reitet sehr forciert.“ (in: Sylvia Jurewitz-Freischmidt: Die Herrinnen der Loire Schlösser – Königinnen und Mätressen um den Lilienthron, Gernsbach 1996, S. 203-204).

Abb. 3: Claude von Frankreich (1499-1524), die erste Gattin des französischen Königs Franz I.

Bereits im Alter von sechs Jahren verlor Diana ihre Mutter. Ihre weitere Erziehung wurde von der sehr geschätzten und respektierten Anna von Frankreich (1461-1522), der Gräfin von Beaujeu und Herzogin von Bourbon, übernommen. Sie war die ältere Tochter des französischen Königs Ludwig XI. (1423-1483) und die ältere Schwester des französischen Königs Karl VIII. (1470-1498). Unter ihrer Obhut wuchsen auch Margarete von Österreich (1480-1530), die einzige legitime Tochter des Kaisers Maximilian I., und Louise von Savoyen (1476-1531), die Mutter des französischen Königs Franz I. (1494-1547), auf, die als hervorragende Politikerinnen des 16. Jahrhunderts in die Geschichte eingehen sollten. Diana konnte sich keine bessere Lehrerin in ihrem Leben wünschen. „Von Anne de Beaujeu [= Anna von Frankreich] übernimmt das junge Mädchen deren Maximen: ‚Sei unbeugsam … hüte Dich, eine Sünderin zu sein … in allen Dingen: … Wähle den Mittelwert.’ Sie übernimmt aber auch deren Leidenschaft für die Politik.“ (in: Sylvia Jurewitz-Freischmidt: Die Herrinnen der Loire Schlösser – Königinnen und Mätressen um den Lilienthron, ebenda, S. 203-204).

Als Claude von Frankreich (1499-1524) (Abb. 3), die ältere Tochter des französischen Königs Ludwig XII. (1462-1515), am 13. Mai 1514 Franz I., den Sohn von Louise von Savoyen, heiratete, wurde Diana schließlich, wie von einer Tochter aus angesehenem Hause zu erwarten war, Hofdame der jungen Prinzessin und zukünftigen Königin. Claude von Frankreich ist übrigens die Mutter des zukünftigen französischen Königs Heinrich II. Ein Jahr später wurde Diana selbst zur Braut. Denn am 29. März 1515 verheiratete ihr Vater sie mit dem 56-jährigen Louis de Brézé (um 1459-1531) (Abb. 4), dem Grafen von Maulévrier, der sich zudem Erster Kammerherr und Großjägermeister des französischen Königs Franz I., Kapitän von Rouen und seit 1490 Großseneschall der Normandie nennen durfte. Diana war seine zweite Gattin. Seine erste Gattin war eine gewisse Katharina von Dreux oder Catherine de Dreux gewesen. Aus seiner ersten Ehe schienen keine Kinder hervorgegangen zu sein. Diana schenkte ihm zwei Töchter: 1. Françoise, geboren im Jahr 1517 und gestorben am 14. Oktober 1557 - sie heiratete am 19. Januar 1538 Robert IV. de La Marck, den Herzog von Bouillon; und 2. Louise, geboren im Jahr 1519, gestorben im Januar 1577 - sie heiratete am 1. Januar 1547 Claude II. von Lothringen-Guise (1526-1573), den zukünftigen Herzog von Aumale.

Abb. 4: Louis de Brézé (um 1459-1531), der Gatte von Diana de Poitiers
Abb. 5: Diana de Poitiers ließ sich wegen ihrer großen Freude am Reiten und an der Jagd in ihren Porträts und Skulpturen sehr gern als die römische Göttin Diana wiedergeben, die nicht nur als die Göttin der Jagd, sondern auch als die Göttin der Keuschheit und Jungfräulichkeit in der antiken Welt verehrt worden war

Die ersten Jahre in ihrer Ehe verbrachte Diana, wenn sie als Hofdame von Claude von Frankreich nicht am königlichen Hofe benötigt wurde, auf dem Schloss Anet in der Normandie. Trotz des großen Altersunterschiedes von fast vierzig Jahren führten Diana und ihr Gatte, wie wir ihren Briefen entnehmen können, eine außergewöhnlich harmonische Ehe. Sie hatte Sehnsucht nach ihrem alten Gatten, wenn er nicht bei ihr sein konnte. Dabei beschrieben ihre Zeitgenossen ihren Gatten nicht gerade mit schmeichelnden Worten. Er galt als ausgesprochen hässlich, besaß einen Buckel, war bäuerlich-abstoßend, überempfindlich, ständig unzufrieden und nörgelnd, aber er war von königlichem Blute. Denn seine Mutter war eine legitimierte Tochter des französischen Königs Karl VII. und seiner Geliebten Agnes Sorel. Von seinem königlichen Großvater hatte er auch die große, hässliche Nase der Valois geerbt. „Das gemeinsame Leben mit Louis de Brézé über 16 Jahre hindurch prägte Diane entscheidend hinsichtlich ihrer geistigen Entwicklung. Ihr kluger und erfahrener Gemahl weckte in ihr den Sinn für Politik, Macht und Kalkül. Von ihm lernte sie Selbstbeherrschung und überlegtes Handeln. Ruhm und Reichtum für seine Familie zu erlangen war Brézés oberste Maxime. Und Diane war eine gute Schülerin – sie sollte es darin noch zur Perfektion bringen.“ (in: Helga Thoma: „Madame, meine teure Geliebte …“ - Die Mätressen der französischen Könige, ebenda, S. 12).

Louis de Brézé konnte sehr stolz auf seine junge Gattin sein. Sie war schlank, rotblond, eine großartige und furchtlose Reiterin und Jägerin (Abb. 5), sehr ehrgeizig, sehr stolz, kühl und distanziert, willensstark, berechnend, realistisch und praktisch. Sie zeigte nicht die geringste Spur von Bescheidenheit und Zurückhaltung, galt als erzkatholisch, autoritär, habgierig, erzkonservativ-reaktionär, tugendsam und sittenstreng. Ihre Zeitgenossen hielten sie „nicht eigentlich schön von Angesicht.“ „Ihr Mund ist stets etwas verkniffen, und der Gesamteindruck ihrer sehr ebenmäßigen Züge ist nicht liebreizend, sondern kalt. Als vollkommen gilt aber allgemein ihr Körperbau.“ (in: Sylvia Jurewitz-Freischmidt: Die Herrinnen der Loire Schlösser – Königinnen und Mätressen um den Lilienthron, ebenda, S. 213-214). Aber man erzählte auch Folgendes über sie: „Wenn es um Geld ging, kannte die schöne Diane weder Skrupel noch Mitleid.“ (in: Helga Thoma: „Madame, meine teure Geliebte …“ - Die Mätressen der französischen Könige, ebenda, S. 29).

Abb. 6: König Franz I. von Frankreich (1494-1547), der hier dem Heiligen Johannes dem Täufer sein Antlitz lieh

Dianas Gatte war sehr loyal und sehr pflichtbewusst gegenüber seinem König Franz I. (Abb. 6) und erzählte ihm daher von der Verschwörung von Karl II., dem Herzog von Bourbon und Schwiegersohn von Anna von Frankreich, der sich von Franz I. ab- und dessen Erzfeind, dem Kaiser Karl V., zuwenden wollte. Was Louis de Brézé jedoch nicht wusste, war, dass sein Schwiegervater, Dianas Vater, Jean de Poitiers, ein Bündnispartner von Karl II. von Bourbon gewesen war. Jean de Poitiers wurde deshalb im Jahr 1524 des Hochverrats angeklagt und zum Tode verurteilt. Als er im Jahr 1526 hingerichtet werden sollte und bereits auf dem Schafott stand, begnadigte ihn überraschenderweise der französische König, weil Louis de Brézé jenen flehentlich darum gebeten hatte. Seine Güter wurden ihm außerdem zurückgegeben, aber er hatte fortan unter Hausarrest in der Festung Loches zu leben, in der er im Jahr 1539 verstarb.

Abb. 7: Heinrich II., der Herzog von Orléans, im Alter von ungefähr vier oder fünf Jahren

Heinrich II. (Abb. 7), der zukünftige König von Frankreich, war das vierte Kind der französischen Königin Claude und ihres Gatten Franz I. Er erblickte das Licht der Welt am 28. Februar 1519 und besaß vier Schwestern und zwei Brüder. Als er geboren wurde, war die älteste Schwester Louise (1515-1518) bereits verstorben. Seine Brüder waren Franz (1517-1536) und Karl (1522-1545), der Lieblingssohn seines Vaters. Diana de Poitiers war ihm als eine der Hofdamen seiner Mutter von Geburt an bekannt. Als Claude von Frankreich bereits am 20. Juli 1524 starb, verlor Heinrich II. seine Mutter und Diana ihre Position am Hofe. Daher kehrte sie zu ihrem Gatten in die Normandie zurück.

Aber Heinrich hatte in seiner Kindheit nicht nur seine geliebte Mutter verloren, sondern hatte zwei Jahre später im Alter von sieben Jahren zusammen mit seinem älteren achtjährigen Bruder Franz Frankreich zu verlassen und sich als Geisel für seinen Vater nach Spanien zu begeben. Franz I. hatte nämlich im Jahr 1525 in der Schlacht von Pavia nicht nur eine vernichtende Niederlage gegenüber seinem Erzfeind, dem Kaiser Karl V., erlitten, sondern war auch noch gefangengenommen und nach Spanien überführt worden. Für seine Freilassung forderte Karl V. als Ersatz dessen beiden ältere Söhne. Heinrich und sein Bruder Franz wurden somit am 15. März 1526 in Bayonne gegen ihren Vater eingetauscht. Ihre Großmutter Louise von Savoyen hatte diesen Austausch organisiert und ihre Enkelkinder selbst nach Bayonne gebracht. In ihrem Gefolge befand sich auch Diana de Poitiers, die sich in dieser schwierigen Zeit um den kleinen Heinrich kümmerte, „der dankbar ihre mütterliche Zuneigung annahm.“ (in: Helga Thoma: „Madame, meine teure Geliebte …“ - Die Mätressen der französischen Könige, ebenda, S. 16). Oder wie wir es beim französischen Historiker René Guerdan anlässlich der Übergabe der Prinzen lesen: „Ein Trompetensignal. Auf dem französischen Ufer (der Bidassoa) neigt sich eine Dame, um dem kleinen Herzog von Orléans, einem ‚träumerischen’ Kind mit empfindsamem Gemüt, einen letzten Kuß zu geben. Ihre Zärtlichkeit wird nicht vergessen, denn die Dame ist Diane de Poitiers, das Kind der spätere Heinrich II. Die Barke stößt ab.“ (in: René Guerdan: Franz I. König der Renaissance, Paris 1976, S. 217).

Abb. 8: Diana de Poitiers, die Schmuck über alles liebte

Die beiden Prinzen hatten vier Jahre lang auf ihre Freilassung zu warten. „Den weitaus größten Teil dieser Zeit … verbrachten die beiden Königssöhne – da man Flucht- oder Befreiungsversuche unmöglich machen wollte –, unter teilweise ungünstigen, wenn nicht unwürdigen Bedingungen in mehreren kastilischen Festungen. Die mit dieser Gefangenschaft verbundene Demütigung hat Heinrich niemals vergessen und Karl V. als ihrem Urheber immer unauslöschlichen Haß entgegengebracht.“ (in: Französische Könige und Kaiser der Neuzeit - Von Ludwig XII. bis Napoleon 1498-1870, München 1994, S. 74). Sie kamen erst durch die Zahlung eines enorm hohen Lösegelds wieder frei und weil ihr Vater bereit war, die älteste Schwester des Kaisers, die verwitwete portugiesische Königin Eleonore von Österreich, Burgund und Spanien, zu heiraten.

Heinrich und sein älterer Bruder Franz hatte die Gefangenschaft sehr verändert. Im Gegensatz zu ihrem jüngsten Bruder Karl, der bei seinem Vater hatte bleiben dürfen und der als charmant, fröhlich und verschwendungssüchtig beschrieben wurde, galt der Dauphin Franz von nun an als „düster und bizarr“, mied, wenn er konnte, Gesellschaft und lebhafte Unterhaltung, trank keinen Wein und lächelte nur noch selten. Sein Rückzugsgebiet war die Wissenschaft geworden. Heinrich beschrieb man hingegen von nun an als verschlossen, unzugänglich, kontaktscheu, unsicher, willensschwach, sehr introvertiert, schwermütig, schweigsam, schwerfällig, melancholisch, leicht beleidigt, aber auch als ungeduldig, ungestüm, mürrisch, unnachgiebig und zuweilen sogar als aggressiv und brutal. Sein Rückzugsgebiet war der Sport geworden. Er war sehr sportlich, ein hervorragender Schwertkämpfer, und wie Diana de Poitiers liebte er das Reiten und die Jagd und den Luxus über alles. Er galt als der „schönste“ Sohn des französischen Königs, war von großer Statur, gut gebaut, sehr muskulös, aber seine intellektuellen Fähigkeiten waren mäßig. Er soll jedoch ein ausgezeichnetes Gedächtnis besessen haben und konnte sich außer in seiner Muttersprache auch in Spanisch, Italienisch und Latein unterhalten. Er liebte zudem außer der Jagd und dem Reiten noch die Musik und das Schlittschuhlaufen. Gegenüber Menschen, denen er vertraute, konnte er tiefe Zuneigung empfinden. Wen er zu seinem Freund erklärt hatte, der blieb es auch sein Leben lang.

Abb. 9: Diana de Poitiers als Witwe, die auf Schmuck und modische Raffinessen nicht verzichten wollte

Franz I. machte sich Sorgen um diesen schwermütigen und sehr introvertierten Sohn und bestimmte Diana de Poitiers, zu der Heinrich sich schon als kleiner Junge hingezogen gefühlt hatte, zu seiner Gouvernante. Obwohl jener mit mittlerweile 11 Jahren eigentlich nach alter Tradition in jeder adligen Familie einem männlichen Erzieher unterstellt hätte werden müssen. Letztendlich sollte Heinrich in seinem Leben nur drei Menschen vertrauen: Diana de Poitiers, seiner zukünftigen Gattin Katharina de' Medici (1519-1589) und Anne de Montmorency (um 1493-1567), dem Marschall von Frankreich, der der einflussreichste Berater seines Vaters und ein enger Freund von Dianas Gatten Louis de Brézé war. „Der Prinz dankte es den beiden [Diana de Poitiers und Anne de Montmorency] mit leidenschaftlicher Liebe und tiefem Vertrauen und unterwarf sich mit der Zeit fast uneingeschränkt ihrem Willen.“ (in: Helga Thoma: „Madame, meine teure Geliebte …“ - Die Mätressen der französischen Könige, ebenda, S. 18). Diana sah sich selbst als „eine mütterliche Freundin“ des Prinzen Heinrich. (in: Catherine Charlotte Jackson: The Court of France in the Sixteenth Century, 1514-1559, Vol. II, id., pp. 196/296).

Am 23. Juli 1531 verlor Diana ihren Gatten, der im Alter von 72 Jahren verstarb. Er bedeutete ihr sehr viel, und sie wollte daher nach seinem Tod nicht noch einmal heiraten. So legte sie die Witwenkleidung bis zu ihrem eigenen Tod nicht mehr ab. Aber nach den üblichen neun bis zwölf Monaten Trauerzeit für eine Witwe, in der sie nur schwarze (oder nur weiße) Kleidung tragen und keinen Schmuck anlegen durfte, fing sie nach einem Jahr wieder an, sich mit kostbaren Schmuckstücken zu verzieren, was einer wirklich trauernden Frau nicht anstand (Abb. 9). Mit der Kleidung wollte sie vermutlich den Männern in ihrer Umgebung nur zeigen, dass sie nicht mehr gewillt war, noch einmal zu heiraten. Ihre Lebensaufgabe sah sie fortan in der politischen und seelischen Unterstützung ihres „Schützlings bzw. Ersatzsohnes“ Heinrich, für den sie nun stets zur Verfügung stehen wollte. „Diane liebte ihren Schützling [Heinrich] mit mütterlicher Zärtlichkeit. … niemand hätte gewagt, der Seneschallin [Diana de Poitiers] auch nur im entferntesten etwas Unschickliches zu unterstellen. Sie war über jeden Zweifel erhaben. Dafür sorgte sie mit ihrem betont kühlen und distanzierten Verhalten. Ihr Lebenswandel war stets tadellos und entsprach dem einer würdigen Witwe und Gouvernante. Damit stand sie in krassem Gegensatz zum frivolen Treiben am französischen Hof, so daß manch späterer Geschichtsschreiber sie als gefühlskalt und frigide bezeichnete. Mit ihrer Kleidung unterstrich sie noch ihr Aussehen als unnahbare und in jeder Hinsicht unantastbare große Dame.“ (in: Helga Thoma: „Madame, meine teure Geliebte …“ - Die Mätressen der französischen Könige, ebenda, S. 19-20). Daher konnte der Unterschied zwischen ihr und Anne de Pisselieu (1508-1580), Madame d’Étampes, der Hauptmätresse des französischen Königs Franz I., nicht größer sein: „… Diane beschuldigt Anne unzähliger Liebschaften und Anne Diane der Hexerei [aber nicht irgendeiner Liebschaft!] …“ (in: Sylvia Jurewitz-Freischmidt: Die Herrinnen der Loire Schlösser – Königinnen und Mätressen um den Lilienthron, ebenda, S. 218).

Die Liebe und Zuneigung, die Diana de Poitiers für Heinrich empfing, übertrug sie auch auf seine zukünftige Gattin Katharina de’ Medici (1519-1589). Der Heiratsvertrag zwischen den beiden war bereits am 24. April 1530 unterzeichnet worden. Am 28. Oktober 1533 hatte Katharinas Großonkel und Vormund, Papst Clemens VII., die Trauungszeremonie selbst vollzogen. „In einer energischen und autoritären Art nahm die ‚Seneschallin’, wie sie [Diana de Poitiers] allgemein genannt wurde, auch die kleine Prinzessin [Katharina de’ Medici] unter ihre Fittiche und dirigierte von nun an den Haushalt des jungen Ehepaares. … Der Haushalt des Thronfolgepaares war eine klassische ménage à trois, an deren Spitze die Seneschallin stand, die alles dirigierte und kontrollierte … Mit wahrhaft mütterlicher Fürsorge widmete sie sich seinen [den legitimen und illegitimen] Kindern. Sie entschied über die Wahl der Ammen und Erzieher.“ (in: Helga Thoma: „Madame, meine teure Geliebte …“ - Die Mätressen der französischen Könige, ebenda, S. 19/23). Sie kümmerte sich nicht nur um die zehn legitimen Kinder, sondern zumindest auch um Heinrichs illegitime Tochter Diana (1538-1619) (Abb. 10), die aus seiner Liebesbeziehung mit einer gewissen Filippa Duci (1520-1586) hervorgegangen war. Heinrichs drei uns bekannten Mätressen waren übrigens allesamt jünger als er. Von zwei weiteren Mätressen hatte er noch zwei illegitime Söhne bekommen, von einer gewissen Lady Jane Stewart (1520-1563), genannt La Belle Ecossaise, den Sohn Henri d’Angoulême (1551-1586) und von einer gewissen Nicole de Savigny (1535-1590) den Sohn Henri de Saint-Rémy (1557-1621).

Abb. 10: Die Hochzeit von Diana (in der vorderen Reihe links), der unehelichen Tochter des französischen Königs Heinrich II. (in der Mitte zwischen dem Brautpaar), und Orazio Farnese (1532-1553) (rechts) am 14. Februar 1553

Katharina de’ Medici, die von ihrem Gatten, den sie über alles liebte, wusste, welche wichtige Rolle Diana de Poitiers in seinem Leben spielte, war laut der zeitgenössischen Quellen stets respektvoll und freundlich zu Letzterer. Wenn Katharina krank wurde – was nicht selten geschah –, wurde sie ebenfalls von der Ersatzmutter ihres Gatten gepflegt: „When Catherine [de’ Medici] had an illness threatening to be dangerous, Diana was unremitting in her attentions to her.“ (in: Catherine Charlotte Jackson: The Court of France in the Sixteenth Century, 1514-1559. Vol. II, id., p. 204). Diana de Poitiers war auch diejenige, die Heinrich des Öfteren daran erinnerte, seine Gattin sexuell nicht zu vernachlässigen. Und Heinrich folgte ihrer Anweisung sehr gern. Schließlich gingen 10 Kinder, geboren in den Jahren von 1544 bis 1556, aus ihrer ehelichen Beziehung hervor. Heinrich schien seine Katharina ebenfalls geliebt zu haben. Aber in jeder Liebesbeziehung gibt es immer einen Partner, der den anderen mehr liebt, als er zurückgeliebt wird. Und in diesem Fall war es Katharina, die nach seinem Tod ihre Witwenkleidung (im Gegensatz zu Diana de Poitiers) nie wieder ablegte und sich niemals mehr mit Schmuckstücken dekorierte (Abb. 11). Auf seinem letzten Turnier am 30. Juni 1559 sagte Heinrich II. vor allen Anwesenden schließlich auch Folgendes zu ihr: „Aber Madame [Katharina de’ Medici], nur für Sie kämpfe ich doch!“ Auf diesem Turnier zog er sich eine sehr schwere Verletzung am Auge und Gehirn zu, an der er schließlich am 10. Juli 1559 sterben sollte. In den letzten zehn Tagen in seinem Leben verlangte Heinrich "seltsamerweise nicht ein einziges Mal nach seiner stolzen Jägerin [Diana de Poitiers].“ (in: Sylvia Jurewitz-Freischmidt: Die Herrinnen der Loire Schlösser – Königinnen und Mätressen um den Lilienthron, ebenda, S. 260/263).

Abb. 11: Katharina de' Medici als Witwe

Das Leben von Heinrich, Katharina de’ Medici und Diana de Poitiers änderte sich im Jahr 1536 einschneidend. Heinrichs älterer Bruder, der Dauphin Franz, hatte sich auf einer Inspektionsreise mit seinem Vater, dem französischen König Franz I., eine Krankheit zugezogen, an der er am 15. August 1536 sterben sollte. Hiermit stieg Heinrich zum nächsten Dauphin und Nachfolger seines Vaters auf. Seit 1536 bis zu seinem Tod im Jahr 1559 lesen wir nun in sämtlichen Biografien über ihn und Diana de Poitiers, dass er sich fortan in der Öffentlichkeit mit den Farben „Schwarz und Weiß“ seiner „Hauptmätresse Diana de Poitiers“ gezeigt hätte wie z. B. bei der Biografin Helga Thoma: „Wie immer trug er [Heinrich II.] die Farben seiner Dame, Schwarz und Weiß.“ (in: Helga Thoma: „Madame, meine teure Geliebte …“ - Die Mätressen der französischen Könige, ebenda, S. 41) oder beim Biografen Jean Orieux: „Der Zweikampf, den Katharina so ängstlich erwartete, fand am 30. Juni 1559 statt. Es war sehr heiß an diesem Tag. Der König ritt in die Stechbahn und grüßte die Damen auf der Tribüne. Er trug einen schwarz-weißen Federbusch, sein Pferd desgleichen: die Farben seiner Dame. Und seine Dame saß auf der Tribüne an dem für sie vorgesehenen Ehrenplatz, wie sie einst nun schon über fünfundzwanzig [falsch: dreiundzwanzig] Jahren auf der Tribüne gesessen hatte, als sich Heinrich, ein Knabe noch, zum ersten Mal mit ihren Farben auf dem Kampfplatz zeigte.“ (in: Jean Orieux: Katharina von Medici oder Die schwarze Königin – Biographie. Paris 1985 (5. Auflage), S. 202).

Ich hoffe, dass keiner meiner Leser und Leserinnen so naiv ist zu glauben, Heinrich hätte sich seit 1536 in der Öffentlichkeit in den Farben des Trauergewands von Diana de Poitiers gezeigt. Die speziellen Farben, mit denen sich der Adel in der Öffentlichkeit und auf seinen Porträtgemälden darstellte, beruhen stets auf den persönlichen Wappen ihrer Mitglieder. Diana de Poitiers besaß aber erst im Jahr 1548 die Farben „Schwarz und Weiß“ in ihrem neuen Wappen, das sie anlässlich ihrer Erhebung zur Herzogin von Valentinois erhielt. Heinrich II. hatte sich jedoch bereits seit 1536 in den Farben „Schwarz und Weiß“ gezeigt, weil er nämlich durch den Tod seines Bruders Franz nicht nur der nächste Dauphin, sondern auch der nächste Herzog von der Bretagne geworden war. Mit letzterem Titel durften sich übrigens weder sein Vater, der französische König Franz I., noch sein Großvater, der französische König Ludwig XII., schmücken. Nur seine Großmutter, Anna de Bretagne (1476-1514), die Erbtochter des letzten Herzogs von der Bretagne, Franz II., seine Mutter, Claude von Frankreich, sein älterer Bruder Franz und er durften sich noch Herzöge und Herzoginnen von der Bretagne nennen. Erst durch Heinrich wurde das Herzogtum von der Bretagne bei seiner Krönung im Jahr 1547 fester Bestandteil des französischen Königreiches. Und wie das Wappen der Bretagne aussah, zeigt uns seine Großmutter Anna de Bretagne auf folgender Altartafel (Abb.12).

Abb. 12: Anna de Bretagne (die Person im Hintergrund in der Mitte) mit ihrem spezifischen Wappen als Herzogin von der Bretagne auf der Flagge, den schwarzen Hermelinschwänzen auf weißem Hintergrund (damit sie jeder identifizieren kann!), als der Heiligen Ursula mit ihrem zweiten Gatten (links von ihr), dem französischen König Ludwig XII., als der Heiligen Anna, ihrer jüngeren Tochter Renée (rechts von ihr) als der Heiligen Margarete von Antiochia und ihrer älteren Tochter Claude (vor ihr in kniender und in betender Position)

Schließlich wurde Diana de Poitiers nach dem Tod des französischen Königs Franz I. am 31. März 1547 und der Krönung ihres „Schützlings und Ersatzsohnes“ Heinrich II. am 25. Juli 1547 die mächtigste und reichste Frau im französischen Königreich. Im Jahr 1547 berichtete ein Gesandter des Herzogs von Ferrara, Reggio und Modena seinem Herrn, Ercole II. d’Este, dass Heinrich II. mindestens ein Drittel des Tages in der Gesellschaft von Diana de Poitiers verbringe und sie bei allen wichtigen Entscheidungen um Rat frage. Ja, die italienischen Gesandten waren in der gesamten Renaissance bei der Verbreitung von Gerüchten unschlagbar. Das angeblich sexuelle Verhältnis zwischen Heinrich II. und Diana de Poitiers wurde übrigens zum ersten Mal von den venezianischen Gesandten in die Welt gesetzt: „… on the authority of those gossiping Venetian ambassadors“. (in: Catherine Charlotte Jackson: The Court of France in the Sixteenth Century, 1514-1559. Vol. II, id., p. 202). Heinrich brauchte die selbstbewusste und starke Diana de Poitiers an seiner Seite. „Sie [Diana de Poitiers] hatte Einblick in sämtliche Staatsgeschäfte, das Finanzwesen und die Justiz des Landes, so daß sie bald eine Schlüsselposition innehatte. … Diane hatte engen Kontakt zu den bedeutendsten Persönlichkeiten des In- und Auslandes, sie verhandelte mit Botschaftern und Ministern und korrespondierte direkt mit dem Papst. Sie setzte sich natürlich für ihre Freunde [u. a. die Guisen] und Verwandten ein, verschaffte ihnen hohe Ämter und Ländereien und ließ ihnen Vergünstigungen zukommen.“ (in: Helga Thoma: „Madame, meine teure Geliebte …“ - Die Mätressen der französischen Könige, ebenda, S. 30). Und dafür waren jene auch bereit, Gegenleistung zu bringen. So konnte Dianas zweite Tochter Louise in die mächtige Dynastie der Guisen einheiraten.

Denn im Gegensatz zum Vater von Heinrich II., Franz I., und Anne de Montmorency, dem Marschall von Frankreich, war Diana de Poitiers von den Guisen, den ewigen Konkurrenten der Valois, begeistert. „Trotz eines Versprechens, das Heinrich seinem verstorbenen Vater gegeben hatte – nämlich die Lothringer [die Guisen] vom Kronrat fernzuhalten –, lenkten diese alsbald die Geschicke des Landes.“ (in: Helga Thoma: „Madame, meine teure Geliebte …“ - Die Mätressen der französischen Könige, ebenda, S. 27-28). „Wenn Henri [Heinrich II.] (als König) seine Angebetete [Diana de Poitiers] ‚besucht’ – und sie verbringen täglich bis zu acht Stunden miteinander – bespricht er zunächst die Staatsaffären mit ihr. Selbst ausländische Gesandte finden die Sorglosigkeit erstaunlich, mit der Henri seiner Göttin in Regierungsgeschäften freie Hand läßt. Außerdem finden sie es schlimm, daß der neue König so gar keine Diskretion wahrt. Selbst wenn die Königin [Katharina de’ Medici] anwesend ist und er dazu kommt, läßt er unverzüglich nach Diane schicken.“ (in: Sylvia Jurewitz-Freischmidt: Die Herrinnen der Loire Schlösser – Königinnen und Mätressen um den Lilienthron, ebenda, S. 239). Wir, die nun wissen, dass Diana nicht die Hauptmätresse, sondern die „mütterliche Freundin“ von Heinrich II. war, sind jetzt nicht mehr, wie die ausländischen Gesandten, über die Dreistigkeit des Königs schockiert, in Anwesenheit seiner Gattin Diana de Poitiers zu sich rufen zu lassen.

Aber die erzkatholische, erzkonservative und sittenstrenge Diana de Poitiers mischte fortan nicht nur in der Politik mit. Sie änderte auch das Zeremoniell am französischen Königshof: „Die rigorose Tugend der trauertragenden Sünderin läßt nicht länger zu, daß so frivole Personen in ihrer heiligmäßigen Umgebung leben und lieben. Die Anwesenheit von Herren beim Lever oder gar Coucher der Damen mit den bislang üblichen kleinen Handreichungen ist ab sofort strikt untersagt. Selbst die Königin erhält nur noch vier, natürlich von Diane ausgewählte Hofdamen. Ihrem Naturell entsprechend wählt sie nur die tugendsamsten, ernsthaftesten, langweiligsten und sehr wahrscheinlich häßlichsten aus.“ (in: Sylvia Jurewitz-Freischmidt: Die Herrinnen der Loire Schlösser – Königinnen und Mätressen um den Lilienthron, ebenda, S. 238).

Die Guisen benötigten sie schon bald nicht mehr, um „das Ohr“ des französischen Königs Heinrich II. zu finden. Sie konnten ihn schließlich dazu überreden, seinen ältesten Sohn Franz II. mit der jungen schottischen Königin Maria Stuart zu verheiraten, obwohl Katharina de’ Medici und Diana de Poitiers gegen diese Heirat waren: „Catherine de’ Medici was greatly opposed to it, and pressed the king to consider the youth and ill health of the dauphin. Madame Diana supported her objections … But the Guises no longer paid homage to her [Diana de Poitiers]; believing from the position they had gained and their power in the State they were too strong to need her support, or, except for form’s sake, that of Henry himself.“ (in: Catherine Charlotte Jackson: The Court of France in the Sixteenth Century, 1514-1559. Vol. II, id., pp. 355-356).

Nach dem Tod ihres Schützlings Heinrich II. im Juli 1559 zog sich Diana de Poitiers endgültig nach Anet zurück. Hier widmete sie sich fortan der Wohltätigkeit und versah viele mittellose Mädchen in ihrer Herrschaft mit einer Mitgift, damit jene heiraten konnten.

Zu guter Letzt müssen wir nun noch über das berühmte Monogramm sprechen, dass sich entweder aus einem H und zwei Ds oder aus einem H und zwei Cs zusammensetzt. In den Biografien über Diana de Poitiers lesen wir Folgendes: „Die Krönungsfeierlichkeiten zu Reims am 25. Juli 1547 wurden zu einer der prunkvollsten Zeremonien, die die Monarchie je gesehen hatte. Heinrich trug einen neuen Krönungsmantel aus blauem Satin, bestickt mit den goldenen Lilien der französischen Könige und verbrämt mit seinem aus Perlen gestickten Monogramm, dem H mit den beiden verschlungenen Mondsicheln, die gleichzeitig zwei D formten. … Nach seiner Inthronisation bereiste Heinrich in Begleitung seiner Gemahlin und seiner Mätresse Frankreich. … Auf Stadttoren, Fahnen und Gewändern prangte Heinrichs zweideutig-eindeutiges Emblem ...“ (in: Helga Thoma: „Madame, meine teure Geliebte …“ - Die Mätressen der französischen Könige. Wien 1996, S. 28). Und: „Nur sehr Wohlmeinende können auf die Idee kommen, es handele sich … um ein doppeltes, in ein ‚H’ eingeschriebenes ,C’.“ (in: Sylvia Jurewitz-Freischmidt: Die Herrinnen der Loire Schlösser – Königinnen und Mätressen um den Lilienthron. Gernsbach 1996, S. 243). Und: „Auch ließ er sich ein neues Monogramm anfertigen, das für einige Verwirrung sorgte. Um seine Initiale, das H, schlangen sich zwei Mondsicheln, Symbol der Jagd- und Mondgöttin Diana, die gleichzeitig zwei einander überkreuzende D bildeten. Nur wenige Naive hielten sie für zwei C, für Cathérine; die meisten lasen Heinrichs Monogramm als eine Hommage an seine große Liebe.“ (in: Helga Thoma: „Madame, meine teure Geliebte …“ - Die Mätressen der französischen Könige. Wien 1996, S. 21).

Was für ein Unsinn!!! Heinrich II. soll auf seinem neuen Krönungsmantel aus blauem Satin, bestickt mit den goldenen Lilien der französischen Könige, also dem spezifischen Symbol des französischen Königshauses, zusätzlich noch das mit Perlen bestickte Monogramm mit den Buchstaben H und D getragen haben? Was für ein unverzeihlicher Affront wäre das gegenüber der Königin gewesen! Wie naiv bzw. dumm muss man eigentlich sein, so etwas zu glauben und auch noch zu verbreiten!

Schauen wir uns daher dieses Monogramm einmal ganz genau an. Am Kaminsims im Schloss von Chenonceau (Abb. 13) finden wir abwechselnd den mit der königlichen Krone versehenen Buchstaben H und die zwei mit der königlichen Krone versehenen Cs. In der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts war es beliebt, den Buchstaben C zweimal darzustellen, einmal richtig herum geschrieben und einmal spiegelverkehrt. Hohe adlige Damen schmückten sich im 15. und 16. Jahrhundert zudem gern mit den Initialen ihrer Gatten wie z. B. Suzanne de Bourbon (1491-1521), die Herzogin von Bourbon, mit C II (für Charles II. oder Karl II. von Bourbon) oder Maria Tudor senior (1496-1533) (Abb. 14), die Lieblingsschwester des englischen Königs Heinrich VIII., mit dem B (für „Brandon“; Charles Brandon, ihrem dritten Gatten) oder mit einer Kombination aus ihren eigenen Initialen und die ihrer Gatten wie z. B. Anna Boleyn (1507-1536) mit den Initialen H (für Heinrich VIII.) und A (für Anna) (Abb. 15). Nebenbei bemerkt, Anna Boleyn benutzte nie den Buchstaben B zu ihrer Identifizierung. Das B steht bei den Tudors stets für "Brandon", den dritten Gatten von Maria Tudor senior.

Abb. 13: Der mit der königlichen Krone versehene Buchstabe H auf der linken Seite und die zwei mit der königlichen Krone versehenen Cs auf der rechten Seite
Abb. 14: Maria Tudor senior mit ihrer Kette mit dem B für "Brandon", ihrem dritten Gatten Charles Brandon, dem Herzog von Suffolk, anlässlich ihrer Hochzeit mit ihm im Februar 1515
Abb. 15: Anna Boleyn mit ihrer spezifischen Kette mit den Initialen H und A

Wenn wir nun die beiden „Cs“ mit dem „H“ überlappen, finden wir das Monogramm, das Heinrichs Krönungsmantel schmückte (Abb. 16). Mit diesem Monogramm, dem spezifischen Symbol für Heinrich und Katharina de’ Medici, ließ besonders Letztere sich auf ihren Porträts darstellen, damit wir sie auf diesen leicht identifizieren können (Abb. 17 und Abb. 18). Im Porträt (Abb. 18), in dem sich Katharina de’ Medici zusammen mit ihrem Gatten darstellen ließ, finden wir das Monogramm nicht nur an ihrer Halskette, sondern auch auf dem Untergewand, das den Ausschnitt des Obergewandes füllt. Die Farben Rot und Weiß sind mit Absicht gewählt worden. Katharina de’ Medici stammte aus Florenz. Und das Wappen von Florenz zeigt eine rote Lilie auf weißem Hintergrund.

Abb. 16: Das Monogramm von Heinrich II. und Katharina oder Catherine de' Medici im Schloss von Blois
Abb. 17: Katharina de' Medici mit ihrem Monogramm (oben rechts) zu ihrer leichteren Identifizierung
Abb. 18: Heinrich II. und Katharina de' Medici, erneut mit ihrem Monogramm

Das Porträtgemälde von Katharina de’ Medici und ihrem Gatten Heinrich II. stellt übrigens das Zentrum einer bildlichen Stammtafel dar (Abb. 19), auf der außer diesen beiden auch Heinrichs Eltern, Franz I. und Claude von Frankreich, und seine Kinder mit ihren Ehepartnern (mit Ausnahme der Tochter Marguerite) verewigt wurden. Oben in der Mitte dieser bildlichen Stammtafel finden Sie erneut zwei rote „Cs“, die für Katharina de’ Medici stehen, und zwei schwarze „Cs“, die ein spezifisches Symbol ihrer Schwiegermutter Claude (Abb. 3), der Königin von Frankreich und Herzogin von der Bretagne, gewesen sind: das schwarze C auf weißem Hintergrund (nach den Farben des Wappens von der Bretagne). Sie ließ sich hier auch in ihren spezifischen Farben "Schwarz und Weiß" darstellen. Denn es handelt sich hierbei nicht um die Kleidung einer Witwe. Erstens war Claude von Frankreich nie Witwe. Sie starb 22 Jahre vor ihrem Gatten. Zweitens trägt sie Schmuck, eine Kette, in ihrem Porträt, was einer Witwe nicht erlaubt war.

Abb. 19: Katharina de' Medici und ihr Gatte, der französische König Heinrich II., (im Zentrum) mit ihrem ältesten Sohn Franz II. und seiner Gattin Maria Stuart (oben links) und ihrem Schwiegervater, dem französischen König Franz I., und seiner Gattin Claude (oben rechts), ihrem Sohn Heinrich III. und seiner Gattin, der blonden Louise de Vaudémont (Mitte links), ihrem Sohn Karl IX. und seiner Gattin Elisabeth von Österreich (Mitte rechts), ihrer Schwägerin Marguerite von Frankreich (unten links), Herzogin von Savoyen, der jüngsten Schwester von Heinrich II., ihrem Schwiegersohn, Herzog Karl II. von Lothringen, mit seiner Gattin Claude, der zweiten Tochter von Katharina de' Medici, Katharinas Sohn Hercules-Franz und ihrer ältesten Tochter Elisabeth, der Königin von Spanien (unten von links nach rechts). Auf dieser bildlichen Stammtafel fehlen Katharinas jüngste Tochter Marguerite und deren Gatte Heinrich IV., König von Navarra, die uns hierdurch einen Anhalt geben, wann die Endfassung dieser kleinen Porträtsammlung erstellt worden ist: zwischen 1585 und 1589

Vermutlich werden einige meiner Leser und Leserinnen nun einwerfen, dass sie am Grabmal von Diana de Poitiers im Schloss von Anet das Monogramm entdeckt hätten, das nur Katharina de’ Medici zugewiesen werden kann. Wieso ist es dort zu finden? Die Grablage von Diana de Poitiers wurde samt dem Schloss in der französischen Revolution im Jahr 1795 fast vollständig zerstört. Auch ihre sterblichen Überreste wurden, wie es mit sämtlichen Königen und Königinnen in Frankreich geschah, entfernt und in ein Massengrab geworfen. Erst in der Mitte des 19. Jahrhunderts wurde ihr Schloss wieder aufgebaut. Mittlerweile war das obige Monogramm bereits fälschlicherweise Diana de Poitiers zugeschrieben und daher als symbolischer Zusatz für sie verwendet worden. Ihre sterblichen Überreste hatte man 2009 dank des wissenschaftlichen Fortschritts in der Genforschung gefunden und in dem neuen (alten) Grabmal im Jahr 2010 beigesetzt.

Und jetzt noch die Frage: Hatte Diana de Poitiers außer ihrem spezifischen Symbol, den drei schwarzen, ineinander verschlungenen Halbmonden auf weißem Hintergrund, das sie seit 1548 verwenden durfte, auch ein Symbol mit ihrer Initiale „D“ verwendet? Von ihrem Schloss war nach dessen fast völligen Demolierung und Plünderung nicht sehr viel übrig geblieben, aber die Mauer um das Schloss war nicht völlig zerstört worden. Und hier finden wir in der Tat zwei „Ds“ (einander zugewandt), die mit zwei Mondsicheln verbunden sind (Abb. 20). Es fehlt nur der Querstrich vom Buchstaben „H“.

Abb. 20: Diana de Poitiers und ihr Symbol mit der Initiale D

„Nichts ist verblüffender als die einfache Wahrheit, nichts ist exotischer als unsere Umwelt, nichts ist fantasievoller als die Sachlichkeit.“ – Egon Erwin Kisch

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