kleio Logo

Frohe Weihnachten / Merry Christmas

Eine wunderschöne Adventszeit, ein frohes Weihnachtsfest und einen guten Rutsch ins Neue Jahr 2023 wünscht Ihnen, meine lieben Leser und Leserinnen, Ihre Maike Vogt-Lüerssen von Downunder.

Möge das nächste Jahr Ihnen Gesundheit und viel Liebe schenken. Ganz besonders möchte ich mich bei denjenigen bedanken, die meine Bücher und E-Books gekauft haben und mir damit ermöglichen, meiner großen Leidenschaft, der Geschichte, weiterhin nachgehen zu können.

Weblog

26/06/2022

Esther Fritsch (1887-1970)

Eine außergewöhnliche Frau aus dem Riverland in Südaustralien

Esther Fritsch wurde am 29. April 1887 in Dutton in Südaustralien als Esther Antonie Noack geboren. Sie war das fünfte von neun Kindern von August Noack (1851-1928) und Anna Maria Gutsche (1858-1941), die von deutschen Eltern abstammten und in Südaustralien geboren worden waren. Esther besuchte das angesehene Concordia College und dann die Universität von Adelaide, in der sie ihr Studium mit dem „Bachelor of Arts degree“ abschloss. Im Jahr 1922 wurde sie der erste Lehrer in Wunkar, einem kleinen Ort in der Nähe von Loxton.

Im Jahr 1924 heiratete sie dann ihre große Liebe, Wilhelm Paul Fritsch, kurz „Willy“ genannt, der im Jahr 1895 in Deutschland geboren worden war und 1914 nach Australien ausgewandert war, um dem Ersten Weltkrieg zu entgehen. Australien betrachtete in dieser Zeit jedoch jeden Deutschen, auch wenn seine Familie schon seit vielen Jahren in Australien lebte, als „Erzfeind“, und Willy musste daher die nächsten vier Jahre in einem Konzentrationslager auf Torrens Island verbringen. Als er endlich entlassen wurde, arbeitete er zuerst als Hilfskraft auf einer Farm in New Residence, ebenfalls einem kleinen Ort in der Nähe von Loxton. 1920 half er dann beim Bau des Dingo-Zaunes, der ungefähr 404.000 Hektar Farmland bezüglich seiner Schafe vor den Dingos schützen sollte.

Als Esther ihren Willy heiratete, bedeutete es für sie, dass sie ihren Lehrerberuf aufgeben musste. Eine Lehrerin musste unverheiratet bleiben oder ihren Beruf verlassen. Sie kaufte sich von ihrem ersparten Geld ein Stück Land in New Residence und legte dort zusammen mit ihrem Gatten einen großen Gemüse- und Obstgarten an und züchtete Schweine, die sie wie das Gemüse und das Obst zum Verkauf anbot. Willy und Esther verkauften ihre Produkte nicht nur direkt vor ihrem Grundstück, sondern boten jenes auch in entfernt entlegenen Plätzen an. Die letztere Tätigkeit wurde ganz allein von Esther übernommen, zuerst mit Hilfe eines Pferdes und eines Wagens, dann mit Hilfe eines Ford Model T und schließlich mit der Hilfe eines kleinen grauen Fordlasters, der letztendlich mit einem größeren Fordlaster ersetzt wurde. Esther war, wie jeder ihrer Zeitgenossen wusste, „der Mann“ in ihrem Haus. Als beim Ausbruch des Zweiten Weltkrieges das Benzin knapp wurde, gehörte Esther auch zu den Ersten, die ihren Laster umbauen ließ, um ihn mit Gas zu betreiben.

Im Jahr 1926 hatte sie ihr einziges Kind, ihre Tochter Ethel Irmgard († 2021), zur Welt gebracht. Sie war zu dieser Zeit bereits 39 Jahre alt. Kurz nach der Geburt ihres Kindes trat sie in New Residence für drei Jahre wieder in den Lehrerberuf zurück – es herrschte Lehrermangel, und dann machte man auch einmal eine Ausnahme von der strikten Regel, dass Frauen, die heirateten, eigentlich ihren Lehrerberuf für immer aufgeben mussten. Das Geld wurde schließlich in der Familie Fritsch dringend benötigt, und die kleine Ethel wurde in einem Körbchen stets mit zur Schule genommen. Ethel blieb nicht das einzige Kind von Esther und Willy, denn als im Jahr 1928 eine Nachbarin von ihnen die Geburt ihres achten oder neunten Kindes nicht überlebte, nahmen sie zwei von deren Kindern, Betty und Marjory, bei sich auf und zogen sie als ihre Kinder groß.

Esther Fritsch mit ihrem Gatten Willy, ihrer Tochter Ethel (rechts) und ihren zwei Pflegetöchtern Marjory (links) und Betty (in der Mitte im Hintergrund)

Esthers und Willys Geschäft mit dem Verkauf von Obst, Gemüse und Schweinen lief so gut, dass sie sich schließlich auch ein Steinhaus leisten konnten, nachdem sie sich zu Beginn ihrer Ehe zuerst mit einem Zelt und dann mit einem vorgefertigten „Eisenhaus“, in dem es im Sommer unerträglich heiß und im Winter unerträglich kalt war, hatten zufriedengeben müssen. Esther sah man jede Woche von New Residence nach Adelaide fahren, um ihre Produkte zu verkaufen und um nötige Lebensmittel für sich, ihre Familie und die Bewohner von New Residence und Umgebung zu erwerben. Begleitet wurde sie hierbei stets von ihrer Tochter Ethel, die bereits mit 14 Jahren die Erlaubnis erhielt, ihren Führerschein zu erwerben. Ja, Esther hatte es zu einer angesehenen Persönlichkeit im Riverland gebracht. In den 1940er Jahren sah man sie, die „Mama“ Fritsch, an den Samstagabenden in ihrem für sie reservierten Sitz im Kino von Loxton. Und sie erschien stets in Hosen. Sie war ihrer Zeit, was das weibliche Geschlecht betraf, weit voraus. 1961 verließen Esther und Willy New Residence und ließen sich in Milang nieder, wo Letzterer im Jahr 1969 starb. Esther folgte ihm sieben Monate später, da sie den Lebenswillen ohne ihren „Willy“ verloren hatte. Diese interessanten Informationen habe ich bei einem Besuch in dem „Loxton Historical Village“ in Loxton erfahren, das sie, wenn sie in Südaustralien sind, unbedingt auch einmal besuchen sollten.

Ein Blick in ein Eisenhaus („Nissen Hut“ in Australien genannt) im Loxton Historical Village