Im Jahr 2002 arbeitete ich an der Biografie über Margarete von Österreich (1480-1530) (Abb. 1), der einzigen legitimen Tochter des Kaisers Maximilian I. und einer der großen Politikerinnen des 15. und 16. Jahrhunderts, und ich befand mich in unseren drei großen Universitätsbibliotheken in Adelaide, Südaustralien, auf der Suche nach Bildnissen von ihr. Und ich hatte Erfolg. Es gibt so viele Porträts von ihr. Aber es sind ihr von den Kunsthistorikern auch Porträts zugeschrieben worden, die nicht sie, sondern ihre Schwägerin Johanna die Wahnsinnige (1479-1555), Herzogin von Burgund und Königin von Kastilien, oder Anna Weller von Molsdorf, die heimliche, morganatische Gemahlin des sächsischen Kurfürsten Friedrich III. des Weisen, wiedergeben.
Mittlerweile bin ich mir ziemlich sicher, dass viele Kunsthistoriker an Prosopagnosie leiden, das heißt, Gesichter nicht erkennen und unterscheiden können. So fand ich nämlich in einer unserer Bibliotheken erneut ein Porträt (Abb. 2), das wieder einmal Margarete von Österreich darstellen sollte. Ich brauchte nur einen Blick auf dieses Bildnis zu werfen und wusste sofort, dass die Kunsthistoriker schon wieder einen Fehler bei der Identifizierung einer Unbekannten gemacht hatten. Aber im Gegensatz zu den Kunsthistorikern kann ich als Historikerin nicht einfach nur behaupten, dass es sich bei der Dargestellten nicht um Margarete von Österreich handelt. Ich muss es beweisen. Und in diesem Fall hatte ich das Glück oder den glücklichen Zufall auf meiner Seite.
Sie wissen vielleicht, was der berühmte Albert Schweitzer (1875-1965) über den Zufall dachte: „Der Zufall ist das Pseudonym, das der liebe Gott wählt, wenn er inkognito bleiben will.“ Denn eine Woche zuvor hatte ich mich sehr intensiv mit dem französischen Herzogshaus der Bourbonen beschäftigt, da Margarete von Österreich hier ihre Kindheit und Jugendzeit verbracht hatte. Margarete war nämlich bereits im Alter von nur drei Jahren von Burgund, ihrer Heimat, nach Frankreich zu ihrem ersten Gatten, dem französischen Thronfolger Karl VIII. (1470-1498), geschickt worden, um bei dessen älteren Schwester Anna von Frankreich (1461-1522) und deren Gatten Pierre II. de Beaujeu (1439-1503), dem zukünftigen Herzog von Bourbon, die ihre Ersatzeltern wurden, aufzuwachsen und unterrichtet zu werden. Eines der wichtigsten spezifischen Symbole der Bourbonen war eine Muschel, mit der sich die Stammmutter der Bourbonen, Beatrix von Burgund (1257/58-1310), geschmückt hatte (Abb. 3). Dieses Symbol (oder Emblem) war schon von dem Großvater von Beatrix, Archambault IX. (um 1205-1249), dem Herrn von Bourbon, verwendet worden (Abb. 4). Dieser hatte zwei Töchter Mathilde II. († 1262) und Agnes († 1288). Agnes erbte von ihrem Vater das Bourbonnais und damit die Muschel. Sie heiratete Johann von Burgund und brachte nur ein einziges Kind auf die Welt, ihre Tochter Beatrix, die den jüngsten Sohn des französischen Kapetingerkönigs Ludwig IX. des Heiligen, Robert von Clermont, ehelichte. Beatrix und Robert sind die Stammeltern der Herzöge von Bourbon. Die junge Dame auf dem Porträt der Abbildung 2, das angeblich Margarete von Österreich wiedergeben soll, weist dieses Bourbon-Symbol in Form einer Kette von aneinander gereihten Muscheln am Rande ihres Kopftuches auf, das ihr Gesicht umrahmt (Abb. 5). Damit konnte das Mädchen oder die junge Frau nicht Margarete von Österreich sein. Denn diese war, was ihre Herkunft betraf, väterlicherseits eine Habsburgerin und mütterlicherseits eine burgundische Valois. In ihrer ersten Ehe war Margarete außerdem mit dem französischen König Karl VIII. (aus dem Haus der französischen Valois), in ihrer zweiten Ehe mit dem spanischen Thronfolger Juan und in ihrer dritten Ehe mit dem Herzog Philibert II. von Savoyen verheiratet gewesen. Sie hatte also weder durch ihre Geburt in die Dynastie der Habsburger noch durch ihre drei Ehemänner irgendetwas mit dem Haus von Bourbon zu tun und durfte sich daher auch nicht mit dem Bourbon-Symbol der Muschel schmücken. Muscheln sind zwar beliebte Symbole in vielen Dynastien, aber in den Dynastien der Habsburger und der Valois, der burgundischen und französischen, gibt es nicht das Emblem der Muschel.
Durch diese Entdeckung, dass es sich bei der Dargestellten in der Abbildung 2 um ein weibliches Familienmitglied der Bourbonen oder um eine Frau handelte, die in diese Dynastie hineingeheiratet hatte, hatte ich im wahrsten Sinne des Wortes „Blut geleckt“. Konnte ich herausbekommen, wer sie war? Ich besorgte mir daher sämtliche Bücher, die in meinen Universitätsbibliotheken über die Bourbonen vorhanden waren, und erstellte eine Stammtafel dieser Dynastie für das 15. und 16. Jahrhundert. Durch das Kleid und die Kopfbedeckung der jungen Frau, die in Frankreich und in Burgund um 1490 bis um 1510 in Mode waren, können wir die Erstellung des Porträts datieren. Die Abgebildete kann überdies nicht jünger als 10 Jahre und nicht älter als 15 Jahre gewesen sein, als ihr Porträt angefertigt wurde. Also müssen wir nach weiblichen Mitgliedern oder Gattinnen der Bourbonen suchen, die zwischen 1475 und 1500 geboren wurden. Und wieder hatte ich das Glück auf meiner Seite. Die Söhne des Herzogs Karl I. von Bourbon (1401-1456) hatten mit Ausnahme von Pierre II. Probleme, gesunden, legitimen Nachwuchs zu produzieren. Letzterer wurde hingegen der Vater einer Tochter, die im Jahr 1491 das Licht der Welt erblickte. Sie ist das einzige weibliche Mitglied ihrer Dynastie, die im Zeitraum zwischen 1475 und 1500 geboren wurde, und ihr Name lautet: Suzanne von Bourbon (1491-1521).
Keine der Gattinnen der Söhne von Karl I. von Bourbon erblickte überdies in diesem Zeitraum das Licht der Welt. Es gibt also in der Tat nur eine einzige Kandidatin für die junge Dame in der Abbildung 2. Die Borte ihres Gewandes, die ihren Ausschnitt umgibt, zeigt zudem ein weißes, spiegelverkehrtes „C“ auf der linken Seite und ein weißes, reguläres „C“ auf der rechten Seite, das sich mit dem Motiv zweier senkrechter Striche abwechselt (Abb. 6).
Der Maler dieses Porträts, Jean Hey, der Meister von Moulins und Hofmaler der Bourbonen, hatte daher den Auftrag, ihr Porträt zu erstellen, bei einem ganz besonderen Anlass erhalten: Suzannes Heirat mit ihrem Cousin zweiten Grades, Charles II. von Bourbon (Abb. 7). Wir sind also sogar in der Lage, dieses Gemälde zu datieren. Es wurde kurz nach der Hochzeit von Suzanne und Karl II. am 10. Mai 1505 gefertigt und stellt das erste offizielle Porträt der neuen Herzogin von Bourbon, Suzanne von Bourbon, dar. Suzanne hatte durch ihre Heirat mit ihrem Cousin überdies wie die Stammmutter ihrer Dynastie, Beatrix von Burgund, als Erbtochter von Pierre II. von Bourbon das Herzogtum von Bourbon durch das „iure uxoris“ (= das Recht der Ehefrau) an ihren Gatten übertragen. Er wurde somit zum Nachfolger von seinem Schwiegervater bestimmt.
Der Bildhintergrund von dargestellten Personen ist im Mittelalter und in der Renaissance immer sehr eng mit diesen verbunden. So sehen wir in Suzannes Porträt (Abb. 2) im Hintergrund rechts die Stadt Moulins, den Hauptsitz der Bourbonen, und davor, von einem Wassergraben umgeben, das Schloss von Chantelle, das laut der zeitgenössischen Quellen zu den schönsten Schlössern Frankreichs gezählt haben soll. Es gibt übrigens noch weitere Porträts von Suzanne von Bourbon (Abb. 8 und Abb. 10). In der Abbildung 8 hatte der Meister von Moulins ein Porträt von ihr erstellt, als sie ungefähr zwei Jahre alt war. Und dieses Porträt erkennen auch die Kunsthistoriker als ein Bildnis von Suzanne von Bourbon an. Vergleichen Sie nun einmal dieses Porträtgemälde mit der Abbildung 2 (Abb. 9).
Im Metropolitan Museum of Art in New York, in dem sich das Porträtgemälde von Suzanne, der neuen Herzogin von Bourbon (Abb. 2), befindet, wird die Dargestellte jedoch immer noch als Margarete von Österreich bezeichnet. Das Bildnis soll nach Meinung der dortigen Kunsthistoriker um 1490 gefertigt worden sein - haben sie hierfür eine zeitgenössische schriftliche Quelle gefunden [nein!] oder ist es wieder reine Raterei? [ja] -, und bei den beiden Buchstaben handelt es sich laut ihnen um ein „C“ (für den französischen Thronfolger Karl VIII.) und ein „M“ (für Margarete von Österreich). Die Kunsthistoriker in diesem angesehenen Museum haben es bis heute – wir befinden uns mittlerweile im Jahr 2026 – immer noch nicht geschafft, sich von den Universitätsbibliotheken in New York Manuskripte aus dem Mittelalter und der Renaissance zu besorgen, um sich einmal anzuschauen, wie denn der Buchstabe „M“ im 15. und 16. Jahrhundert wirklich aussah (Abb. 11). Das "M" wurde nie mit zwei senkrechten Strichen dargestellt!
Die Identifizierung der Person, die Datierung des Gemäldes und die Entzifferung der Buchstaben, von den Kunsthistorikern vorgenommen, sind in dem Bildnis von Suzanne von Bourbon also falsch. Mehr Fehler kann man sich wohl hinsichtlich eines Porträtgemäldes nicht leisten. Aber auf eine Korrektur der Fehler werden wir wie üblich vergeblich warten. Denn das Motto der Kunsthistoriker ist nun einmal: „Ich denke, also ist es!“
Die Verwendung von Buchstaben zur leichteren Identifizierung finden wir bei den Bourbonen übrigens des Öfteren auf ihren Bildnissen. So benutzte Suzannes Tante, Isabella von Bourbon (1437-1465) (Abb. 12), in einem ihrer Porträts neben dem Wappen ihrer Familie, den drei französischen goldenen Lilien auf blauem Hintergrund mit dem roten Strich oder der roten Schärpe, die Buchstaben „Y“ (für Ysabella (= Isabella) und „C“ (für Charles (= Karl der Kühne, Herzog von Burgund) auf ihrer Kopfbedeckung, dem Hennin. Wäre sie bei diesem Porträt nur mit dem Wappen ihrer Dynastie geschmückt worden, dann hätte es insgesamt 10 Kandidatinnen für diese junge Frau gegeben. Es handelt sich also in diesem Fall erneut um ein Identifikationsporträt. Es gibt nur eine einzige Kandidatin.
Nachdem es mir gelungen war, die jungen Damen in der Abbildung 2 und in der Abbildung 12 zu identifizieren, wurde ich neugierig. Stellten diese Porträts einen Sonderfall dar, oder können wir in der Tat aufgrund der Wappen und der Symbolik die Damen und Herren auf den schönen Renaissance- Porträts, wenn diese hinzugefügt worden sind, identifizieren? Hatte Leonardo da Vinci recht mit seiner Bemerkung: „Malerei braucht keine Worte“? Ich nahm mir daher andere Porträts vor, die ich in meiner Biografie über Margarete von Österreich ebenfalls verwenden wollte, wie zum Beispiel ihre Schwägerin Katharina von Aragon (1485-1536), die jüngste Schwester ihres zweiten Gatten Juan von Spanien und erste Gattin des englischen Königs Heinrich VIII., und ihre Stiefgroßmutter Margarete von York (1446-1503), Herzogin von Burgund. Bei beiden Porträts handelt es sich übrigens erneut um Identifikationsporträts.
Der Porträtmaler von Katharina von Aragon (Abb. 13), bei dem es sich laut der Kunsthistoriker um Michel Sittow handelt, verwendete 1. bei der Kopfbedeckung, die Katharinas Gesicht umrahmt, die spezifischen Farben des spanischen Königshauses von Aragon, Gold und Rot, 2. als Muster um den Ausschnitt des Kleides herum das spezifische Symbol der Muschel des Heiligen Jakobus des Älteren, das ebenfalls für das Königshaus von Aragon steht, 3. bei der Kette um den Hals die rote und die weiße Rose der englischen Königsdynastien der Tudors und der Plantagenets und 4. den großen Buchstaben „K“, der sich mit den roten und weißen Rosen abwechselt, und 5. bei der Aussparung des Ausschnittes im unteren Teil den kleinen Buchstaben „e“. Jetzt benötigen wir nur noch die Stammtafeln des spanischen Königshauses und der Tudors und können die Dame bei ihrem Namen nennen: Katherine von Aragon. Es handelt sich - nebenbei bemerkt - um ein sehr gelungenes Porträt der jungen Katharina von Aragon. So sah sie wirklich als junge Frau aus.
Bei dem Porträt von Margarete von York (Abb. 14), der Herzogin von Burgund, ist es wichtig, sich zuerst einmal ihre Kopfbedeckung, den Hennin, anzuschauen, der in dieser Form in den 60er und 70er Jahren des 15. Jahrhunderts in Mode war. Das heißt, dieses Porträtgemälde entstand in den 60er und 70er Jahren des 15. Jahrhunderts. Der Maler fügte, um uns die Identifizierung von Margarete von York zu erleichtern, sehr viele Symbole hinzu. Die Halskette weist wie die Kette von Katharina von Aragon rote und weiße Rosen auf. Wir sind jedoch noch vor der Zeit der Thronbesteigung der Tudors in England, also vor 1485. Es gibt daher das Symbol der roten Tudorrose noch nicht. Die weiße Rose ist das Symbol für die Plantagenets, einem anderen englischen Königsgeschlecht, dem Margarete entstammte. Die rote Rose ist das Hochzeitssymbol der burgundischen Valois. Die kleine Margeritenblume (vom Betrachter gesehen links oben am Kleid) ist ebenfalls ein Symbol der burgundischen Valois und weist überdies noch auf ihren Namen „Margarete“ hin. Sie ist übrigens die einzige Pflanze, die im Mittelalter und der Renaissance mit einem spezifischen Namen verbunden werden kann. Der Buchstabe „B“ am Schleier des Hennins steht für die Bourgogne (oder Burgund) und die Buchstaben „C“ und „M“ für Charles (Karl den Kühnen, Herzog von Burgund) und Margarete. Der Maler hat wirklich alles getan, dass jeder, ob er zu ihrer Zeit oder im 21. Jahrhundert lebte bzw. lebt, „Margarete von York“, die Herzogin von Burgund, identifizieren konnte bzw. kann. Das Porträt ist zudem durch die rote Rose erneut zeitlich zu datieren. Es entstand anlässlich Margaretes Hochzeit mit Karl dem Kühnen im Jahr 1468 (Hochzeit am 3. Juli 1468) und stellt ihren Zeitgenossen die neue Herzogin von Burgund vor.
Übrigens existiert die Bourbonen-Muschel noch heute in weißer Farbe im Wappen der Bourbonen-Parma (Abb. 15). Haben Sie jetzt nicht auch Lust bekommen, die hohen Herren und Damen in den Bildbänden des Mittelalters und der Renaissance einmal selbst zu identifizieren?













