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01/12/2022

Wenn Historiker oder Heimatforscher ihre Objektivität aufgegeben haben

Wenn Historiker oder Heimatforscher ihre Objektivität aufgegeben haben und nicht mehr den historischen Quellen, sondern nur noch ihren Gefühlen folgen am Beispiel von Hans-Jürgen Pletz-Krehahn in seinem Artikel: Warum kam es zur Rubens-Affäre? Die bislang unbekannte Krankheit der Anna von Sachsen, erschienen im Heimatjahrbuch für das Land an der Dill 1990, S. 207-212.

Seinen Artikel bezeichnet der Heimatforscher Hans-Jürgen Pletz-Krehahn zudem als „Ein Beitrag zur Medizingeschichte“. Immerhin sieht er als Heimatforscher ein, dass er „mit einer solchen Aufgabe überfordert“ ist und bittet daher vier Herborner Spezialmediziner um Mithilfe. Bei diesen Medizinern handelt es sich um den Gynäkologen Oskar Graser, den Psychiater Kurt Hempelmann, den HNO-Arzt Rahim Schayan und den Internisten Konrad Stöcker, die als Männer des 20. Jahrhunderts „die Patientin Anna von Sachsen (1544-1577)“ selbstverständlich nie trafen – es trennte sie schließlich über 400 Jahre – und die daher eine sehr weite Ferndiagnose vornehmen mussten.

Hans-Jürgen Pletz-Krehahn kommt schließlich „bei eingehendem Studium zum Schluß, daß Anna von Sachsen an der Basedowschen Krankheit gelitten haben muß.“ Bei der Basedowschen Krankheit handelt es sich übrigens um eine Autoimmunerkrankung, die eine Schilddrüsenüberfunktion auslöst und zu Gewichtsverlust, Nervosität und Herzrasen führen kann. Andere Merkmale dieser Krankheit sind hervortretende Augen (Glotzaugen) und die Bildung eines Kropfes (auch Struma genannt). Da jedoch auf keinem Porträt von Anna von Sachsen, auch nicht den falschen auf Wikipedia, ein Kropf zu sehen ist, kommt Pletz-Krehahn seinen Kritikern zuvor, indem er Folgendes hinzufügt: „Da sich die Vergrößerung der Schilddrüse jedoch in der Regel in mäßigen Grenzen hält, ist dies wohl auch die Ursache, daß von einer Struma Annas nichts berichtet wird.“ Aber: „So läßt sich z. B. aus zeitgenössischen Gemälden und Graphiken der Exophtalmus (korrekt: Exophthalmus) (also die Glotzaugen) Annas erkennen“. Welche Porträts standen Pletz-Krehahn zur Verfügung, die wir nicht kennen? Auf keinen ihrer Bildnisse, den richtigen und den falschen, sind Glotzaugen zu entdecken. Pletz-Krehahn selbst fügte in seinem Artikel nur ein Porträt (Abb. 1) hinzu, das angeblich Anna von Sachsen darstellen soll, bei dem es sich aber um ein Porträt von der sächsischen Prinzessin Sophia (1587-1635) oder ihrer jüngeren Schwester Dorothea (1591-1617) handelt. Vergessen Sie das Gekritzel unter der Zeichnung! Gemälde und Zeichnungen aus dem Mittelalter und der Renaissance wiesen keine schriftlichen Zusätze mit dem Namen der Dargestellten auf. Zur Identifizierung bediente man sich in dieser Zeit noch der Symbolik. Ja, mit der Geschichte der Mode müsste man sich auskennen. Dann wäre dieser grobe Fehler nicht passiert. Wenn Sie wissen möchten, wie Anna von Sachsen wirklich aussah, dann lesen Sie meinen folgenden Artikel und urteilen Sie selbst, ob Anna von Sachsen einen Kropf und Glotzaugen besaß.

Abb. 1: Nicht Anna von Sachsen, die Prinzessin von Oranien, sondern eine der Töchter ihres Cousins Christian I., Kurfürst von Sachsen, entweder Sophia oder Dorothea von Sachsen

Der Artikel von Pletz-Krehahn ist gefüllt mit Vermutungen und Annahmen, wenn es jedoch um Fakten geht, die man den zeitgenössischen Quellen leicht entnehmen kann, versagt der Autor: „… nachdem sie (Anna) ihre Mutter schon mit acht und ihren Vater mit zehn Jahren verloren hatte.“ Nein, lieber Heimatforscher und großer Wilhelm-von-Oranien-Fan, Anna hatte ihren Vater mit acht Jahren und ihre Mutter mit zehn Jahren verloren (genau umgekehrt)!

Dann folgen vom Autoren noch eine Prise böswilliger Gerüchte, für die er selbstverständlich keine historischen Quellen vorlegen konnte: „Annas gesamtes Verhalten, namentlich ihre Neigung zu extravaganten Handlungen – vor allem auf erotischem Gebiet (es gibt Anzeichen dafür, daß Rubens nicht ihr einziger Liebhaber war) ...“ und seine großzügige Vergebung ihr gegenüber, denn ihr unsittliches Verhalten „ist durch die durch Basedow bedingte Störung des psychischen Gleichgewichts teilweise zu entschuldigen.“ Und was hat Pletz-Krehahn über die zahlreichen außerehelichen Beziehungen seines vergötterten Helden Wilhelm von Oranien zu sagen, die für großen Gesprächsstoff unter dessen Zeitgenossen sorgten? Natürlich nichts!

Ich hoffe wirklich, dass Historikern oder Heimatforschern wie Hans-Jürgen Pletz-Krehahn in Zukunft in keiner Zeitung und in keinem Jahrbuch noch einmal die Möglichkeit gegeben wird, solch einen Unsinn schreiben zu dürfen. Es ist eines Historikers einfach unwürdig.

als Buch und E-book

Anna von Sachsen – Gattin von Wilhelm von Oranien
124 Seiten, mit Stammtafeln und 64 SW-Bildern, ISBN 978-1-9733-1373-1, 4. überarbeitete Auflage, € 7,80
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