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Die Borgia — Juan Borgia (auch Giovanni Borgia genannt)

Juan Borgia (auch Giovanni Borgia genannt)
Juan Borgia (auch Giovanni Borgia genannt), der Lieblingssohn des Papstes Alexander VI.

Juan Borgia, der Liebling seines Vaters, des Papstes Alexander VI.:

Mittlerweile ist er dank Volker Reinhardt und der deutschen Wikipedia wieder zum zweiten Sohn des Papstes Alexander VI. aus seiner Beziehung mit Vannozza de Catanei erklärt worden, obwohl er der Erstgeborene ist. Als Beweis für diese falsche Behauptung wird bei Wikipedia die Grabplatte seiner Mutter herangezogen und eine päpstliche Bulle von 1493. Letztere ist selbstverständlich nicht zitiert worden, sonst könnte sich der Leser oder die Leserin ja selbst ein Urteil fällen. Die Grabplatte von Vannozza de Catanei wurde nach ihrem Tod im Jahr 1517 erstellt. Auf ihr nannte man den Sohn zuerst, der der Bekannteste unter seinen Zeitgenossen war, und das war ohne Frage ihr Sohn Cesar. Es sieht so aus, dass es - zumindest in Deutschland - reicht, dass ein Professor seine persönliche Meinung bezüglich der Reihenfolge der Kinder von Alexander VI. zu Buch bringt und Wikipedia folgt. Wie wäre es mit eigenen Studien? Schon einmal die Werke der großen Borgia-Experten wie von Ferdinand Gregorovius oder Arnold H. Mathew oder Pier Desiderio Pasolini oder des Zeitgenossen der Borgias, des berühmten florentinischen Historikers Francesco Guicciardini, gelesen, der in seinem Buch "Die Geschichte von Florenz" Juan bzw. Giovanni Borgia als den "Erstgeborenen" von Alexander VI. und Vannozza de Catanei nennt?

Marcantonio Altieri, einer der angesehensten Männer Roms, Guardian der Kompanie del Gonfalone ad Sancta Sanctorum und nicht nur Zeitgenosse, sondern auch Freund von Vannozza Catanei, schrieb Folgendes: "Wir dürfen auch nicht die liebevollen Stiftungen vergessen, welche die hochangesehene und hochgeehrte Frau Madonna Vannozza vom Haus Catanei machte, die glückliche Mutter der Erlauchtesten Herren, des Herrn Herzogs von Gandia [Juan], des Herrn Herzogs von Valence [Cesar], des Prinzen von Squillace [Jofré] und der Madonna Lucrezia, Herzogin von Ferrara ..." (in: Ferdinand Gregorovious, Lucrezia Borgia, München 1982, S. 287-288). Nach dem Brauch der Zeit hatten die Söhne das Vorrecht vor den Töchtern genannt zu werden.

Und für alle, die sich das Buch von Volker Reinhardt "Der unheimliche Papst Alexander VI. Borgia" (Ausgabe des Jahres 2007) gekauft haben, in dem sehr viel behauptet wird, was aber durch zeitgenössische Quellen nicht unterstützt wird, noch ein wichtiger Hinweis: Volker Reinhardt hat einige Probleme mit den italienischen Hauptfiguren und ihrer Zugehörigkeit zu ihren Familien. Er hat also nicht nur bei der Reihenfolge der Söhne des Papstes Alexander VI. einen großen Fehler begangen, sondern - um nur ein weiteres Beispiel anzuführen - auch bei der Gattin von Gian Galeazzo II. Maria Sforza, Isabella. Sie ist nicht die Tochter des neapolitanischen Königs Ferrante (Seite 60), sondern dessen Enkeltochter. Ihr Vater war der neapolitanische König Alfonso II. von Aragon. Es bestand zudem eine sehr schwere Konfrontation zwischen Lodovico il Moro Sforza und Alfonso II. von Aragon und nicht zwischen Lodovico il Moro und Ferrante von Aragon. Solange Letzterer lebte - er starb im Jahr 1494 -, bestand Hoffnung, dass ein möglicher Krieg in Italien durch den Einsatz von Diplomatie noch behoben werden konnte. Die neapolitanischen Könige Ferrante und Alfonso II. sollten nicht durcheinander gebracht werden. Sie sind, was ihre Persönlichkeit betrifft, sehr unterschiedliche Herrscher gewesen! Die große Wissenslücke hinsichtlich der Geschichte der Sforza ist für jemanden, der sich selbst als Experte der Renaissance sieht, geradezu peinlich. Ebenso die fixe Idee des Autoren, dass die Borgia "Könige von Neapel" werden wollten - und das angeblich schon seit 1458. Diese Theorie kann weder durch eine ernstzunehmende historische Quelle noch durch die Vorgehensweise der Borgia bestätigt werden.

Das Buch von Volker Reinhardt ist eine reine Enttäuschung für jeden, der sich mit der italienischen Renaissance wirklich auskennt. Persönliches über die wichtigsten "Mitspieler" in dieser hochinteressanten Zeitepoche hat er nicht zu berichten, da er sich dafür nicht interessiert. Dafür hat er jedoch zumindest eine vorgefasste Meinung, was Papst Alexander VI. und seinen Sohn Cesar Borgia betrifft, und die versucht er dann auch mit Gewalt, mit ihm genehmen historischen Quellen in seinem Buch durchzusetzen. Quellen, die seiner Theorie oder persönlichen Meinung widersprechen, werden als Gerüchte oder unglaubwürdige historische Unterlagen abgetan. Selbiges erfahren Autoren, die nicht in seinem Sinne geschrieben haben und die er mit "ungenau und unzuverlässig" disqualifiziert. Selbst Ferdinand Gregorovius, der in der Tat einige Fehler bei seinen Rückschlüssen aus seinem aus den Archiven reichlich erworbenen Schatz an historischen Quellen über die Borgia begangen hat, der jedoch trotzdem zu einem der wichtigsten Informanten der Borgias zählt, wurde von ihm mit "nicht selten unzuverlässig" versehen. Seine Hauptquelle ist hingegen der venezianische Geschichtsschreiber Marino Sanudo, der die Borgia persönlich nicht kannte und der sein Wissen aus den Aufzeichnungen der venezianischen Botschafter am päpstlichen Hof bezogen hatte. Jeder Historiker, der mit Aufzeichnungen von Botschaftern aus dem Mittelalter und der Renaissance arbeitet, weiß, dass er diese mit Vorsicht behandeln muss. Aber Marino Sanudo sagt genau das, was Volker Reinhardt von seinen historischen Quellen zu hören wünscht. Um seine Theorie über die Borgias zusätzlich zu bekräftigen, wird noch fleißig heruminterpretiert. Ja das muss man Volker Reinhardt lassen, er ist ein Meister des Wortes. Welcher Laie, ja selbst Historiker, der sich nicht intensiv mit der Renaissance beschäftigt hat, kann, da sein Buch nur mit sehr wenigen Fußnoten versehen ist, noch unterscheiden, wann etwas von ihm Behauptetes wirklich auf historischen Quellen basiert oder nur seine persönliche Meinung widerspiegelt?

Als Beispiel für die subjektive Vorgehensweise des Autors seien zwei der beigefügten Bilder herangezogen. So liest man unter dem angeblichen Porträt der Vannozza de Catanei (Seite 53): "Nach alter und glaubwürdiger Tradition stellt das Bild Vannozza Cattanei ... dar" und unter dem Porträt von Lucrezia Borgia (Seite 217): "Nach einer ebenso unbewiesenen wie zählebigen Tradition soll Pintoricchios Fresko der heiligen Katharina von Alexandria ... Lucrezia [Borgia] ... verewigen." Liebe Leser und Leserinnen, nennt man das objektive Geschichtsschreibung? Das erste Porträt erhält von Volker Reinhardt die Bezeichnung "glaubwürdig", wobei man natürlich sofort fragen möchte, warum glaubwürdig? Hat er eine detaillierte Beschreibung von Vannozza de Catanei, die mit dem Äußeren der Dame übereinstimmt (hat der Autor natürlich nicht), oder ist die Dame mit den Symbolen der Borgia versehen worden (ist sie nicht)? Was ist es dann, was dieses Bildnis zu einem glaubwürdigen Porträt von Vannozza de Catanei macht? Ganz einfach, die persönliche Meinung des Autoren! Auch die Bezeichnung "nach alter Tradition" ist etwas zu positiv für dieses Bildnis. Denn erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts wurde dieses Porträt zum ersten Mal als mögliche Wiedergabe der Vannozza de Catanei betrachtet. Bei der Dargestellten handelt es sich übrigens um Bona von Savoyen, der Gattin des mailändischen Herzogs Galeazzo Maria Sforza, die mit einem wichtigen Symbol der Sforza versehen wurde. Das Porträt von Lucrezia Borgia, das er mit den Adjektiven "unbewiesen" und "zählebig" versah und das wirklich den Zusatz "nach alter Tradition" verdient hätte - schließlich sahen schon ihre Zeitgenossen des 16. Jahrhunderts (Giorgio Vasari) in den Fresken des Borgia-Palastes Darstellungen des Papstes Alexander VI. und seiner Familienangehörigen -, stellt hingegen in der Tat die hübsche Papsttochter dar. Sie lieh in diesem Fresko der Hauptheiligen der Familie ihres Gatten Giovanni Sforza, der Heiligen Katharina von Alexandria, ihr Gesicht. Außerdem haben wir eine Reihe zeitgenössischer historischer Quellen, die uns von ihrer äußeren außergewöhnlichen schönen Erscheinung berichten.

Aber wie bereits erwähnt, für Persönliches der in seinen Büchern erwähnten historischen Gestalten interessiert sich der Autor nicht. Nur dass Cesar Borgia es liebte, Stiere zu töten, was nicht wundert, da sein Vater von Geburt her Spanier war, wird uns des Öfteren erzählt. Dieses ist das zweite und letzte Buch von Volker Reinhardt (neben "Die Medici - Florenz im Zeitalter der Renaissance"), das ich mir angetan habe. Das Leben ist einfach zu kurz für solche Bücher!

P.S.: Die Abbildung 11, die der Autor nicht mit "nach alter Tradition" oder "glaubwürdig" oder "unbewiesen" versehen hat, da er wusste (woher?), dass es sich bei den vier abgebildeten Herren um Niccolò Machiavelli, Cesar Borgia, Kardinal Ludovico Borgia und Micheletto Corella handelt, stellt keinen der vier genannten Herren dar.


Lesetipps:

Maike Vogt-Lüerssen: Lucrezia Borgia – Das Leben einer Papsttochter in der Renaissance


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